Drittes Album
Soul-Star Leon Bridges: «Ich möchte gute und zeitlose Kunst machen»

Der Sänger Leon Bridges hat dem Retro abgeschworen und ist beherzt im 21. Jahrhundert angekommen. Wird er zur nächsten Ikone der Soul-Musik?

Steffen Rüth
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Leon Bridges: «Die Coronapandemie hat meinen Verfall in den Alkohol gestoppt.»

Leon Bridges: «Die Coronapandemie hat meinen Verfall in den Alkohol gestoppt.»

Bild: Jack McKain

«Ich hatte unbändig grosse Lust darauf, mich als Musiker ein Stück weit neu zu erfinden», erklärt ein sympathisch und entspannt wirkender Leon Bridges beim Zoom-Gespräch aus seinem Heim in Fort Worth in Texas. « Ja, ich habe die Neudefinition meines Sounds tatsächlich sogar als Notwendigkeit empfunden», fügt er an. Es ging ihm um Ehrlichkeit und die wahrhaftige Wiedergabe seiner Leidenschaften und Inspirationen. Und auf «Gold-Diggers Sound», so der Titel seines Albms, hat er neue Räume innerhalb des grossen Gebäudes namens «Rhythm & Blues» aufgeschlossen und betreten.»

Leon Bridges, immer noch erst 32 Jahre alt, hat auf seinem dritten Album vielleicht keinen Bruch mit, aber zumindest doch eine deutliche Abkehr von seinem bisherigen Schaffen gewagt. Er ist jetzt kein Bewahrer mehr, sondern ein sachter Erneuerer.

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Mit «Coming Home» (2015) und «Good Thing» (2018) erntete der Texaner Meriten und Verkaufserfolge, die Konzerte waren gut gefüllt mit jungen Hipstern und reiferen Soul-, Jazz- und Blues-Liebhaberinnen und -Liebhabern.

Vom Tellerwäscher zum Plattenvertrag

Wer den frühen Bridges hörte, hätte denken können, unversehens in die 50er oder 60er Jahre zeitgereist zu sein. Der Musiker war bislang als junger Meister des Retro-R&B bekannt. Leon, der früher tagsüber sein Geld als Tellerwäscher in einem Steakhouse verdiente und abends bei ungezählten Open Mic Nights auftrat, wo er schliesslich entdeckt wurde, schnell einen Plattenvertrag bekam und für den Restaurantjob keine Zeit mehr hatte, erinnerte an den jungen Otis Redding oder den jungen Sam Cooke.

Die Stimme weich, samtig und einschmeichelnd, aber kraftvoll, die Songs warm und vintage wie vor einem halben Jahrhundert, und selbst die Bühnenklamotten, die er in einem Second-Hand-Laden in Dallas fand, stammten aus der Mitte des vorigen Jahrhunderts – oder sahen zumindest so aus. Sein neues Show-Outfit geht stärker in Richtung 70ties und wirke smart sowie auf retro-futuristische Art stylisch. Für seinen Sound haben er den Plan verfolgt, «progressiveren R&B mit organischen Elementen aus Jazz und Pop zu verweben». Was in der Theorie vielleicht komplex klingt, funktioniert im Ergebnis hinreissend.

Entwickelt und umgesetzt hat Leon Bridges sein dezidiert modern klingendes und dezent an D’Angelo, Frank Ocean und einen weniger glattgebügelten John Legend erinnerndes, durchaus auch auf den Einsatz von Beats und Synthesizer-Klängen bauendes Album gemeinsam mit den Produzenten Ricky Reed und Nate Mercereau. Und zwar im titelgebenden «Gold-Diggers»-Studio, das ganz am östlichen Ende des Santa Monica Boulevards in Los Angeles liegt und auch als Hotel sowie als Bar fungiert.

Leon lebte hier mit Unterbrechungen ein ganzes Jahr und nahm Songs auf wie die rasante Ich-brenne-mit-meiner-Liebsten-durch-Nummer «Motorbike» (im echten Leben fährt der Musiker lieber mit seinem Elektro-Fahrrad umher).

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Auch hier entstanden ist die bittersüsse, fast sieben Minuten währende Trennungshymne «Don’t Worry» oder das musikalisch sanfte, inhaltlich deprimierende «Sweeter». Den Song schrieb Bridges, der schon vor Michelle und Barack Obama im Weissen Haus auftrat, 2019. Aus der Sicht eines einzelnen schwarzen Mannes und seiner Hinterbliebenen erzählt er von alltäglicher, rassistischer Polizeigewalt – ein Jahr bevor uns diese durch den Mord an George Floyd noch in die bürgerlichsten Wohnstuben getragen wurde. «Ich bin froh, mit diesem Song einen Beitrag zum Kampf für Gleichberechtigung und Gerechtigkeit in Amerika geleistet zu haben», sagt Leon Bridges ernst.

In der Krise konnte er sich spirituell erneuern

Allerdings, auch das gehört zur Entstehungsgeschichte von «Gold-Diggers Sound» hat dem Künstler die Zeit in Los Angeles nicht uneingeschränkt gutgetan. Leon Bridges entwickelte, wie er sagt, bedenkliche mentale und körperliche Defizite, «die vor allem mit meinem exzessiven Alkoholkonsum zusammenhingen.» Ausgerechnet die Corona-Pandemie habe seinen Verfall gestoppt und umgekehrt. «Indem ich daheim in Texas einen ganz normalen Alltag lebte, habe ich einen grossen Schritt weg von meiner ungesunden Lebensführung machen und mich spirituell erneuen können.» Den Auftaktsong seines Albums, «Born Again» mit Robert Glasper am Piano, komponierte Bridges dann auch als einzigen noch 2020. «Das Stück handelt davon, endlich wieder Freude zu spüren, statt sich mit Ängsten und Unsicherheiten zu quälen», sagt der Sänger.

Wie es mit ihm weitergeht, so musikalisch? Da hat sich Leon Bridges, von manchen US-Medien schon als «Icon in the making», als zukünftige Ikone also, verehrt, noch nicht festgelegt. Ihm stehen weiter alle Richtungen offen, aktuell denkt er über ein relativ klassisches Singer/ Songwriter-Album nach. «Mein Ehrgeiz besteht darin», sagt er zum Schluss, «dass ich mit meiner Arbeit ein Erbe hinterlasse, das bleibt. Ich möchte gute und zeitlose Kunst machen. Das ist alles.»

Wenig ist das nicht. Aber Leon Bridges wird das schon schaffen.

Leon Bridges Gold-Diggers Sound. Columbia.

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