Drei Männer und eine abwesende Frau

Mit «Louder than Bombs» dreht der vielversprechende norwegische Regisseur Joachim Trier in Englisch einen neuen Film mit Stars wie Isabelle Huppert und Gabriel Byrne. Auch sonst probiert er in diesem Familiendrama viel Neues aus. Trier inszeniert die Geschichte weder trocken noch melodramatisch.

Regina Grüter
Drucken
Teilen
Isabelle Huppert und Gabriel Byrne in «Louder than Bombs». (Bild: pd/Frenetic)

Isabelle Huppert und Gabriel Byrne in «Louder than Bombs». (Bild: pd/Frenetic)

«Kann mein Bild Ihre Geschichte so erzählen, wie Sie sie erzählen würden?», fragt Isabelle Joubert Reed in einer Rückblende. Das Foto einer Familie ist vermutlich irgendwo in Afghanistan entstanden. «In Zeiten von Krieg oder extremer Armut sind die Regeln normalen Lebens ausser Kraft gesetzt», erzählt die Kriegsfotografin weiter. Zu Beginn des Dramas «Louder than Bombs» von Joachim Trier ist Isabelle Reed, verkörpert von Isabelle Huppert, seit drei Jahren tot.

Gestorben ist sie nicht etwa bei der Arbeit, sondern bei einem Verkehrsunfall zu Hause in New York. Die Umstände des Unfalls wurden nie vollständig geklärt. Mit einer grossen Ausstellung soll nun die Arbeit der renommierten Fotografin posthum gewürdigt werden.

Getrübtes Verhältnis zu Söhnen

Die erste Einstellung zeigt Jonah (Jesse Eisenberg), den älteren Sohn der Reeds, wie er gerade Vater geworden ist. Das Glück der jungen Familie ist von kurzer Dauer. Jonah fährt nach New York, um seinem Vater Gene (Gabriel Byrne) endlich beim Ausmisten von Isabelles Büro zu helfen. Das Verhältnis von Gene zu seinen beiden Söhnen ist nicht ungetrübt, die Kommunikation schwierig. Jonah wusste von den Depressionen der Mutter und meint, er sei derjenige, der Isabelle am besten verstand.

Den jüngeren Conrad (Devin Druid), beim Tod der Mutter erst zwölf, hat man bis jetzt damit verschont. Ein Berufskollege von Isabelle Reed (David Strathairn) will in einem Artikel zur Ausstellung deren persönliche Probleme nicht verheimlichen. Conrad soll davon aber nicht aus der Zeitung erfahren, was die Familie zu einer Aussprache zwingt.

Wir wir uns erinnern

Dass der Norweger Joachim Trier das familiäre Drama weder trocken und schwer noch melodramatisch inszeniert, hat man erwartet. Zum ersten Mal dreht er auf Englisch mit einem internationalen Cast und geht auch kinematographisch neue Wege. Während er in «Oslo, August 31st» seine Hauptfigur 24 Stunden lang mit einer Steadicam durch Oslo begleitet, setzt Trier in «Louder than Bombs» verschiedene filmische Kunstgriffe ein und schöpft die Möglichkeiten des Kinos aus.

Jeder erinnert sich anders an einen Menschen. Sogar gemeinsame Erlebnisse sind subjektiv. Jonah meint, das richtige Bild von seiner Mutter zu haben. Und dagegen kommt Vater Gene, der zu Hause zu den Söhnen geschaut hat während Isabelles längeren Abwesenheiten, nicht an. Worauf gründet das Bild, das wir von jemandem haben? Trier zeigt den Prozess des Erinnerns und wählt dafür eine nicht-lineare Erzählweise: Persönliche Erinnerungen der Hauptfiguren werden visualisiert, aber auch Träume und Phantasien.

Die Zeit ist ausser Kraft gesetzt. Der Regisseur bedient sich dabei stilistischer Mittel wie Zeitlupe, harter Schnitte, langer Abblenden oder surrealer Elemente. Die verschiedenen Perspektiven assoziiert der Zuschauer zu einem komplexen Bild der Figuren. Wie sehen sie sich selbst? Wie werden sie von den anderen gesehen? «Louder than Bombs» erzählt von einer Familie, in der die Mutter die meiste Zeit in einer völlig anderen Welt lebt; von der Schwierigkeit heimzukommen und dem Gefühl, nicht wirklich gebraucht zu werden. Aber auch davon, was es für die Zurückgebliebenen bedeutet, alleine klarkommen zu müssen.

Melancholisch-optimistisch

Trotz der vielen Themen und des etwas eigenartigen, unalltäglichen Berufs der Mutter schlägt der Film in seinen Bann. Im richtigen Leben geht es schliesslich auch um all diese Dinge: Schule, Beruf, Familie, Beziehung, Liebe und Tod.

Und was braucht es, damit ein solch «schwerer» Film seine Wirkung beim Publikum entfalten kann? Emotionen. Wer könnte sie besser rüberbringen als die unvergleichliche Isabelle Huppert («La pianiste») – obwohl ihre Leinwandpräsenz ziemlich beschränkt ist, sorgt sie zusammen mit Filmpartner Gabriel Byrne («Miller's Crossing») für die wohl intensivsten Momente.

Auch Jesse Eisenberg («The Social Network») überzeugt in Jonahs Rolle zeigt eine neue Facette von sich. Devin Druid als Conrad schliesslich ist ein vielversprechendes Talent. Er spielt seine Rolle erst aus der Perspektive des Vaters, verstockt und unnahbar, und offenbart erst in Gegenwart des älteren Bruders andere, unvermutete Seiten seiner Persönlichkeit.

Wie bereits «Reprise» und «Oslo, August 31st» hat Triers jüngster Film etwas Melancholisches, endet aber durchaus optimistisch – wobei der Schluss vielleicht gerade das Schlechteste am ganzen Film ist.

Der Film «Louder than Bombs» startet ab Donnerstag in den Ostschweizer Kinos.

Aktuelle Nachrichten