Ein Debütroman mit Potenzial: «Streulicht» von Deniz Ohde

Mit «Streulicht», einem Roman aus dem deutsch-türkischen Arbeitermilieu, schafft es die 32-jährige Deniz Ohde auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises. Zu Recht.

Bernadette Conrad
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Deniz Ohde ist in Frankfurt a.M. geboren, sie lebt in Leipzig.

Deniz Ohde ist in Frankfurt a.M. geboren, sie lebt in Leipzig.

Heike Steiweg / Aargauer Zeitung

Diese ganz bestimmte Art des Vaters, zu schauen. Sein Blick, «wenn die Farben schöner werden und die Ecken der Gegenstände weicher; wenn er noch trinkt, um in der Welt zu sein, nicht aussen vor, und glaubt, niemand um ihn herum bemerke es. Bevor er aufgibt und sich hinter der geschlossenen Wohnzimmertür versteckt, nichts mehr weicher wird, sondern nur immer härter ...» Härter bis zu den lautstarken, den handgreiflichen Streits; zum Moment, wo Gegenstände durch die Wohnung fliegen. Diese mit Gegenständen bis in den Keller vollgestopfte Wohnung, denn der Vater, – genau wie sein auch im Haus lebender Vater vor ihm – kann nichts wegwerfen, aber kauft, sammelt, hortet, als würde dies ihn «retten».

Retten wovor? Das Mädchen – die Icherzählerin des Romans «Streulicht» – lebt mit den Eltern in einer von Industrie geprägten Kleinstadt, in der sie nie «ausmachen kann, wo sich der Druck aufbaute, ob es draussen auf den Flusswiesen war oder in irgendeiner Wohnung, ob es in einem selbst war, ob man selbst diejenige sein würde, die sich umbrachte» – oder jemand anders.

In Trostlosigkeit und Aggression erstarrt

Diese Atmosphäre inmitten verstörender Anhäufungen nie sortierter Dinge und Gefühle ist es, die die Erzählerin als Ausdruck umfassender Resignation begreift und beschreibt. Für sie selbst gibt es als Kind kein Entkommen – denn die an den Dingen klebende Depression greift auch auf ihre Mutter über, die, als junge Frau aus der Türkei gekommen, gegen die Wucht dieser zwischen Depression und Aggression gefangenen Männerwelt nicht ankommt.

Gründlich lässt Autorin Deniz Ohde ihre Icherzählerin das Gelände des erstarrten Lebens vermessen; jeder Winkel der Trostlosigkeit scheint ausgeleuchtet, und natürlich liegen die Fallstricke, die diese Geschichte zu einer – in sich wiederum starren – Opfererzählung machen könnten, überall bereit.

Blick von innen und von aussen

Deniz Ohde balanciert mit poetisch genauem Blick an diesen Fallen entlang. Nicht nur die Erzählerin selbst blickt auf die depressiven Verhältnisse, sondern die Autorin ermöglicht auch den Blick von aussen auf das Mädchen und die junge Frau, deren Kräfte erstmals aufgebraucht werden von der Anstrengung, sich selbst gleichsam totzustellen in der zum Zerreissen gespannten häuslichen Welt.

Auch «draussen» ist erstmals nur stummes Überleben möglich. Da ist der Lehrer Herr Kaiser, der sie neben dem Vorzeigekind Sophia als «Ausländerkind» übersieht, – oder schadenfroh benachteiligt; da ist Sophias eifrige Streber-Mutter, deren hochgezogene Augenbrauen und beredtes Schweigen das Mädchen in seiner Minderwertigkeit bestätigen. Und da ist noch im Oberstufenkolleg, auf dem sie das Abitur nachholt, der Referendar, der findet, einer schon 22-Jährigen müsse er Punktabzüge geben. «Ich sah die Raster in seinen Augen, durch die ich gefallen war und immer noch fiel. Ich sah, dass er darin zu Hause war...und keine Lücke in seinem Denken entdeckte, weil es engmaschig war, weil es in sich schlüssig war, aber nicht ausser sich, wo ich stand.»

Bestechende Klarheit

Deniz Ohde ist 1988 in Frankfurt am Main geboren und lebt heute in Leipzig. «Sie schreibt mit bestechender Klarheit über einen Teil der Gesellschaft, der sonst viel zu selten zu Wort kommt», erklärt die Jury des Deutschen Buchpreises zur Wahl von «Streulicht»in die Shortlist.

Ihr sensibles und scharfsinniges Erzählen gelingt, weil es viel mehr ist als nur anklagend; in ihm sind die Mutter, die irgendwann krank wird und stirbt, aufgehoben und auch der Vater, hinter dessen Versagen wiederum Verhältnisse sichtbar werden, die ihm wenig Chancen liessen. Es gibt eben auch für so eine Kindheit keine einfachen Erklärungen, sondern nur das äusserst komplexe Leben.

Deniz Ohde Streulicht. Roman. Suhrkamp, 285 Seiten.