Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

EDITA GRUBEROVÁ: Sie lässt Töne schwerelos segeln

Seit 50 Jahren steht die Sopranistin auf der Opern- und Konzertbühne und begeht dieses Jubiläum heute am Opernhaus Zürich. Was ist ihr Erfolgsrezept? Edita Gruberová erklärt es.
Rolf App
Das Geschenk ihrer Stimme bestimmt ihr Leben: Edita Gruberová 2013 in Baden-Baden. (Bild: Uli Deck/EPA)

Das Geschenk ihrer Stimme bestimmt ihr Leben: Edita Gruberová 2013 in Baden-Baden. (Bild: Uli Deck/EPA)

Rolf App

Sie steht in der kleinen Kirche und schaut sich in dieser Oase ihrer Kindheit um. «Dort war der Pfarrer, hier sass ich. Und er sagte: Du musst Sängerin werden.» Sie habe ihn gefragt: «Aber kann man denn davon leben?» So geht das Mädchen, das bisher so gern in einem Birnbaum in den Weinbergen gesessen und dort gesungen hat, von Raca ins nahe Bratislava. Ans Konservatorium, und die Lehrerin macht aus Edita Gruberová einen Koloratursopran, wie ihn Bratislava, wie ihn die Welt noch nie gehört hat. Es ist die Rosina in Gioachino Rossinis «Il Barbiere di Siviglia», mit der sie am 19. Februar 1968 in der Hauptstadt der heutigen Slowakei debütiert. Vor fünfzig Jahren also.

Heute steht sie wieder auf der Bühne, diesmal jener des Zürcher Opernhauses. In einem Galakonzert mit den Schlussszenen aus «Maria Stuarda», «Anna Bolena» und «Roberto Devereux», den drei grossen Königinnen-Dramen Gaetano Donizettis. Sie hoffe sehr, dass sie noch ein paar Jahre habe, hat sie 2008 im Film gesagt, der ihr Leben erzählt. «Vielleicht werden es sogar zehn.» Es sind zehn geworden.

Mit ihren Fans ist sie freundschaftlich verbunden

Ihre Fans werden wohl auch dabei sein in Zürich. Jene Gruppe von Menschen, die zu ihren Auftritten anreisen und von denen sie sehr liebevoll spricht. «Ich fühle mich ihnen freundschaftlich verbunden», sagt sie. Da ist das Ehepaar aus Basel, das sie seit den frühen Achtzigerjahren kennt. Da ist die Oberschwester aus Deutschland, die bei ihrer ­Arbeit Schwierigstes erlebt. Und die all das vergisst, wenn sie ­diese Stimme hört, die sich so scheinbar mühelos in die Höhe schwingt, intensiv und konzentriert und niemals zu laut. Deren Töne «auch im feinsten Pianissimo segeln wie auf einem fliegenden Teppich», wie es der Musikkritiker Jürgen Kesting beschrieben hat. «Bei der Gruberová fangen die Koloraturen an zu leben», sagt im erwähnten Film der mittlerweile verstorbene Musikkritiker Joachim Kaiser. Und der Dirigent Nikolaus Harnoncourt, von dem sie gelernt hat, «wie man Mozart singt», lobt ihre wunderbar flexible Stimme «mit ihren tausend Möglichkeiten und vielen Farben».

Wie hat Edita Gruberová das geschafft?

Es ist eine ganz unverwechsel­bare Stimme. «Die grossen Sängerinnen haben immer ein un­verwechselbares Timbre», sagt Brigitte Fassbaender, Edita Gru- berovás langjährige Kollegin. «Man hört das schon nach ein paar Takten. Bei Edita Gruberová brauche ich nur einen halben Ton, um sie zu erkennen.»

Doch wie hat die heute 72-Jährige es geschafft, sich so lange halten zu können, während andere schon viel früher aufhören mussten? Zweieinhalb Jahre sind es her, da sitzt sie in der Garderobe des Theaters St. Gallen und erklärt sich. «Das beginnt schon ganz am Anfang», sagt sie. «Es gibt heute Sängerinnen, gute Talente, die in grossen Rollen gleich auf allen Bühnen der Welt stehen. Ich aber habe mich an der Staatsoper Wien sieben Jahre lang mit kleinen Rollen begnügen müssen. Das war bitter. Aber es hat mir das Leben gerettet.»

So kann ihre Stimme reifen, bis der Moment da ist. Nach der Königin der Nacht in Mozarts «Zauberflöte» ist es vor allem die Zerbinetta in «Ariadne auf Naxos» von Richard Strauss, die 1976 diese frustrierende Zeit beendet. «Ich kann mich gut erinnern an all die grossen Sänger und an die erste Probe», sagt sie. «Ich sang vor, und Böhm sagte zum Pianisten: ‹Aber wie singt denn die?› War das nun ein Lob, war es das Todesurteil?» Bei der Premiere klärt es sich: «Wenn das der Strauss g’hört hätt’», sagt Böhm zu Edita Gruberová. Kein Wunder, wird die Zerbinetta zu einer ihrer Paraderollen.

Zweites Erfolgsrezept der Sängerin: «Ich habe meinen Stimmbändern zugehört. Die haben mir gesagt, welche Rollen ich singen soll – und wovon ich besser die Finger lasse.» Vieles von Verdi ist zu schwer, Wagner sowieso. Mozart passt wunderbar, vor allem aber das grosse Trio des italienischen Belcanto: Rossini, Donizetti, Vincenzo Bellini.

Trotz der Erfolge: Die Anspannung bleibt

Drittens aber, und das ist vielleicht das Wichtigste: Sie achtet nicht nur darauf, dass sie genügend Ruhezeiten hat. Sie ist auch streng, mit sich und mit den ­andern. Im Gespräch sagt sie gar nicht viel zu dieser enormen Selbstdisziplin, aber man spürt sie. Immerhin, sie erzählt, wie sie zehn Jahre zuvor «etwas gemerkt hat – das Publikum noch nicht» und wie sie dann eine Stimmbildnerin aufgesucht hat. «Heute ­singe ich mit einer ganz anderen Technik. Das war schwer, aber es hat sich gelohnt.»

Was aber bleibt – auch in dieser einzigartigen Karriere, in deren Verlauf Edita Gruberová auch gelernt hat, sich durchzusetzen –, das ist die Anspannung. Jeder Auftritt ist «eine Art Prüfung». Die Leere vor diesem Auftritt und die körperliche und seelische Erschöpfung danach. Das gehört zum Preis, den sie zahlen muss. «Manchmal stelle ich mir vor, wie es für meine Familie war, mit einer so angespannten Mutter leben zu müssen.»

Doch andererseits sagt sie: «Das ist mein Leben.» Sie hat sich damit abgefunden, dass sie noch immer mit einem Koffer voller Noten in die Ferien verreist. Gott hat ihr diese Stimme gegeben, und dieses Geschenks muss sie sich würdig erweisen. Womit wir wieder dort sind, wo alles angefangen hat: in der kleinen Kirche von Raca.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.