Drama-Queen: Die Kanadierin Jessie Reyez macht modernen Pop mit tiefgründigen Texten.

Sie hat kolumbianische Wurzeln und kann singen, wie nur wenige. Aber nicht nur das macht sie so aussergewöhnlich.

Steffen Rüth
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Jessie Reyes, 28, schöpft aus der Musik ihre Energie und Kraft.

Jessie Reyes, 28, schöpft aus der Musik ihre Energie und Kraft.

Bild: Imago

Die 28-jährige Jessie Reyez zählt zu den aussergewöhnlichsten Pop-Neuentdeckungen der letzten Jahre. Ihre Lieder, die leise sein können, aber auch gern mal ausufernd poppig geraten. Die modern klingen, ohne mit Produktionsmätzchen überladen zu sein, sie erinnern leicht an Halsey, ein ganz bisschen auch an Billie Eilish, eher jedoch an Nelly Furtado, die ebenfalls in Toronto lebt. Reyez selbst jedoch nennt als grösstes Vorbild jemand anderes. «Ohne Amy Winehouse wäre ich nicht hier. Ich habe ihre Musik so sehr geliebt. Ihre Lieder haben mir das Gefühl gegeben, als wären wir Freunde. Vor allem in der Zeit, als es mir richtig dreckig ging, war sie mein grösster Halt. Bei Amy fühlte ich mich sicher.» Das war mit 16.

Mit 17 fängt Reyez, deren Eltern aus Kolumbien eingewandert waren, mit dem Schreiben eigener Songs an. «In meinen Adern fliesst kolumbisches Blut, und ich pflege meine Herkunft durchaus», sagt sie. «Aber egal, woher die Menschen in Toronto kommen, sie alle sind stolz darauf, Kanadier zu sein.» Jessie muss in den ersten Jahren (sie entscheidet sich gegen ein Studium) nebenher kellnern, aber arbeitet unter anderem auch schon mit Calvin Harris und Eminem. Doch es ist ein kleines, bezaubernd schlichtes wie schmerzhaftes Lied namens «Figures», mit dem ihr 2016 der Durchbruch gelang, und das nun auch aus den hymnischen, oft gross produzierten Nummern des Debütalbums heraussticht.

«Mein grosses Ziel war es, ein zeitloses Album zu machen», so Reyez. «So, wie Beyoncé es immer wieder gelingt oder wie Amy es mit ‹Back To Black› geschafft hat. Es ist zum Heulen, dass ihre Dämonen am Ende stärker waren als sie.» Jessie hingegen hat ihre Geister gerade gut im Griff. «Ich bin glücklich, dass ich die Musik habe. Sonst wäre ich am Arsch.»

Auch politisch oder besser gesagt mitmenschlich nimmt sie Stellung. «Far Away» ist ein Song über Flüchtende. «Ich sehe kleine Kinder mit braunen Locken, wie ich selbst eins war, die an der mexikanisch-amerikanischen Grenze von ihren Eltern getrennt werden, und es macht mich komplett fertig. Hätte Kanada meine Eltern nicht aufgenommen, vielleicht sässe ich jetzt auch dort.»

Faszinierend ist für sie, «dass wir vergänglich sind und unser Leben unverhandelbar mit dem Tod endet. Leben und Tod sind untrennbar». Daraus zieht sie «Trost und Motivation, ihr Leben bestmöglich zu gestalten». «Der Tag, an dem du die Liebe deines Lebens kennen lernst, ist zugleich der traurigste. Es ist der erste Tag des Abschieds.» Ein wunderschöner, romantischer Gedanke.

Jessie Reyez: Before Love Came To Kill Us.