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DREISSIGJÄHRIGER KRIEG: Die Rückkehr eines Kriegs

Der Beginn dieser verheerenden europäischen Tragödie jährt sich zum 400. Mal. Der Politikwissenschafter Herfried Münkler sieht in ihr Parallelen zu heutigen Kriegen.
Urs Bader
Kaiserliche Truppen erobern und zerstören am 20. Mai 1631 die Stadt Magdeburg. Ausschnitt aus einer Radierung von Jan und Caspar Luyken, neu koloriert. (Bild: AKG)

Kaiserliche Truppen erobern und zerstören am 20. Mai 1631 die Stadt Magdeburg. Ausschnitt aus einer Radierung von Jan und Caspar Luyken, neu koloriert. (Bild: AKG)

Urs Bader

Am 23. Mai 1618 stürzen protestantische böhmische Adelige auf der Prager Burg drei Vertreter des katholischen Kaisers in Wien aus dem Fenster. Sie überleben, aber der sogenannte Prager Fenstersturz wird zum Anfang eines ­Aufstands und schliesslich eines Kriegs, der 30 Jahre dauern sollte. Die böhmischen Aufrührer dürften dies kaum geahnt haben, und dass es so kam, war auch nicht unausweichlich.

Aus Anlass dieses 400. Jahrestags sind viele Publikationen erschienen – und erscheinen noch weiter –, die den Dreissigjährigen Krieg mit unterschied­lichen Motiven erörtern.

«Analysefolie» für heutige Kriege

Der deutsche Politikwissenschafter Herfried Münkler hat die neuste Gesamtdarstellung vor­gelegt. Er zieht aber auch Linien in die Gegenwart. Sein Interesse am Gegenstand wird, wie er schreibt, «von der begründeten Vermutung angeleitet, dass es eine Reihe von Analogien zwischen dem Dreissigjährigen Krieg und einigen Entwicklungen der Gegenwart geben könnte.» Münkler fragt, inwiefern das Geschehen von 1618 bis 1648 «Paradigma und Analysefolie» für heutige Kriege im Nahen Osten und in der Sahelzone sein kann. Den Dreissigjährigen Krieg betrachtet er als «vorzüglichen Übungsplatz für strategisches Denken».

Es war eine verheerende Gemengelage, die den Krieg immer wieder neu befeuerte. Es ging um einen Machtkampf zwischen Kaiser und Adel im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation, um einen konfessionellen Konflikt im Kontext von Reformation und Gegenreformation, und es ging um die Macht in Europa, um die der Kaiser, Dänemark, Schweden, Frankreich, Spanien und die Niederlande stritten. Fatal wirkte sich auch aus, dass an der Spitze der verfeindeten Parteien oft «Kriegsgurgeln» standen, die glaubten, einen entscheidenden Sieg herbeiführen zu können. Hauptkriegsgebiet war mehr oder weniger das heutige Deutschland. Es wurde grauenhaft verheert durch den Krieg und seine Begleiterscheinungen – marodierende Truppen, Plünderungen, Bauernaufstände, Vertreibungen, Massenfluchten, Hungersnöte und Seuchen. Die Bevölkerungszahl einzelner Gebiete wurde mehr als halbiert.

Wenn Münkler Parallelen zwischen jener Tragödie und modernen Kriegen diskutiert, setzt er bei der komplizierten Gemengelage zu Beginn des 17. Jahrhunderts an. Obwohl der religiös-konfessionelle Gegensatz nicht die alleinige Ursache gewesen sei, sieht er darin doch einen zentralen Treiber des Kriegsgeschehens. «Sobald eine Kriegspartei den Anspruch erhebt, im Besitz der wahren Religion zu sein, wird nicht nur einer der üblichen Konfliktverschärfer wirksam, sondern es werden auch alle auf ­materieller Interessenabwägung beruhenden Kompromisse als Voraussetzung der Kriegsbeendigung blockiert.» Politisch lösbare Konflikte würden so von einem «Geist der Unversöhnlichkeit» erfasst. «Religiös-konfessionelle Frontbildungen führen dazu, dass sich eine durch völkerrechtliche Regelungen eingeschränkte Gegnerschaft in bedingungslose Feindschaft verwandelt, bei der jede Form von Grausamkeit und Gewalt zulässig ist.» Relativiert werden diese Frontbildungen durch wechselnde Bündnisse und Feindschaften – auch eine «Strukturanalogie» über die Jahrhunderte hinweg. Aus einem Feind wird ein Freund, egal welcher Konfession, wenn es nur den eigenen Machtinteressen dient. Oft zogen oder ziehen regionale Grossmächte aus dem Hintergrund die Fäden, damals etwa Frankreich und Spanien, heute im Nahen Osten die Türkei, Saudi-Arabien und der Iran. Und was damals Söldner-Unternehmen waren, sind heute Warlords und ihre Gefolgschaft und Terrororganisationen, geführt und finanziert von Staaten. Sie kämpfen an der Seite von «offiziellen» Armeen oder an deren Stelle.

Kein einfacher Friedensschluss

Dass der Dreissigjährige Krieg schliesslich 1648 in den Westfälischen Frieden mündete, hat vor allem auch damit zu tun, dass die Ressourcen für weitere Kriege erschöpft waren. Mit Blick auf jene Friedensverhandlungen und die Kriege in Syrien, Jemen und Li­byen schreibt Münkler in einem Aufsatz im Themenheft «Zeit- geschichte»: «Man muss sich ­darauf einstellen, dass sie nicht durch einfache Friedensschlüsse, sondern nur durch komplexe Friedensprozesse zu beenden sind.» Und es sei alles dafür zu tun, dass sie nicht zu einem einzigen Krieg zusammenwachsen würden. Sonst drohe dem Nahen Osten «ein Schicksal, wie es Europas Mitte im 17. Jahrhundert widerfahren ist».

Herfried Münkler Der Dreissigjährige Krieg – europäische Katastrophe, deutsches Trauma, Rowohlt, 976 S., Fr. 57.–

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