Drei Premieren und ein Neustart

Das Theater Basel steht unter neuer Leitung. Mit drei Premieren zeigt Andreas Beck, wohin die Reise gehen soll – in der Oper mit «Chowanschtschina», im Schauspiel mit «Engel in Amerika» und «Die Schlafgänger».

Tobias Gerosa
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Chowanschtschina – mit Jordanka Milkova und Rolf Romei (Bild: Theater Basel/Simon Hallström)

Chowanschtschina – mit Jordanka Milkova und Rolf Romei (Bild: Theater Basel/Simon Hallström)

Es riecht neu am Theater Basel. Man hat etwas umgebaut und im grossen Haus, das vor allem für die Oper und das Ballett genutzt wird, gab's neue Stühle. Wichtiger aber: Am Wochenende hat ein ganz neues Team begonnen.

Wo Basel aufholen will

Auf den an die Hamburgische Staatsoper gezogenen Opern-Mann Georges Delnon kam vom Wiener Schauspielhaus Andreas Beck als neuer Intendant. Ein Schauspiel- nach einem Opernmann: Die Neubesetzung zeigt schon auf, wo das grösste Dreispartenhaus der Schweiz aufholen will.

Chronologisch kam aber nochmals die Oper zuerst mit einem echten Brocken: Modest Mussorgskis Geschichtspanorama «Chowanschtschina». Während das Sinfonieorchester Basel unter dem jungen Dirigenten Kirill Karabits farben- und kontrastreich die Morgenstimmung der Einleitung spielt (über den ganzen gut dreieinhalbstündigen Abend wird es manchmal zu laut agieren), entführt ein Video wie aus einer Eisenbahnromantik- oder Transsib-Werbung die Zuschauer von der Hauptstadt 15 000 Kilometer nach Osten. Hier, auf dem vielleicht letzten Bahnhof fleddert und verlädt eine Soldateska gerade Leichen.

Oper: Farbig, aber statisch

Es sind die Truppen Iwan Chowantskis auf seinem Feldzug für die Macht. Entsprechend machtvoll (so machtvoll, dass die Karikatur nicht weit weg ist) fällt der Auftritt Vladimir Martorins aus, so, wie man es sich von einem russischen Bass alter Schule vorstellt. Da setzt der Rest des Ensembles um Dmitri Ulyanov und Dmitry Golovnin (als Dossifei und Golitzyn die Hauptkontrahenten im Machtgeklüngel) andere Massstäbe, und auch der hervorragend singende Theater- und Extrachor schliesst sich nahtlos an. Es könnte also ein packender Abend entstehen, wäre da nicht die Vasily Barkhatovs Regie. Zwar sind die Bilder – ein Bahnsteig, Wartehallen – gross, aber es geschieht darin viel zu wenig. Der Chor formiert sich blockweise zu Tableaus – und damit hat sich's.

Dass die Fragen nach dem richtigen Glauben (der heilige sibirische Aktenkoffer scheint eine wichtige Rolle zu spielen) und der Macht ja durchaus aktuell wären, davon ist trotz äusserlicher Modernisierung nichts zu sehen. «Als ob das ganze russische Regieteam einfach seine eigene trostlose Jugend auf die Bühne gestellt hätte», meinte meine Sitznachbarin treffend.

Schauspiel I: Engel in Amerika

Da hat man im Schauspiel andere Trümpfe. Simon Stone ist neuer Hausregisseur und gerade einer der meistgefragten neuen Namen zwischen Wien und Berlin. Er hat als erste Schauspielproduktion Tony Kushners «Engel in Amerika» ausgegraben.

Das Stück war Anfang der Neunziger viel gespielt und traf mit der Thematisierung der neuen Seuche Aids und der amerikanischen Gesellschaft den Nerv der Zeit. Stone erzählt die Geschichten um das junge schwule Paar Prior und Louis (packend: Nicola Mastroberardino und Florian Jahr) in brechtisch offenem Arbeits-Setting. Wer nicht spielt, sitzt an den Garderobentischen hinten.

Die Szenen fliessen locker ineinander oder durchdringen sich sogar. Langsam entwickeln sich die Halluzinationen, Ahnen- und Engelerscheinungen wie natürlich und doch beunruhigend. Bis – «voll Spielberg, Mann!» – der Engel durch die Decke bricht und Prior die Himmelsleiter hinauf und auch wieder zurücksteigt. Kushners Dialoge zünden noch immer, sie werden in teils horrendem Tempo serviert. Die beiden Teile dauern trotzdem sechs Stunden (werden aber auch einzeln an je einem Abend gezeigt), die nie lang werden – aber inhaltlich auch nicht wirklich zwingend so lang sein müssten.

Schauspiel II: Schlafgänger

Jedenfalls wirken die 80 Minuten der zweiten Schauspielpremiere fast länger – müssen sie auch, weil man sich nicht auf Dialoge und Handlung konzentrieren, sondern auf feine Stimmung und Sprache achten muss. Regisseurin Julia Höltscher (auch sie Hausregisseurin) und Dramaturgin Katrin Michaels haben Dorothee Elmigers Roman «Die Schlafgänger» von 2014 adaptiert. Nachdem der Kampf um ein Aids-Medikament in den «Engeln in Amerika» schon einen Lokalbezug geschaffen hat, spielt Dorothee Elmigers Text teilweise mindestens in Basel. Auch wenn das ziemlich egal ist.

Die Regisseurin lässt die Personen manchmal miteinander, meist aber wie für sich sprechen. Auf einem Podest, das aus mehr Lücken als Brettern besteht, balancieren sie über einer Matratzengruft mit Weisswäschegebirge (Bravo, Paul Zoller!). Es geht um den Fall und Grenzen, um Schlaf und Inklusion – und um die immer drohende Absturzgefahr. Überraschend oft wirkt das witzig, auch dank der slapstickhaften Ebene des Turnens auf Podium – zeigte sich die Autorin deswegen nicht beim Premierenapplaus?

Beck weckt Lust auf mehr

Der kurze Dorothee-Elmiger-Abend bekommt so etwas skurril Schwebendes, er öffnet in musikalischer Weise flüchtige Assoziationsräume – nochmals ganz anders als die ersten beiden Handschriften.

Die drei ersten von Andreas Beck verantworteten Premieren sind kein Raketenstart. Aber es sind Abende, die ihr Publikum herausfordern und die Lust auf mehr machen.

Schlafgänger – mit Cathrin Strömer, Liliane Amuat und Steffen Höld. (Bild: Theater Basel/Simon Hallström)

Schlafgänger – mit Cathrin Strömer, Liliane Amuat und Steffen Höld. (Bild: Theater Basel/Simon Hallström)

Engel in Amerika – mit Myriam Schröder. (Bild: Theater Basel/Sandra Then)

Engel in Amerika – mit Myriam Schröder. (Bild: Theater Basel/Sandra Then)

Andreas Beck Neuer Intendant des Theaters Basel (Bild: ky/Georgios Kefalas)

Andreas Beck Neuer Intendant des Theaters Basel (Bild: ky/Georgios Kefalas)