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Kinderarmut in Beirut: Dreck im Gesicht, Feuer im Herzen

Im ergreifenden Film «Capharnaüm» verklagt ein Strassenjunge aus Beirut seine eigenen Eltern, weil sie nicht für ihn sorgen. Ein Sozialdrama, das Kinderarmut in den Fokus rückt
Lory Roebuck
Zain bringt seine Eltern vor Gericht.

Zain bringt seine Eltern vor Gericht.

Einst nannte man Beirut das Paris des Nahen Ostens. Heute leben die Bewohner der von Bürgerkrieg und Flüchtlingskrise gezeichneten Mittelmeerstadt dicht gedrängt auf engstem Raum. Hier herrscht bisweilen, wie es auf Hebräisch heisst, ein Capharnaüm: ein heilloses Chaos.

Und dieses heillose Chaos ist die Welt des zwölfjährigen Zain (Zain Al Rafeea) im libanesischen Sozialdrama «Capharnaüm». Zain steht vor Gericht und verklagt seine eigenen Eltern – «weil sie mich in die Welt gesetzt haben», wie er dem erstaunten Richter erklärt.

Während ihrer vierjährigen Recherchearbeit für den Film habe sie in Jugendstrafanstalten und Gerichtssälen unzählige Kinder wie Zain kennen gelernt, erzählt die libanesische Regisseurin und Drehbuchautorin Nadine Labaki beim Interview in Cannes. «Diese Kinder sind nicht glücklich, sie wollen nicht in einer Welt voller Schmerz leben. Sie fragen sich: ‹Warum wollten mich meine Eltern, wenn sie nicht einmal in der Lage sind, sich um meine kleinsten Bedürfnisse zu kümmern?›»

Der 12-Jährige lebt im Film in einem Armenviertel Beiruts unter prekären Bedingungen. Seine Eltern sind illegale Einwanderer, die in ihrer kleinen Wohnung Drogen kochen, statt sich um ihre Kinder zu kümmern. Zain teilt sich das Zimmer mit seinen fünf Geschwistern. Als Zains Eltern seine 11-jährige Schwester für ein paar Hühner an Assaad verkaufen, der sie ehelichen will, hat Zain genug: Er läuft von zu Hause weg.

Labaki fand ihren jungen Hauptdarsteller Zain Al Rafeea in den Strassen Beiruts. Er hatte noch nie in einem Film mitgespielt, kannte aber die Welt seiner Filmfigur in und auswendig. «Der echte Zain ist ein syrischer Flüchtling, der seit sieben Jahren im Libanon lebt», erzählt Labaki.

«Armutsporno» oder aufrüttelndes Sozialdrama?

Nach einer Busfahrt in einen anderen Stadtteil versteckt sich Zain im Film auf einem Jahrmarkt, wo er die äthiopische Immigrantin Rahil (Yordanos Shifera) kennen lernt. Rahil nimmt Zain bei sich auf und gibt ihm Essen, im Gegenzug passt er auf ihren einjährigen Sohn auf, damit Rahil ihrer Arbeit als Reinigungskraft nachgehen kann. Doch als Rahil wegen ihrer fehlenden Papiere verhaftet wird, steht für Zain plötzlich nicht mehr nur sein eigenes Überleben auf dem Spiel.

Weil sie ihre grausame Filmwelt in hochästhetische Bilder verpackt, wurde der Regisseurin vorgeworfen, dass sie sich am Unglück ihrer Protagonisten geradezu ergötzt. Nach der Weltpremiere in Cannes wurde der Film von einigen Kritikern deshalb als «Armutsporno» verschmäht.

Sie wolle mit «Capharnaüm» aufrütteln, sagt Labaki. In ihrem Heimatland funktioniere nichts mehr, das System sei kaputt, und die grossen Leidtragenden seien Kinder wie Zain. «Bilder von Strassenkindern sehen wir jeden Tag, nicht nur im Libanon. Das ist nicht auszuhalten.»

Das Schicksal von Zain Al Rafeea wandelte sich dank des Films zum Besseren: Er konnte mit seinen fünf Geschwistern (die sich im Film selbst spielen) und seinen Eltern inzwischen nach Norwegen umsiedeln. Dort besucht Zain nun zum ersten Mal in seinem Leben eine Schule.

Hinweis

Ab Donnerstag im Kino

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