Drei St.Gallerinnen in Rom

In der St.Galler Kantonsbibliothek Vadiana zeigen Annina Arter, Hannah Raschle und Valentina Stieger die Ausbeute ihrer Atelieraufenthalte.

Christina Genova
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Der Ausstellungssaal der Vadiana mit den Vitrinen von Valentina Stieger, links Hannah Raschles Tapete.


Der Ausstellungssaal der Vadiana mit den Vitrinen von Valentina Stieger, links Hannah Raschles Tapete.

(Bild: Urs Bucher)

Hannah Raschles schlimmstes Erlebnis in Rom war, als sie unten am Tiber von zwei wilden Hunden verfolgt wurde. Sie gehörten Bettlern, die dort lebten: «Mein Status als privilegierte Schweizerin wurde mir schlagartig bewusst und ich machte mich mit Herzklopfen davon», erzählt die Künstlerin. Sie stellt zusammen mit Annina Arter und Valentina Stieger im Ausstellungssaal der Kantonsbibliothek Vadiana aus. «Cambiare aria», der Titel der Schau, bedeutet frei übersetzt Tapetenwechsel.

Die drei St.Galler Künstlerinnen bekamen im Rahmen eines Atelierstipendiums des Kantons St.Gallen Gelegenheit für eine Luftveränderung und durften drei Monate in Rom verbringen. In der Ausstellung geben sie sehenswerte Einblicke in die Ausbeute ihres Romaufenthalts. Die Zeit in Rom haben alle drei als grossen Luxus empfunden: «Die Möglichkeit, in eine für mich noch unbekannte Stadt einzutauchen und daraus Inspiration zu schöpfen, war einzigartig», sagt Annina Arter.

Auf den Spuren der verliebten Grossmutter

Annina Arters römische Tapeten fügen sich perfekt ins Neorenaissance-Ambiente ein.

Annina Arters römische Tapeten fügen sich perfekt ins Neorenaissance-Ambiente ein.

(Bild: Stefan Rohner)

Der Tapetenwechsel hat die Textildesignerin tatsächlich zu einer Wandtapete inspiriert: Abgebildet sind Artefakte, die ihr auf ihren Streifzügen durch die Museen der geschichtsträchtigen Stadt auffielen. Das Design fügt sich perfekt in das Neurenaissance-Interieur vor dem Eingang zum Ausstellungssaal ein.

Detail aus Annina Arters Tapete.

Detail aus Annina Arters Tapete.

(Bild: PD)

Auch einen Vorhang hat Arter entworfen. Darauf vermengt sind Pilze, Korallen oder exotische Blüten, die sie in Archiven und Bibliotheken gefunden hat. Ihr Sinn für Humor zeigt sich darin, dass sie in das opulente Design Donald Ducks Schnabel und Füsse eingefügt hat. Auch Hannah Raschle hat aus Rom eine Tapete mitgebracht: Darauf hat die Dreissigjährige allerhand durchgeknallte Hotelrezeptionen gezeichnet. Ausgangspunkt dafür war das Römer Hotel, wo ihre Grossmutter einst arbeitete. Sie wollte ihr Italienisch aufbessern, weil sie unsterblich in einen Italiener verliebt war.

Ausserdem gewährt die Künstlerin Einblick in ihre Masterarbeit: Sie bringt dabei die Exponate in Schulvitrinen zum Sprechen: ein Stein philosophiert im breitesten Inner­rhoder Dialekt und das Modell eines Schwefelsäuremoleküls meint: «Es ist schön, durch die Hände der Schülerinnen zu wandern.»

Im Hintergrund Hannah Raschles Hoteltapete und das Video mit dem sprechenden Stein. Im Vordergrund das Schwefelsäuremolekül.

Im Hintergrund Hannah Raschles Hoteltapete und das Video mit dem sprechenden Stein. Im Vordergrund das Schwefelsäuremolekül.

(Bild: Stefan Rohner)

Valentina Stieger schliesslich hat in drei Vitrinen Erinnerungs- und Fundstücke aus Rom zu einer assoziativen Auslegeordnung zusammenstellt. Die Künstlerin sagt: «Rom ist speziell: Es ist eine sehr alte und museale Stadt und gleichzeitig sehr lebendig.»

Stieger interessierte sich dafür, wie das antike Erbe bis heute nachwirkt und zum Beispiel seinen Niederschlag in Werbung, Mode und Design findet. Dabei zeigt sie durchaus Humor, etwa wenn sie Rigatoni, eine beliebte Pastasorte, wie die Elemente einer antiken Säule aneinanderreiht. Und wer achtet im Alltag schon darauf, dass auf dem 5-Cent-Stück das Kolosseum abgebildet ist?

Geschichten und Klänge

«Cambiare aria» ist eine Ausstellung des mobilen Kulturraums S4. Im Rahmenprogramm treten weitere Stipendiaten auf: Am 10.12., 19.30 Uhr, gewähren Julia Sutter und Bruno Pellandini Einblick in ihre Romanprojekte und der Musiker Josquin Rosset spielt von Rom inspirierte Kompositionen. Zur Finissage am 22.12., 16 Uhr, tritt Thomas Kuratli mit Geschichten und Klängen aus Berlin auf.
Bis 22.12.19, Vadiana, Notkerstrasse 22, St. Gallen; Do–Sa 12–18 Uhr, So 12–16 Uhr.

Christian Fischbacher und Gianni Versace

Das T-Shirt steht für eine Kooperation zwischen Italien und St.Gallen.

Das T-Shirt steht für eine Kooperation zwischen Italien und St.Gallen.

(Bild: Stefan Rohner)

Das sich die Schuhmarke Tod’s an dessen Restaurierung beteiligte findet Stieger ebenso spannend wie die Tatsache, dass die St.Galler Textilfirma Christian Fischbacher in den 1980er-Jahren mit dem italienischen Modedesigner Gianni Versace zusammenarbeitete. Dessen Logo ziert das Haupt der Medusa, einer Figur aus der griechischen Mythologie. In Form einer bestickten T-Shirt-Edition erinnert die Künstlerin an diese Kooperation und schlägt damit einen weiteren Verbindungsbogen zwischen St.Gallen und Italien.

Drei Fragen an Annina Arter

Die St.Galler Textildesignerin Annina Arter am Fenster des Ateliers in Rom im März 2019.

Die St.Galler Textildesignerin Annina Arter am Fenster des Ateliers in Rom im März 2019.

(Bild: PD)

Ist aus Ihrer Erfahrung ein Atelieraufenthalt ein gutes Förderinstrument? Welches sind die Vorteile, welches die Nachteile?

Annina Arter: Ja! Die Möglichkeit, ohne Druck und nach eigenem Rhythmus in eine für mich noch unbekannte Stadt einzutauchen und daraus Inspiration zu schöpfen, war einzigartig. Die Atelierwohnung wurde allen meinen Ansprüchen gerecht und ich konnte konzentriert und ohne Einschränkung arbeiten. Den Spielraum zu haben, ohne Zeitdruck verschiedene Gestaltungsmittel auszuprobieren, stellte für mich einen grossen Luxus dar und war wertvoll für meine gestalterische Entwicklung.

Welches war Ihr schönstes Erlebnis in Rom, welches Ihr schlimmstes?

Besonders spannend fand ich das verwunschene, düstere und etwas morbide Rom, mit seinen Fratzen, Gräbern, Grotten und überwucherten Gemäuern. Persönlich habe ich keine schlechten Erfahrungen gemacht. Rom ist eine antike Stadt mit modernen Problemen, wie sie wohl in jeder europäischen Grossstadt vorkommen. Gut, sich diese als Schweizer manchmal vor Augen zu führen.

Was bleibt von Ihrem Romaufenthalt?

Die Sehnsucht nach Rom! Die Stadt ist so unendlich reich. Nicht nur wegen den unzähligen Mustern, Ornamenten, dekorativen Elementen und Oberflächen, möchte ich so bald wie möglich nochmals einen längeren Romaufenthalt planen.

Drei Fragen an Hannah Raschle

Künstlerin, Illustratorin und Comiczeichnerin Hannah Raschle war 2015/16 in Rom.

Künstlerin, Illustratorin und Comiczeichnerin Hannah Raschle war 2015/16 in Rom.

(Bild: PD)

Ist aus Ihrer Erfahrung ein Atelieraufenthalt ein gutes Förderinstrument? Welches sind die Vorteile, welches die Nachteile?

Hannah Raschle: Ein Atelieraufenthalt ist ein vorzügliches Förderinstrument, weil es Zeit und Raum schafft, sich ganz der künstlerischen Arbeit zu widmen und sich gleichzeitig in einer fremden Stadt zu verlieren. Das kann natürlich Hoffnung und Verzweiflung zugleich bedeuten. Denn die Anknüpfungspunkte an das jeweilige gesellschaftliche Leben muss man sich selber suchen. Zuweilen fühlte ich mich in Rom als anonyme Beobachterin von aussen und wäre lieber ins alltägliche Leben eingebettet gewesen.

Welches war Ihr schönstes Erlebnis in Rom, welches Ihr schlimmstes?

Das schönste waren die ziellosen Spaziergänge im gelben Abendlicht durch die immer neuen Gassen, die nächtliche Vespafahrt am Kolosseum vorbei, die Nachtschichten im Atelier in Machopose mit Rotwein und Zigaretten, der italienische Karaokeabend oder das unerwartet gute Fischgericht in irgendeiner Spelunke am Stadtrand.
Das schlimmste war, als ich unten am Tiber von zwei wilden Hunden verfolgt wurde und merkte, dass ich mich in Gefilde begeben hatte, die mir nicht zustehen. Mein Status als privilegierte Schweizerin wurde mir schlagartig bewusst und ich machte mich mit Herzklopfen davon.

Was bleibt von Ihrem Romaufenthalt?

Dankbarkeit dafür, dass ich das Privileg hatte, mich ausschweifend und intensiv meinen Interessen hinzugeben. Weil ich, als ich vor vier Jahren in Rom war, noch eher am Anfang meiner Laufbahn stand, schenkte mir der Romaufenthalt das Selbstvertrauen, mich weiterhin intensiv meiner künstlerischen Arbeit zu widmen.

Drei Fragen an Valentina Stieger

Die St.Galler Künstlerin Valentina Stieger war 2017 in Rom.

Die St.Galler Künstlerin Valentina Stieger war 2017 in Rom.

Urs Bucher

Ist aus Ihrer Erfahrung ein Atelieraufenthalt ein gutes Förderinstrument? Welches sind die Vorteile, welches die Nachteile?

Valentina Stieger: Es ist ein schönes Förderinstrument, das die Begegnung mit einer anderen Kultur ermöglicht. Man hat drei Monate Zeit, sich mit dem Stadtraum und den Kulturgütern auseinanderzusetzen. Rom ist speziell: Es ist eine sehr alte und museale Stadt und gleichzeitig sehr lebendig. Eine Herausforderung besteht darin, dass man kein soziales Netz hat und sehr für sich ist. Eine Kontaktperson vor Ort, welche mich in die Römer Kunstszene hätte einführen können, wäre hilfreich gewesen.

Welches war Ihr schönstes Erlebnis in Rom, welches Ihr schlimmstes?

Spannend war, dass ich beim Aufbau einer Skulptur von Urs Fischer durch die Kunstgiesserei St.Gallen dabei sein konnte. Ich habe auch immer wieder zufällig Bekannte auf der Strasse getroffen. Als sehr unangenehm empfand ich die Endloskarawane der Touristen. Ich hatte auch Mühe mit der Machokultur der Italiener. Als privilegierter Schweizer Stipendiatin fielen mir die vielen Obdachlosen und Flüchtlinge am Bahnhof Termini auf, die mir auf jedem Heimweg begegneten. In Rom zeigte sich im Kleinen, wie marode das Land ist. Hinter den schönen Fassaden wird viel Brüchiges sichtbar.

Was bleibt von Ihrem Romaufenthalt?

Viele schöne Momente und Erinnerungsstücke, von welchen man einen Teil in der aktuellen Ausstellung sehen kann. Über das Istituto Svizzero konnte ich einige Kontakte verfestigen, die heute zu Freundschaften geworden sind.