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Dü-da-do, Postauto, fahrt in Dräck

Das Postauto ist in der Schweiz ein Vehikel der gesellschaftlichen Integration. Seine Erfolgsgeschichte wird nun erschüttert durch den Skandal um Manipulationen in der Buchhaltung des Unternehmens.
Urs Bader

Eine Postautofahrt von Grindelwald auf die Grosse Scheidegg. Ein nächtliches Gewitter hat die Natur frisch gefegt. Der Himmel strahlt tiefblau, die Wiesen dampfen. Und dann ertönt, worauf wir schon warten: Dü-da-do. Wir freuen uns kindlich, japanische und englische Touristen sind verzückt. Bald darauf stellen sich dem Postauto Rinder in den Weg, wollen partout nicht weichen.

Der Chauffeur steigt aus, muss sie von der Strasse drängen. Das will fotografiert sein – im Bus entsteht ein freudig-aufgeregtes Drängeln. Dem Chauffeur wird applaudiert, als er sich wieder ans Steuer setzt. Ein Held. Doch nicht genug, wenig später muss er Schweinen ausweichen, die sich am Strassenrand tummeln. Und dann erneut: Dü-da-do. Es ist kein Warnsignal, sondern an diesem Morgen eher ein Jauchzer.

Die Schweiz im Bilderbuch, im Klischee. Und mittendrin das Postauto. Die ausländischen Touristen sind begeistert – was uns ein wenig Stolz macht. Die gelben Postautos und das Dreiklanghorn gehörten zur kulturellen Identität der Schweiz, schreibt die Postauto Schweiz AG selbstbewusst auf ihrer Website. «Die Marke Postauto verkörpert Zuverlässigkeit, Sicherheit und Vertrauen.» Diese Aussage klingt heute angesichts des Skandals um die manipulierte Buchhaltung des Unternehmens wie ein zynisches Echo auf das Dreiklanghorn. Wird das Postauto deswegen bald auf der Strecke bleiben? Wohl kaum. Zu viel steht auf dem Spiel.

Bis in den hintersten Winkel des Landes

Mit der Gründung der modernen Eidgenossenschaft 1848 ist die Post Bundessache geworden. Mit der automobilen Personenbeförderung, die den Kutschenbetrieb ablösen sollte, tat sie sich zuerst aber schwer. Sie scheute das Risiko und erteilte die ersten Konzessionen 1903 an Private. 1906 startete sie dann aber doch einen Versuchsbetrieb mit einem ersten fahrplanmässigen Kurs zwischen Bern und Detligen – das Gründungsjahr des Postautoverkehrs.

Drei Jahre später bilanzierte die Post ernüchtert: «Die hohen Betriebsausgaben, die kostspieligen Reparaturen, Verzinsung und Amortisation erfordern einen Kostenaufwand, der in keinem Verhältnis zum wirtschaftlichen Nutzen dieser Einrichtung steht.» Skeptisch eingestellt gegenüber dem Auto waren aber auch Bevölkerung und Behörden.

Aufhalten liess sich die Entwicklung nicht. Anschubhilfe leistete die Armee, die 1919 der finanziell bedrängten Post Lastwagen überliess, die zu Postautos umgebaut wurden. Nun verfügte die Reisepost schon über mehr als 100 Fahrzeuge; der Betrieb mit Pferden verlor bis 1930 nach und nach seine Bedeutung. 1923 ertönte auf den Bergpoststrassen erstmals das Dreiklanghorn. Das Klangmotiv stammt aus dem Andante der Ouvertüre zu Gioachino Rossinis Oper «Wilhelm Tell» mit den Tönen cis, e und a in A-Dur. Die Erkennungsmelodie der Autopost, die in der Zwischenkriegszeit stark ausgebaut wurde. Erschlossen wurden die hintersten Winkel des Landes, womit insbesondere der Alpentourismus angekurbelt wurde, wie viele Plakate dokumentieren.

Die Post schrieb am Mythos Postauto schon früh mit. In ihrem Buch «Mein Dienst – mein Stolz» von 1942 heisst es zum «Post­wagenführer»: «Unser Stolz sind unsere gelben Wagen. In den Garagen werden sie von ihren Führern gehätschelt und betreut. Sogar der Pullover eines englischen Vize-Königs von Indien musste einst herhalten, den Postwagen vom Staube zu befreien und das weisse Kreuz im roten Feld aufzupolieren … Wir sind die Landsknechte der Strasse. Die Strasse ist unsere Heimat.»

Fahrt im offenen Postauto über den Grossen St. Bernhard, September 1945. (Bild: Walter Scheiwiller/KEY)

Fahrt im offenen Postauto über den Grossen St. Bernhard, September 1945. (Bild: Walter Scheiwiller/KEY)

Das weisse Kreuz im roten Feld – ja, die Post trug von Anfang an dazu bei, den neuen Bundesstaat, ein Projekt der liberalen und wirtschaftlichen Eliten, bis ins hinterste Bergtal sicht- und erlebbar zu machen: durch Poststellen, Briefkästen, Uniformen, Briefmarken, repräsentative Bauten. Auch die Postautos spielten dabei eine wichtige Rolle. «Der Autocar bringt alle sozialen Schichten des Volkes in den Genuss der Vorteile der Motorisierung», heisst es in «Die Strasse lebt», einem Buch mit Einklebebildchen von 1959. Der Satz steht zu einem Bild von einem Postauto auf dem Simplon, «einem Beispiel eines modernen Autocars für Gesellschaftsreisen». Das Postauto gilt als ein Vehikel gesellschaftlicher Integration.

Präsent in der Hoch- und in der Volkskultur

Das Postauto ist aber nicht nur auf der Strasse präsent, sondern auch in der Hoch-, Volks- und Popkultur. So tauchte es im Film «Hors Saison» des Bündner ­Regisseurs Daniel Schmid auf, ebenso an den St. Galler Festspielen von 2010 in der Oper «Il Diluvio Universale» von Gaetano Donizetti. In Hermann Burgers Roman «Schilten» von 1976 lenkt eine dubiose Figur eine abenteuerliche Fahrt, «immer im Wissen, dass Postautos … immer im Recht sind».

Der Dreiklang des Posthorns inspirierte auch manche Kinderverse: «Dü-da-do/Postauto/ Fahrt in Dräck/Chunt nümm wägg.» Oder: «Dü-da-do/Postauto/Hät en Floh/ Dä biisst ­ eso» – worauf man jemanden in der Nähe kneift. Das St. Galler Mundart-Pop-Duo Dachs hat das Motiv letztes Jahr aufgegriffen und ist auf eine aktuelle Fahrt gegangen: «Dü-da-do/Döt fahrt jo no e Postauto …/Bin unterwägs,/i sitz relaxed,/i nimm de nächschti Halt/vo mim Postauto./Dü-da-do/säb wo niemols wör rendiere/wenn kein Staat wör Chöle schiebe/säb isch mis Postauto.»

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