Dramatik und Glamour

Filmfestival Locarno Nach regnerischem Start funkeln morgen mit «Cowboys & Aliens» Hollywood-Sterne über der Piazza Grande.

Andreas Stock/Locarno
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Trotz Gewitterregen: Die Leinwand auf der Piazza Grande von Locarno lockt wieder Tausende an. (Bild: ky/Jean-Christophe Bott)

Trotz Gewitterregen: Die Leinwand auf der Piazza Grande von Locarno lockt wieder Tausende an. (Bild: ky/Jean-Christophe Bott)

Man fühlt sich unweigerlich an Spielberg erinnert. Und das ist kein Zufall, ebenso wenig, wie der Produzent des Science-Fiction-Films «Super 8» Steven Spielberg heisst. Denn Regisseur J. J. Abrams («Lost», «Star Trek») eifert mit der Story einer Gruppe von Schulkindern, die während der Sommerferien einen Zombiefilm drehen wollen, seinem Vorbild nach. Als dunkle Jazzvariation auf Spielbergs frühe Meisterwerke «E.T.» und «Close Encounters» liesse sich «Super 8» bezeichnen, der 1979 spielt und zeitlich somit zwischen diesen beiden Blockbustern angesiedelt ist. Es finden sich zahlreiche Motive und Themen aus dem Spielberg-Universum: die Kinder-Perspektive, eine schwierige Vater-Sohn-Beziehung oder die Bedrohung, die von Erwachsenen und insbesondere vom Militär ausgeht. Weil diese Hommage unverkrampft inszeniert und in der Charakterisierung der leidenschaftlichen Jungfilmer vergnüglich ist, sieht man gerne zu.

Über Leichen gehen

«Super 8» war am Mittwoch ein unterhaltsamer (und leider von Gewittern beeinträchtigter) Auftakt auf der Piazza Grande und legte die Richtung fest, aus der hier bis zum Wochenende der Wind bläst. Denn am zweiten Abend waren mit dem norwegischen Krimi «Headhunters» und dem Endzeit-Thriller «Hell» zwei weitere actionbetonte Filme auf der Piazza zu sehen. «Headhunters», nach einem Bestseller des Krimiautors Jo Nesbo, ist in seiner Zuspitzung ein kühn konstruiertes Drama eines erfolgreichen Vermittlers von Jobs in obersten Chefetagen, dessen «Nebenjob» als Kunsträuber ihn in unerwarteter Weise in tödliche Gefahr bringt. Der rasante Wirtschaftskrimi entpuppt sich dann als böse Groteske auf ein zynisches Topmanagement, das buchstäblich über Leichen geht.

Da scheint es gar nicht mehr so weit bis zur Endzeit, die in «Hell» beschrieben wird. Hier gibt es nur noch den blossen Überlebenskampf um das rare Essen und Wasser. Der Basler Regisseur Tim Fehlbaum beweist in seinem ersten Langspielfilm Gespür für Atmosphäre. Seine ausgewaschenen, oft stark überbelichteten Bilder vermitteln die postapokalyptische Stimmung gut. Es ist Fehlbaums Pech, dass kurz vor ihm mit «The Road» und «The Book of Eli» gleich zwei Endzeit-Thriller mit den stilistisch gleichen Mitteln und sehr ähnlichen Geschichten im Kino zu sehen waren.

Morgen abend steht mit «Cowboys & Aliens» die Europapremiere eines Hollywood-Blockbusters an – wofür mit Regisseur Jon Favreau und den Hauptdarstellern Daniel Craig, Harrison Ford und Olivia Wilde auch die Stars erwartet werden. Dem künstlerischen Direktor Olivier Père ist damit ein Coup gelungen, auch wenn man als langjähriger Festivalbesucher es noch gar nicht wahrhaben will.

Der rote Teppich ist ausgerollt

Zwar betonte Père, dass primär die Qualität der Filme stimmen müsse, damit man sich um Stars bemühe. Dass das junge Zürich Filmfestival jeweils mit viel Filmprominenz zu glänzen vermochte und man hier nicht mehr länger zurückstehen darf, liegt aber ebenso auf der Hand. Jedenfalls wollen sich dieses Jahr so viele schillernde Namen und Grössen des Filmbusiness in Locarno blicken lassen wie selten zuvor. Der rote Teppich vor der grossen Leinwand der Piazza Grande ist jedenfalls ausgerollt.

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