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«Du gehörst mir» - weshalb Eifersucht der Beweis für starke Liebe ist

Von Berlin bis New York wird die Vielliebe propagiert. Die Zürcher Autorin Birgit Schmid sagt: Das kann nicht ­funktionieren. Eifersucht könne man nicht ausschalten. Sie sei der Gradmesser für die Intensität einer Liebe.
Interview: Melissa Müller
Eifersüchtige machen sich mit ihren Fantasien oft zum Narren. Man wird zur Furie oder zum gehörnten Ehemann. (Bild: Getty)

Eifersüchtige machen sich mit ihren Fantasien oft zum Narren. Man wird zur Furie oder zum gehörnten Ehemann. (Bild: Getty)

«Ich war nie eifersüchtig», sagt die französische Schauspielerin Fanny Ardant. Ist das lobenswert?

Im Gegenteil. Wer das von sich behauptet, klingt zwar unglaublich souverän und zeigt: Ich habe mein Leben im Griff. Und trotzdem finde ich es nicht erstrebenswert, meine Eifersucht loszuwerden und gänzlich unabhängig vom Anderen zu sein.

Warum nicht?

Weil die Angst vor dem Verlust Teil der Liebe ist. Anders gesagt: Das Schönste der Liebe erfährt man nur, wenn man die Hölle der Eifersucht kennt. Eifersucht ist die Beschützerin der Liebe, sie sagt aus, wie wichtig mir jemand ist. Abwesende Eifersucht kann ein Zeichen von Gleichgültigkeit sein. Der Mut, sich einzulassen, fehlt heute vielen. Das sieht man an der Dating-Kultur im Internet.

Sie nennen Leute, die sich auf Dating-Apps herumtreiben, «Bulimiker der Liebe».

Ich sehe es bei Freundinnen, die auf der Suche sind: wie verführerisch es ist, nach dem noch perfekteren Partner Ausschau zu halten, weil es so viele Möglichkeiten gibt. Zu einer langsamen Annäherung, zum Beispiel zuerst mal durch Flirten, sich Umwerben, kommt es schon gar nicht mehr. Wird die Liebe bloss noch konsumiert, verpasst man womöglich den Einen, die Eine. Eine schöne Liebeserklärung finde ich übrigens den Satz «Du gehörst mir».

Aber jede dritte Ehe wird geschieden, und viele gehen fremd. Ist die Monogamie gescheitert?

Das sehe ich anders. Denn es wird weiterhin geheiratet, viele glauben an die Ehe, wollen sich der Illusion hingeben, dass es für immer ist. Sogar Homosexuelle, die einst die coole Subkultur verkörperten und beneidenswert hedonistisch lebten, kämpfen dafür, heiraten zu dürfen. Das freie Ausleben der Sexualität macht eben nicht nur glücklich. Warum würde man diese Freiheit sonst aufgeben?

Viele harren aus finanziellen Gründen in der Ehe aus. Sie haben Haus und Kinder. Da ist keine Liebe mehr, sondern Angst vor Veränderung.

Das beobachte ich auch bei vielen. Ich verstehe schon, dass man eine Beziehung nicht sorglos wegwirft, wenn Kinder da sind. Aber ich habe dieses Mittelmass des Fühlens, das man in Kauf nimmt, nie verstanden. Dass man keine Träume mehr hat.

«Freie Liebe ist für Feige»: Autorin Birgit Schmid. (Bild: Kurt Schorrer)

«Freie Liebe ist für Feige»: Autorin Birgit Schmid. (Bild: Kurt Schorrer)

Hat man denn nicht mehr vom Leben, wenn man mehrere Menschen parallel liebt?

Falls offene Beziehungen dieser Art für manche funktionieren - schön. Meist geht das nur eine Zeit lang gut, weil ein Ungleichgewicht besteht. Wie ist es, zu Hause zu warten, wenn man den Partner im Bett mit einer anderen weiss? Oder sie wirkt so abwesend: Ist sie mit den Gedanken bei ihrem Liebhaber? Viele Erfahrungsberichte zeigen, dass die Eifersucht dazwischen funkt.

Befürworter der freien Liebe berufen sich auf die Steinzeitmenschen: Diese hätten in Horden gelebt, gleichzeitig viele Sex-Beziehungen gehabt und ihre Kinder gemeinsam aufgezogen.

Evolutionsbiologen widersprechen dieser These: Hier werde ein klischiertes Bild einer vorzeitlichen Hippiegemeinschaft propagiert. Sexueller Hedonismus passe zu keiner menschlichen Kultur, vielmehr entstehe in der Gruppe ein Gefühl von Verantwortlichkeit, das Treue fördert. Eifersucht hat wie alle Gefühle eine Biologie. Der eifersüchtige Mensch, ob Mann oder Frau, verteidigt eine für ihn wichtige Partnerschaft, sobald diese bedroht ist.

Sie schreiben, die Polyamorie sei eine Männerfantasie, die als Frauenwunsch verkauft wird. Wie meinen Sie das?

Während der Studentenbewegung sollte die Befreiung aus den Zwängen des «Eheknasts» gerade den Frauen zugutekommen. In Realität genossen weiterhin die Männer ihr promiskuitives Leben und nahmen sich, was sie wollten. Die Gleichberechtigung war nicht von einem Tag auf den andern erreicht, die Frauen bewegten sich ja nach wie vor mehrheitlich in der häuslichen Sphäre. Erst heute, da Frauen genauso unabhängig leben, prägen sie auch den Beziehungsstil. Umso mehr in einer Beziehung, in der alle mehrere lieben, denn das zwingt zur Auseinandersetzung miteinander, und darin waren schon immer die Frauen gut: im Befragen von Gefühlen, im Offenlegen von Wünschen, im Verhandeln. Polyamorie wird deshalb auch als Schritt zur endgültigen Emanzipation verstanden.

Feministinnen wie Simone de Beauvoir und Catherine Millet traten ebenfalls für die freie Liebe ein.

Ja, aber sie zahlten einen Preis und litten immer wieder unter starker Eifersucht, weil sie ihre Männer teilen mussten. Nur durften sie das nicht zeigen, weil es nicht zum Bild der starken, unabhängigen Frau passte. In Catherine Millets offener Ehe stritt sich das Paar, ohne das Wort «Eifersucht» je in den Mund zu nehmen. Was geächtet wurde, war verboten.

Kann man Eifersucht in den Griff bekommen?

Eifersucht kann man nicht regulieren wie die Temperatur an einem Heizkörper. Die Welle rollt an, und man ist dem Gefühl ausgeliefert, fühlt sich klein, abgehängt, zurückgelassen. Vielleicht kann man in einer Psychotherapie einen Umgang damit lernen, das Selbstbewusstsein stärken, was ja oft als Ursache genannt wird: dass es einem an Selbstwert fehle. Aber es ist mehr als das, und deshalb glaube ich nicht, dass man Eifersucht wegtherapieren kann. So lange einen das Gefühl nicht lebensunfähig macht, wäre das wie gesagt auch nicht erstrebenswert. Wer liebt, hat immer etwas zu verlieren.

Der Hölle der Eifersucht kann man nicht entrinnen. (Bild: Getty)

Der Hölle der Eifersucht kann man nicht entrinnen. (Bild: Getty)

Aus Eifersucht werden Morde begangen. Wäre die Welt eine bessere ohne Eifersucht?

Es ist müssig, sich das zu überlegen. Jedes Verbrechen, das aus Eifersucht begangen wird, ist schlimm. Aber Leidenschaften wie die Eifersucht lassen sich nicht überwinden. Die heutige Sehnsucht nach emotionaler Korrektheit kennt Grenzen.

Sie mögen Literatur, die es ohne Eifersucht nicht gäbe. Zum Beispiel?

«Animal triste» von Monika Maron ist eines meiner Lieblingsbücher: Eine Frau erlebt eine unmögliche, kopflose Liebe mit einem verheirateten Mann, die für sie so existenziell wird, dass sie ihren Geliebten lieber tot als an der Seite einer anderen möchte. In «Before she met me» von Julian Barnes geht es um Eifersucht auf die Vergangenheit, auch hier entwickelt der Protagonist einen Wahn. Weil sich Eifersüchtige mit ihren Fantasien oft zum Narren machen, haben diese Geschichten oft auch etwas Komisches. Man lacht – und erkennt sich wieder.

Sie plädieren für eine Liebe, in der man für eine einzige Person alles riskiert. Sind Sie eine hoffnungslose Romantikerin?

Das höre ich oft, und wahrscheinlich stimmt es: Ich bin eine Romantikerin – aber keine hoffnungslose! Ich mache mir ja nichts vor. Mein Buch ist ein Plädoyer für die ausschliessliche, einzigartige Liebe, also eigentlich eine Utopie. Dafür stehe ich ein. Träume sind überlebenswichtig, Fantasien bereichern das Leben. Aber es liegt mir zum Beispiel fern, Treue zu predigen. Der letzte Satz in meinem Buch heisst: Es kann immer etwas passieren.

Birgit Schmid: Freie Liebe ist für Feige. Verlag: Dietrich zu Klampen, 160 S., Fr. 28.–

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