Down-Syndrom widerlegt die Melancholie

SCHAAN. Drei junge Frauen mit Down-Syndrom übertragen die russische Melancholie aus Tschechows «Drei Schwestern» in die rauhe Gegenwart: Sehnsüchtig, lebenslustig, frech. Ein hochpoetisches Gastspiel im TAK Schaan – mit Schauspiellegende Angela Winkler in einer Nebenrolle und einem tollen Jazzorchester.

Hansruedi Kugler
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Angela Winkler und die lebensdurstigen «Drei Schwestern» vor ihrem Sehnsuchts-Container «Moskau». (Bild: pd)

Angela Winkler und die lebensdurstigen «Drei Schwestern» vor ihrem Sehnsuchts-Container «Moskau». (Bild: pd)

Was für eine ausgelassene, rohe, fragile Lebenslust! Mascha, Irina und Olga spielen mit Motiven aus Tschechows «Drei Schwestern». Sie nehmen das aufmüpfige Temperament der Tschechow'schen Schwestern auf, widerlegen aber deren Lethargie mit resolutem, manchmal verträumtem, aber immer unbändigem Lebenswillen. Mascha, Irina und Olga werden von den Schauspielprofis Nele Winkler, Juliana Götze und Rita Seredsus gespielt. Alle drei haben Down-Syndrom, leben in Berlin in einer WG und sind Teil des 20köpfigen Ensembles Rambazamba. Das 1990 gegründete Theaterkollektiv bringt Schauspieler mit und solche ohne Down-Syndrom zusammen und adaptiert Klassiker wie Brechts «Der gute Mensch von Sezuan» oder Becketts «Endspiel».

Leben im Sehnsuchts-Container

Der grosse, rote Container dominiert die TAK-Bühne und sieht trotz leicht verblasster Farbe intakt aus. Weiss angeschrieben steht da «MOCKBA». Moskau war Sehnsuchtsort der Tschechow'schen Schwestern im Provinzkaff. Diese träumten vom «besseren Leben» und begründeten ihre Resignation so: «Wir wissen eben nicht, was richtige Arbeit ist.» In Schaan ist die Sehnsucht an diesem Abend in härtere Sätze gemeisselt – einiges ist von Tschechow, vieles von den Darstellerinnen selbst geschrieben: «Unser Leben ist wie Unkraut», «solche wie wir wird es in Zukunft nicht mehr geben», «da ist viel zu viel überflüssiges Wissen», «im Krankenhaus war ich gut drauf». Die drei sagen das mal rotzig, mal resigniert – öfters für sich, immer wieder auch im intimen Freundinnen-Talk: «Ich bin Down», «aber Dein Leben ist gross», sie kichern viel und tanzen mal ausgelassen, mal verloren zum widerspenstigen Sound der tollen Liveband, die mal spätromantisch streicht, mal freejazzig kratzt.

Tschechow stimmig übersetzt

Man staunt: Da ist keine Spur von Betroffenheits-Kitsch zu sehen, keine Tränenseligkeit, keine sülzige Gesellschaftskritik – sondern ein hochpoetisches Musik-Tanz-Sprech-Stück und vor allem eine interessante und stimmige Übersetzung der Tschechow'schen Melancholie. Denn mit Sehnsüchten, mit vermeintlich Unerreichbarem und der damit drohenden Resignation kennen sich die drei jungen Frauen bestens aus. Nach und nach öffnen sie die Tore des Containers und zeigen ihr neonhelles, möbelloses Zimmer. Darin verkriechen und verkleiden sie sich.

«Ich gehöre nur mir allein»

Schauspiellegende Angela Winkler (Mutter von Darstellerin Nele Winkler) hat die Kleider in vier Plastiktüten auf die Bühne geschleppt. Wie ein melancholisches Gespenst huscht sie durch das Stück. Genauso schlafwandlerisch wie Andrej (gespielt von Nele-Bruder Timo Winkler), der Möchtegern-Liebhaber, scheu und unbeholfen. Beide sind Wiedergänger aus der blutleer-bedrückenden Tschechow-Melancholie. Von ihnen lassen sich auch die drei Schwestern nichts aufschwatzen: «Du bist angesoffen», raunzt Mascha den liebestrunkenen Andrej an, der einen Kinderwagen nur schief zusammenbaut. Ihr trotziger Gegensatz: «Ich glaub, ich gehöre nur mir ganz allein.»

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