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Balkanpop: «Du hast eine Sprache jenseits der Sprache»

Šuma Čovjek klingen nicht wie eine typische Balkanpopband. Die elf Männer mit thurgauisch-bosnisch-algerischen Wurzeln machen Musik über Herkunft und Heimat und die Identität des «Sowohl-als-auch».
Dieter Langhart
Ivica Petrušić (barfuss) und Hafid Derbal singen und tanzen zur Musik von Šuma Čovjek. (Bild: PD)

Ivica Petrušić (barfuss) und Hafid Derbal singen und tanzen zur Musik von Šuma Čovjek. (Bild: PD)

Der Bandname Šuma Čovjek ist bosnisch/kroatisch/serbisch und heisst Waldmensch. Da möchte man an wilde Männer denken, aber wild sind Šuma Čovjek nicht, vielmehr ernsthaft und doch vergnügt.

Mit Vieren unterhalten wir uns, mit den Sängern Ivica Petrušić und Hafid Derbal, dem Gitarristen Noam Szyfer und Manuel Wülser an den Tasteninstrumenten.

Sie erzählen davon, was hinter ihrer Musik steckt – aber mehr noch, wer sie sind, woher sie kommen, wohin sie wollen. Zu sechst und instrumental haben Šuma Čovjek begonnen, Ersatzleute kamen und blieben, jetzt sind sie zu elft.

Erst spielten sie Balkan-Traditionals, «die waren gerade Mode», sagt Noam Szyfer. «Aber bald wurde uns langweilig, wir wollten etwas Neues.»

Die Sprache wechselt oft mitten im Satz

Ein paar Jahre später kam Sänger Ivica Petrušić dazu. Das erste gemeinsame Projekt, die Balkanversion des Schweizer Psalms, löste Aufregung aus, dann folgten die ersten eigenen Songs. Ivica kannte Hafid und lud ihn ein, gemeinsam einen Song zu schreiben.

Zu Bosnisch/Kroatisch/Serbisch, Deutsch und Englisch kamen Arabisch und Französisch hinzu. Und die Idee für die erste Platte «Babel», denn was lag dieser Band näher als das Thema Verständigung in einer Welt der babylonischen Sprachverwirrung. Heimat, Bewegung, Integration – das klang heraus.

«Babel» spricht an, was viele Secondos beschäftigt, die sich nicht nur einer Ecke der Welt verbunden fühlen. Ivica sagt:

«Man wird in diese oder jene Schublade gesteckt, obwohl man in keine passt»

Die Band ging mit weiteren Geschichten ins Studio, jetzt liegt «No Man’s Land» vor. Nahtlos gehen Bosnisch/Kroatisch/Serbisch, Arabisch, Englisch, Französisch, Spanisch und Romanes ineinander über, oft mitten im Satz.

Mit Melancholie und satten Bläsersätzen

Šuma Čovjek navigiert zwischen Sprachen und Kulturen, zwischen Heimat und Identität, Suchen und Finden – auf der Suche nach sich selbst inmitten all der gesellschaftlich-politischen Herausforderungen. Die zwölf Songs kommen frisch daher, mit Melancholie und satten Bläsersätzen.

Die Single «bouge ton cœur» wird noch immer im Radio gespielt: «Bouge tes frontières, tes limites, tes préjugés.»

Die Texte verdienen es, dass man genau hinhört. Das letzte Lied, «horizon», endet mit diesen wunderbaren Zeilen: «Et j’accuse, je dénonce ces vagues qui unissent et séparent. Je maudis ces distances à l’heure de chaque départ.» Alle Texte sind im Booklet abgedruckt samt englischer Übersetzung.

Die Kerngruppe der Band sammelt Ideen und nimmt sie mit dem Handy auf. Die Sänger sind die Vermittler, Dolmetscher, jeder entwickelt die eigenen Bilder weiter. «Wenn ich eine Melodie höre, entsteht in mir sogleich ein Bild, zu dem mir ein Gefühl einfällt», sagt Hafid. Dann trifft man sich in Manuels Keller in Aarau, probiert und feilt, verwirft und erfindet neu. Die gemeinsame Sprache ist Deutsch, der gemeinsame Nenner die Musik. In ihr zeigen sie ihre Wurzeln in ihrer Vielfalt.

«Da ist weit mehr Verbindendes als Trennendes»,

sagt Hafid. Nie Streit? «Oh doch!»

Was bedeutet Herkunft, was Heimat?

«Heimat geht nicht über den Pass», sagt Hafid und verweist auf seine algerischen Wurzeln, seine drei Sprachen, «ein Riesenreichtum». Der Thurgauer Noam hat Wurzeln in Lateinamerika, seine Mutter ist Italienerin, sein Vater Pole, dessen Vater jüdisch. Ivica wurde in Jugoslawien (heute Bosnien) geboren, kam als Jugendlicher in die Schweiz, sass im Aargauer Parlament.

Die Frage bleibt im Raum: Was bedeutet Herkunft, was Heimat? Einigkeit besteht: Herkunft ist durch die Eltern gegeben. ­Hafid erkennt einen «Druck, sich entscheiden zu müssen zwischen zweimal hundert Prozent».

Šuma Čovjek singt auf Bosnisch/Kroatisch/Serbisch, Deutsch, Englisch, Arabisch und Französisch. (Bild: PD)

Šuma Čovjek singt auf Bosnisch/Kroatisch/Serbisch, Deutsch, Englisch, Arabisch und Französisch. (Bild: PD)

Für ihn ist die deutsche Sprache zu einem Stück Heimat geworden. Sie, also das Herz, könne an verschiedenen Orten sein; wichtig sind ihm Zeiten, Orte, Menschen, die mit Emotionen verbunden sind. «Alle Musiker machen es so, verbinden ihre unterschiedliche Herkunft», sagt Ivica.

Mehr als eine Partyband

Die vier sagen: «Wir spielen noch einige traditionelle Balkanstücke an Konzerten, aber wir werden nicht mehr nur eine Partyband sein.» Denn Ivica schmerzt es, dass Zuhörer die Melancholie in den Sevdah-Melodien nicht mitbekommen, der traditionellen Musik über Liebe und Tod aus Bosnien-Herzegowina. Klar, ihre Musik bleibe Pop, aber Šuma Čovjek sei musikalisch viel offener geworden.

Ivica aus Suhr ist «hundert Prozent Schweizer» und ärgert sich, wenn ein Secondo sagt «ich bin Türke» und auf Mitbestimmung verzichtet.

«Šuma Čovjek ist Schweiz, wir spielen mit unserer unterschiedlichen Herkunft. Du hast eine Sprache jenseits der Sprache, und die ist nicht im Kopf.»

Und Hafid bringt alles auf eine schlichte Formel: «Wir sind ‹sowohl als auch›, nicht ‹entweder oder›.»

Infos und Konzertdaten unter sumacovjek.ch

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