Kriminalroman
«Edinburgh ist Jekyll-and-Hyde-City»

Vor 30 Jahren erschien der erste Krimi mit Inspector Rebus. Ein Gespräch mit seinem Schöpfer Ian Rankin.

Nina Kobelt
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Krimiautor Ian Rankin: «Ich bin der Detektiv, der versucht herauszufinden, was zur Hölle passiert ist.»

Krimiautor Ian Rankin: «Ich bin der Detektiv, der versucht herauszufinden, was zur Hölle passiert ist.»

Alamy Stock Photo

Herr Rankin, ich bin besorgt: Im neuen Krimi ist der pensionierte Inspector John Rebus krank. Ist seine Zeit abgelaufen?

Ian Rankin: Well. Er ist tatsächlich krank. Doch das heisst nur, dass er Medikamente nehmen muss – und sich mehr Sorge tragen.

Sie lassen ihn also nicht sterben!

Natürlich stirbt er irgendwann. Er altert mit jedem Buch, er ist jetzt Mitte 60 und auch er kann nicht ewig leben. Aber es gibt keine aktuellen Pläne, ihn sterben zu lassen. Er ist einfach nicht mehr so gesund, wie er einmal mal war.

Ich hätte das Gefühl, ich würde einen Freund verlieren.

Yeah. Ich auch. Ich habe nun über
30 Jahre mit ihm gelebt. Wir beide haben uns verändert: Wir sind reifer geworden. Auch ich bin nicht mehr jung, meine Knie schmerzen, ich sehe und höre nicht mehr so gut, ich wiege sehr viel mehr als auch schon. Kurz: All das, was einem im realen Leben widerfährt, macht auch Rebus durch.

Ian Rankins neuer Krimi: «Ein kalter Ort zum Sterben»

Der Mord im Caledonian Hotel an einer Bankiersgattin vor 40 Jahren wurde nie aufgeklärt – ein Skandal, der John Rebus nicht loslässt. Während sich der pensionierte Inspektor in alten Akten vergräbt, gerät das kriminelle Machtgefüge in Edinburgh ins Wanken: Junggangster Darryl Christie wird halb totgeschlagen. Steckt Ex-Gangsterboss Big «Ger» Cafferty dahinter? Rebus ermittelt in «Ein kalter Ort zum Sterben».

Ian Rankin (56) macht in diesem Jahr öfter Schreibpause. Auch, weil sein Inspector Rebus Jubiläum feiert: Im März 1987 erschien der erste Rebus-Krimi, «Verborgene Muster». Edinburgh gedenkt dieses Jubiläums mit einem dreitägigen Festival vom 30. Juni bis 2. Juli 2017. (NK)

Rebus hat einen guten Musikgeschmack, Sie lassen das auch immer wieder einfliessen in die Krimis. Ist es Ihr Geschmack?

Ja, grösstenteils. Er ist eine andere Generation als ich. Rebus hört keine neue Musik, ich schon. Er hat wohl seit 1985 kein neues Album gekauft.

Als Leser hat man auch Einsicht in das Innenleben der Bad Guys.

Sie denken an Gangsterboss Cafferty? Er ist Mister Hyde.

Und Rebus ist Dr. Jekyll?

Genau. Rebus und Cafferty sind sich sehr ähnlich. Sie haben einen ähnlichen Hintergrund, sind am gleichen Ort aufgewachsen. Zwischen ihnen ist Empathie. Die beiden alten Männer beobachten ihre Umgebung, die sie immer weniger verstehen – vieles verändert sich. Rebus und Cafferty mögen keine Veränderungen. Beide fragen sich: Habe ich noch Einfluss auf diese Welt?

Eben. Bei so viel Menschlichkeit ertappe ich mich dabei, wie ich selbst Cafferty irgendwie mag.

Das sollten Sie nicht tun. Ich hörte schon Leser sagen, dass Cafferty ein grosser, knuddeliger Bär ist. No, no, no. Er ist ein Gangster und ist gefährlich. In diesem Buch habe ich eindringlicher als auch schon versucht zu zeigen, was er ist: skrupellos.

Haben Sie eine gute Beziehung zur Polizei in Edinburgh?

Die meisten Polizisten, die mir früher geholfen haben, sind jetzt pensioniert. Ich will ja keine Polizei-PR schreiben, ich gehe nur noch zur Polizei, wenn ich eine spezifische Frage habe.

Bittet Sie auch die Polizei um Hilfe?

Nein. Letztes Jahr aber hat der neue Polizeichef einige schottische Krimi-Autoren eingeladen. Vor allem, um uns zu danken. Wir bringen die schottische Polizei in die Welt hinaus.

Und die Kriminellen? Kommen die zu Ihnen?

Nein. Es gab mal einen Gangster, der, als er aus dem Gefängnis kam, einen Roman schreiben wollte und öffentlich sagte, er wolle Ian Rankin um Rat fragen. Ich bin froh, hat er es nie getan.

Sie trinken, genau wie Rebus, gerne in der Oxford Bar ein Bier. Schreiben Sie auch dort?

Nein, das kann ich nur in meinem Büro zu Hause. Aber ich hole die Post ab in der Oxford Bar. Fans adressieren Briefe, Bücher oder CDs an «Ian Rankin, Oxford Bar, Schottland.»

Manche kommen auch vorbei.

Ja, Touristen betreten auch schon mal die Bar, schiessen ein Foto und gehen wieder. Der Besitzer mag das überhaupt nicht. Viele sind enttäuscht, weil sie mich vorfinden und nicht Rebus.

Das glaube ich nicht.

Doch. Rebus ist die interessantere Person, viel komplexer, viel kaputter.

Das wissen die Fans ja nicht.

Ach, ich denke, sie sehen das sofort. Sie kommen in die Bar und da sitzt dieser langweilige Typ mit seinem Bier.

Die Oxford Bar steht mitten in Edinburgh. Die Stadt scheint sich aber trotzdem nicht so zu eignen für Krimis: Es gibt ein hübsches Schloss, viel Grün, man trinkt Tee im Botanischen Garten.

Edinburgh ist die typische Jekyll-and-Hyde-City. Das Interessante ist ja, dass alle schönen Städte mit den gleichen sozialen Problemen kämpfen – kratzt man erst einmal an der Oberfläche. Als ich anfing, Rebus-Romane zu schreiben, hatte Edinburgh ein riesiges Drogenproblem, die Armut war gross, und so weiter. Touristen sehen das nicht.

Und heute?

Gibt es immer noch Armut und soziale Probleme, und Kriminalität auch.

Das klingt nach einem aber ...

Die Kriminalitätsrate ist gesunken. Für einen Krimiautor ist dieses Land eigentlich viel zu sicher. Ich glaube, wir töten mehr Menschen, als in Wirklichkeit umkommen würden. In Skandinavien ist es ja dasselbe. Dort rennen auch nicht so viele Serienkiller herum wie in den Büchern.

Kennen Sie den Ausgang einer Geschichte, wenn Sie mit einem neuen Krimi anfangen?

Nein, nie. Meistens gehe ich einer Frage nach und finde einen Plot, der mir genau das erlaubt. Im neuen Buch hab ich erst nach zwei Dritteln realisiert, dass ein Nebendarsteller eigentlich eine Hauptfigur ist.

Sie wissen zu Beginn also gleich viel wie Ihr Detektiv?

Ja. Ich bin der Detektiv, der versucht herauszufinden, was zur Hölle passiert ist. Würde ich die Geschichte kennen, müsste ich sie ja nicht aufschreiben.

Was denken Sie, überraschen Sie sich vielleicht auch mal mit einer Non-Crime-Geschichte?

Vielleicht. Kommt darauf an, was ich erforschen möchte.