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DRAMATURGIE: «Die Grenze zum Wahnsinn wird fliessend»

Armin Breidenbach ist seit dem Sommer 2016 Dramaturg am Theater St. Gallen – und ein Fan der Kriminalromane von Friedrich Glauser. An der Stückfassung von «Matto regiert» hat er mitgeschrieben und sagt vor der Premiere, was ihn daran fasziniert.
Hansruedi Kugler
Dramaturg Armin Breidenbach in der Tür zu seinem Büro. (Bild: Ralph Ribi)

Dramaturg Armin Breidenbach in der Tür zu seinem Büro. (Bild: Ralph Ribi)

Hansruedi Kugler

hansruedi.kugler@tagblatt.ch

«Keep calm – trust your dramaturg» – Ruhe bewahren und dem Dramaturgen vertrauen: Der feine Humor, der als verschmitztes Motto am Türpfosten zu seinem Büro hängt, passt bestens zu ­Armin Breidenbach. Die Ironie ist offensichtlich, denn viele Theaterproduktionen verändern sich bis kurz vor der Premiere – auch bei «Matto regiert». In sechs Tagen ist Premiere, Breidenbach hat mit Regisseurin Christina Rast den 300 Seiten dicken Kriminalroman von Friedrich Glauser zu einem zweistündigen Theaterabend umgeschrieben. Damit schliesst sich ein kleiner Kreis. Denn als er vor zwei Jahren in die Schweiz kam, las er als Erstes Glausers «Der Chinese». Man hatte ihm Glauser ans Herz gelegt – und er hat den Roman genau so verschlungen wie später «Matto regiert», den Fall, der Wachtmeister Studer in die Irrenanstalt führt: «Glauser hat seine Figur des Studers erfunden, um einen Hebel zu haben, damit er über die Schweiz und über sein eigenes Leben am Rand des Wahnsinns erzählen kann», sagt Breidenbach. «Und Studer wird im Roman in der Anstalt ganz schön durch den Wolf gedreht, lässt sich an der Nase herumführen – die Grenze zum Wahnsinn wird bei allen Figuren fliessend.»

Glauser schildert Psychiatrie als Abschiebeanstalt

Einiges in «Matto regiert» ist nahe an der Biografie Glausers. Der Morphiumsüchtige bewegte sich zwischen Internierung, Psychiatrie und Entlassung, zwischen Drogensucht und Entzug. Der Empfindsame und Geplagte wurde zum scharfen Beobachter. Unter anderem mit sozial­kritischem Blick: «Ja, das ist eine Seite dieser Krimis. Glauser erzählt viele Vorgeschichten, die von Unterdrückung und Armut handeln. Und die Psychiatrie wird als ­Abschiebeanstalt geschildert.» Glauser als Sozialkritiker zu lesen wäre Breidenbach aber zu ein­dimensional. Vielmehr stelle Glauser in diesem Mikrokosmos der Irrenanstalt die grundsätz­liche Frage nach der Grenze zum Wahnsinn. Gerade der Anstaltsarzt Laduner sei eine äusserst zwiespältige Figur: Humanistisch eingestellt, aber zugleich manipulierend und Menschenversuche durchführend. Er zieht im Roman die Fäden. Da drängt sich die augenzwinkernde Frage auf: Ziehen Dramaturgen die Theaterfäden aus dem Hintergrund? Sind sie Chefintellektuelle am Theater, weil viele von ihnen Germanistik – und einige wie Armin Breidenbach, auch noch Philosophie ­studiert haben? Das Friedrich-Nietzsche-Zitat am Türpfosten wäre dafür Beleg: «Mancher findet sein Herz nicht eher, als bis er – den Kopf verliert.» Breidenbach schüttelt den Kopf. Zwar gehört Textrecherche zum Beruf. Aber auf der Theaterprobe Vorträge zu halten, sei nun wirklich nicht seine Hauptaufgabe. Und die ­Ironie im Nietzsche-Zitat liegt auf der Hand. «Wenn ich Literaturhistoriker hätte werden wollen, wäre ich an der Uni geblieben», sagt er. «Die Uni fand ich einfach zu langweilig. Da sind zu wenig Verrückte unterwegs.»

«Regie – nee, nee, das können andere besser»

Deshalb wohl hängt über dem Nietzsche-Zitat ein anderes – des Schauspiellehrers Max Reinhardt: «Ich glaube an die Unsterblichkeit des Theaters. Es ist der seligste Schlupfwinkel für diejenigen, die ihre Kindheit heimlich in die Tasche gesteckt und sich damit auf und davon gemacht haben, um bis an das Lebensende weiterzuspielen.» Hirn und Herz, die Kombination also macht es aus. Und Breidenbach fügt an: «Das gemeinsame Nachdenken mit der Regie über Idee und Konzept bis zu Figurenzeichnung und Endproben finde ich spannender als die Uni.» Darin sieht er ­seine Hauptaufgabe: Loyaler Ver­trauter der Regie und erster ­Kritiker der Produktion zu sein – aus tiefem Verständnis für die Texte.

Theaterluft atmete er schon als Kinderstatist in Darmstadt, hat während der Schulzeit und da­nach an Theaterproduktionen mitgewirkt und war, bevor er Dramaturg in Tübingen und später in Düsseldorf wurde, dreieinhalb Jahre Regieassistent in Osnabrück: «Viel zu lange – das war undankbare Knochenarbeit. Als Regieassistent muss man immer zur Stelle sein und ist am Ende an allem schuld.» Keine Lust auf ­Regie oder gar Schauspielerei? «Nee, nee, das können andere besser», sagt er. Etwa seine ­Tante, die Opernsängerin Ruthild Engert-Ely. Seine Schwester ­Beate Breidenbach hingegen hat eine ähnliche Laufbahn eingeschlagen. Sie ist Dramaturgin am Opernhaus Zürich.

Wie kommt man bei Glauser-Krimis am legendären Heinrich Gretler vorbei, der den Wachtmeister Studer in mehreren Filmen verkörperte? Breidenbach fand Gretler irritierend: «Im Gegensatz zum Roman ist er polternd. Ich hatte mir Studer zurück­haltender, nachdenklicher vor­gestellt.» Zudem sei dort die ­Liebesgeschichte von Caplaun und Schwester Irma ziemlich rührselig. Am Theater St. Gallen wird Hansjürg Müller den Studer spielen – in einem Bühnenbild aus vielen Vorhängen, einem geheimnisvollen Versteckspiel.

Premiere: Fr, 12.1., 19.30 Uhr, Theater St. Gallen, grosses Haus; Matinee: So, 7.1., 11 Uhr, Lokremise

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