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Weltbekannter Graffiti-Künstler sprayt Wandbild in Luzern

Der Deutsche Mirko Reisser sprüht seit 30 Jahren seinen Namen unermüdlich an Beton- und Ausstellungswände. Die Luzerner Kunsthalle gibt Einblicke in das Werk dieses international hoch angesehenen Graffiti-Künstlers.
Julia Stephan
Grafitti-Künstler Mirko Reisser alias Daim hat in der Kunsthalle Luzern in sechs Tagen ein grosses Wandbild gesprayt. (Bild: Manuela Jans-Koch (Luzern, 12. Juli 2018)

Grafitti-Künstler Mirko Reisser alias Daim hat in der Kunsthalle Luzern in sechs Tagen ein grosses Wandbild gesprayt. (Bild: Manuela Jans-Koch (Luzern, 12. Juli 2018)

Graffiti gehören heute so selbstverständlich ins Stadtbild wie Verkehrsschilder oder Bordsteinkanten. Da mag der französische Medientheoretiker Jean Baudrillard in den 1970er-Jahren noch so überzeugend argumentiert haben, dass Graffiti ein zeitlich begrenztes Phänomen seien. Der Begriff, mit dem die Forscher im 19. Jahrhundert einst die oft zotigen Kritzeleien der Bürger der unter der Vesuv-Asche begrabenen Stadt Pompeji bezeichneten, steht heute für eine lebendige urbane Kultur, die weltweit in Galerie- und Museumsräumen, in der Werbung und bei angesagten Firmenevents gern gesehen ist.

Die mit der Graffiti-Szene verwandte Street Art, die sich weniger typografischen Spielereien zuwendet, bei der Wahl von Materialien und Motiven offener verfährt und viel klarer in den Stadtraum kommuniziert als das nur unter Szenenmitgliedern zu entziffernde Graffito, hat es mit dem Künstler Banksy sogar ins hochpreisige Kunstsegment geschafft.

Einer, der die Graffiti-Szene in den letzten 30 Jahren stark geprägt hat, ist der deutsche Graffiti-Künstler Mirko Reisser (47). Er hat in Ländern wie Argentinien, Brasilien, Mexiko, Thailand, Australien und den USA so manche farbige Spur hinterlassen. Mit 17 Jahren fing er zu sprühen an. Seit dem Abitur kann Reisser von seiner Kunst leben. 1990 bemalte er erstmals Leinwände – sein Atelier befand sich damals noch unter freiem Himmel. 1991 wurde er von einer Galerie entdeckt. Heute befinden sich seine Arbeiten in Sammlungen und werden weltweit gezeigt.

Eine grosse Liebe zu bodenständigen Buchstaben

Seit 1991 nennt sich Mirko Reisser Daim und schreibt seinen Namen bis heute unermüdlich in Variationen an Brückenpfeiler und Museumswände. Style Writing nennt man diese hochwertigere Form des Tags, wie in der Szene die von der Öffentlichkeit oft als Gekritzel wahrgenommenen Signaturen heissen. Im Style Writing werden Buchstaben kunstvoll gestaltet, verfremdet und mit figurativem Beiwerk versehen.

Der Name Daim referiert nicht, wie man annehmen könnte, auf eine Persönlichkeit aus der Subkultur, sondern ist die simple Aneinanderreihung von Reissers Lieblingsbuchstaben. «Ich mag das A und das M, weil die sehr bodenständig sind. Das D neigt dazu, nach vorne zu kippen, aber am Wortanfang ist es gut verankert», erklärt der Künstler. Das I sei sein schwierigster Buchstabe. Mit dem I werden bei ihm häufig Wortgefüge gesprengt.

Für Reisser ist die über 30-jährige Auseinandersetzung mit diesen vier Buchstaben auch eine Auseinandersetzung mit seiner Identität. Und die hat sich in der Konsequenz, mit der er dieses eine Thema weiterverfolgt, über die Jahre noch vertieft. Seine frühen Arbeiten auf den Gemäuern Hamburgs, wo er aufgewachsen ist, sind deutlich weniger abstrakt. Heute scheinen die Buchstaben auf den dynamischen Bildern, sofern man sie überhaupt noch erkennen kann, in die Luft zu fliegen, in den Betrachterraum zu kippen oder gar zu implodieren. So auch auf dem grossen Wandbild in der Kunsthalle Luzern, das Reisser diese Woche in nur sechs Tagen geschaffen hat. Neuerdings lässt der Künstler bewusst weisse Flächen in seinem Werk und arbeitet mit dünnen schwarzen Linien, die sich wie kalligrafische Kunstwerke durchs Bild schlängeln. Auf seinen Leinwandarbeiten verwendet er Tropftechniken, nutzt Schablonen, malt und erzielt mit dem Abkleben bestimmter Stellen eine schärfere Konturierung.

All das hat nur noch wenig mit dem klassischen Graffito zu tun, der sich laut Reisser mehr am Comic orientiert und die dritte Dimension lange gar nicht kannte. «Die Szene hatte am Anfang teilweise auch Schwierigkeiten mit meinem Stil», so Reisser. Dennoch nimmt er diese Szene heute viel freier war. Der Dogmatismus der Hip-Hop-Kultur, deren Ausdrucksform Graffiti einst war, sei nicht mehr so stark ausgeprägt wie früher.

Grosses Wandbild am Hochschulstandort Sentimatt

Mit Luzern verbindet Reisser eine zweijährige Horizonterweiterung. Zwischen 1996 und 1998 studierte er an der heute unter dem Namen Hochschule Luzern – Design und Kunst bekannten Institution zwei Jahre freie Kunst. Sein Graffiti-Kollege Pius Portmann alias Mate, damals selbst noch Student, hatte ihn dazu ermutigt. Die beiden bekamen an der Schule für ihre Sprühexperimente einen eigenen Raum und schufen am Hochschulstandort Sentimatt in der Nähe der Baselstrasse das grosse Wandbild Together (1997). Bis heute hat es niemand übermalt – oder wie man in der Szene sagt: Es wurde nie gecrosst.

Ein Studium hat nie auf Reissers Plan gestanden. Doch die Erfahrungen, nach sieben Jahren mit der Spraydose neue Techniken auszuprobieren, haben ihn geprägt. Reisser entwarf in den Luzerner Werkstätten riesige Lettern aus Styropor oder Betonskulpturen oder versuchte sich auf dem Gütsch mit Staffelei, Leinwand und Spraydose als Landschaftsmaler. Drei Druckradierungen aus seiner Luzerner Zeit sind in der Kunsthalle ausgestellt.

«Es geht beim Sprühen zunächst um Freundschaft, um ein Wir-Gefühl, um Stadteroberung und darum, eine Stadt kennenzulernen.»
Mirko Reisser, Graffiti-Künstler

Dass von seinen frühen Sprühversuchen in der Illegalität heute nur noch wenig übrig ist und Reisser heute auch mal im Auftrag eines Autoherstellers Karossen bemalt, wertet er nicht als Verrat an der Sache. «Es geht beim Sprühen zunächst um Freundschaft, um ein Wir-Gefühl, um Stadteroberung und darum, eine Stadt kennenzulernen.» Hat man alles erobert, lande man irgendwann auch in Innenräumen wie im Museum oder in einer Kunsthalle. Und diese Räume gehören für Reisser ebenso zum öffentlichen Raum wie die nackte Betonwand bei der Autobahn.

Vom Parfümzerstäuber zur Profiausrüstung

Im Ausstellungsraum schätzt der Künstler die Möglichkeit, sehr präzise zu arbeiten. Auch das Arsenal an Möglichkeiten, das ihm heute zur Verfügung steht, ist grösser geworden. Statt umfunktionierten Spritzkanülen und aus den Kaufhäusern entwendeten Parfümzerstäubern, mit denen Reisser und seine Mitstreiter in den 1980er-Jahren damals noch ihre Sprühflaschen aufgewertet haben, bietet der Markt heute Dosen für legales und illegales Arbeiten an – die einen präzise, die anderen mit grosser Deckkraft. Mirko Reisser steht diesen Entwicklungen offen gegenüber auf seinem jahrzehntelangen konsequenten Weg in die Abstraktion.

Mirko Reisser (Daim), «Monolog». Kunsthalle Luzern. Bis 12. 8. www.kunsthalle-luzern.ch Auftritt des Künstlers: www.mirkoreisser.de

Graffiti-Glossar

Biten: Ideen anderer Sprayer klauen

Bomb: grossflächige, in kurzer Zeit illegal angebrachte Buchstabenreihen an gut sichtbarer Lage

Covern: übermalen einer bereits vorhandenen Arbeit

Crossen: mutwilliges Zerstören einer bereits vorhandenen Arbeit

Killen: alle Bilder eines Sprayers übermalen

King: bekannter Sprayer

Linepiece: Werk entlang einer Bahnlinie

Piece: grosses, aufwendiges Graffito

Throw-up: schnell gemaltes Bild

Toy: Anfänger

Scouten: für andere Sprayer Wache halten

Style Writing: hochwertige Form des Graffito, bei der Buchstaben kunstvoll gestaltet werden, viel figuratives Beiwerk

Tag: kleinste Form des Graffito, bildet aus Linien die Signatur des Graffiti-Künstlers

Trainbombing: Besprühen von Zügen

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