Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Spass beim Lesen.

Dridihoi-hoo-e, holljo-i-di: Anfänger und Profis wandern jodelnd durchs Appenzellerland

Jodeln ist schwierig und hinterwäldlerisch? Das internationale Ou-Jodelfest in Gonten beweist das Gegenteil, wenn die Teilnehmer jodelnd von Heiden ans Festival wandern. Zwischen Appenzeller Hügeln, bimmelnden Kühen und Jodelklängen fühlt man sich wie im Klischee, aber auf eine gute Art.
Julia Nehmiz
Markus Prieth (Mitte) gibt vor, die Wanderjodelgruppe steigt ein, und alles wird Klang. (Bild: Urs Bucher/Trogen, 3.9.2019)

Markus Prieth (Mitte) gibt vor, die Wanderjodelgruppe steigt ein, und alles wird Klang. (Bild: Urs Bucher/Trogen, 3.9.2019)

Für absolute Jodelanfänger klingt alles gleich – und zugleich superkompliziert. Dridihoihoo-e, holljo-i-di. Irgendwie wie bei Loriot und dem Jodeldiplom, wo Evelyn Hamann mit stoischer Miene über die Jodelsilbenketten stolpert, dödudldö, nein didudldö, dödudldö sei zweites Futur bei Sonnenaufgang.

Den Sonnenaufgang haben wir hinter uns. Noch liegt eine Wolkendecke überm Bodensee, doch am Bahnhof Rorschach wird gleich mal gejodelt. Während die Wandergruppe auf den Zug nach Heiden wartet, erfindet Jodelleiter Markus Prieth eine Melodie, einfach für Könner, vertrackt für Anfänger.

Terz-, Quint-, Sextsprünge, Wechseln zwischen Brust- und Kopfstimme. Ho-i-e, ul-jo-e, ein Zug fährt ab, ein anderer ein, und zwei Minuten später ertönt es schon dreistimmig. Ho-e, ­ho-e, ho-i-ul-jo-e.

Jodeln ist Leben, und Leben ist Jodeln

Die Wandergruppe klingt und singt. 13 Teilnehmerinnen, 2 Teilnehmer, Jodelleiter Markus Prieth, Wanderleiterin Gerlinde Aukenthaler. In drei Tagen werden sie von Heiden nach Gonten wandern und dabei jodeln, vielleicht jodeln sie auch und wandern dabei, eins fliesst in das andere, eins bedingt das andere. Wandern ist Jodeln, und Jodeln ist Wandern.

Im innerrhodischen Gonten, im Zentrum für Appenzeller und Toggenburger Volksmusik, findet am Wochenende das internationale Ou-Jodelfest statt. Markus Prieth hat es vor vier Jahren mit ins Leben gerufen, nach Stationen in der Steiermark, in Südtirol, Vorarlberg und Bayern wird es nun erstmals in der Schweiz durchgeführt.

80 Jodlerinnen und Jodler werden im Roothuus Gonten in Workshops unter Anleitung singen, und davor und danach auch, denn Jodeln ist Leben und Leben ist Jodeln. Huljedli-ho-i-o.

Anfänger, Profis, alle jodeln gemeinsam

Anfänger sind dabei wie Christa, die noch nie gejodelt hat, und Jodelprofis wie Hartwig, Jodellehrer aus Wien, der in drei Jodeltrios singt. Oder Martina, 60, Ex-Bankerin aus Wien, die sich einen Traum erfüllt und gerade ihre Masterarbeit schreibt zum Thema Jodeln.

Simon, Informatiker aus Biel, der durch einen Kollegen vor sieben Jahren zum Jodlerklub Lyssach stiess. Er erzählt, wie es ihren Chor fast zerriss, weil sie mit ihrem Youtube-Video «Hie bini deheim» über eine halbe Million Klicks erhielten und sich vor Anfragen für Auftritte kaum retten konnten.

Beim Jodeln wie beim Tanz muss man wahrnehmen, was der andere macht. (Bild: Urs Bucher/Trogen, 3.9.2019)

Beim Jodeln wie beim Tanz muss man wahrnehmen, was der andere macht. (Bild: Urs Bucher/Trogen, 3.9.2019)

Elisa, 70, aus Zürich, die dort seit ein paar Jahren im Jodelkeller singt. Christine und Susanne aus München jodeln seit Jahren «im einzigen Jodelkurs der Münchner Volkshochschule», der eine lange Warteliste führt.

Manche kennen sich von Workshops und Festivals, die Jodelszene ist klein, vor allem die alternative Jodelszene, in der der archaische Gesang gepflegt wird. Andere wie Simon sind das erste Mal am Ou-Festival. Aus Freude am Singen, Neues-Lernen.

Man fühlt sich wie im Klischee, aber auf gute Art

Wandern ist da der perfekte Einstieg, man kommt ins Gespräch, irgendjemand summt, fängt an zu singen, andere fallen ein, so geht es die Appenzeller Hügel hinauf und hinab. Kühe bimmeln friedlich am Wegrand neben schmucken Bauernhäusern, der Bodensee glitzert im Dunst, überm Kaien glänzt ein frischgewaschener Himmel, dazu wird gejodelt – und man fühlt sich wie mitten im Klischee.

Vom Kaien hinunter nach Rehetobel: Jodelnd wandert die Gruppe um Markus Prieth (zweiter von links) dem Ou-Jodelfest entgegen. (Bild: Julia Nehmiz)

Vom Kaien hinunter nach Rehetobel: Jodelnd wandert die Gruppe um Markus Prieth (zweiter von links) dem Ou-Jodelfest entgegen. (Bild: Julia Nehmiz)

Aber auf eine gute Art. Jodeln gilt vielen als konservativ, heimattümelnd, oder gar: Wer jodelt, ist nationalistisch eingestellt. Einige Teilnehmer erzählen von Ressentiments, die ihr Hobby im Freundeskreis erfährt. Dabei geht es ihnen ums Singen. Die eigene Stimme entdecken. Bei sich sein. Laut sein. Freude hinausschreien.

Es gibt kein Richtig und Falsch, nur Musik

«Jeder kann jodeln», sagt Markus Prieth beim ersten Jodelstopp auf der Wanderung. Denn jeder habe schon einmal geweint, gelacht, vor Freude geschrien. Für den Südtiroler Musiker ist Jodeln mehr eine soziale Institution denn Musik.

Er unterscheidet nicht zwischen Fortgeschrittenen und Anfängern. Alle können singen, sich gegenseitig stützen. Jodeln ist für ihn immer gemeinsam. Ein Spiel, das durch Einfachheit und Komplexität besticht.

Er lässt seine Gruppe rhythmisch klatschen, erst eine Melodie, dann die zweite, die dritte dazu singen. Es gibt kein Richtig und Falsch, nur Musik, Freude am Singen. Und wie alle im Kreis stehen und sich anjodeln, wird alles Klang. Je-i-di jo-i-di joo!

Ou-Jodelfest, 6.-8.9.2019 im Root­huus Gonten, Workshops ausgebucht. Am Sonntag, 8.9.2019 jodeln die Teilnehmer von 10.15–11.30 Uhr im Zentrum von Appenzell.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.