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Interview

KKL-Ball: «Doppelbödigkeit des Tanzes fasziniert»

Am kommenden Samstag heisst es im KKL: Alles Walzer. Erstmals bittet das Luzerner Sinfonieorchester zu Gala-Dinner, Tombola und Tanz. Der Blick in die Geschichte zeigt: Auf dem Tanzparkett vereinen sich stets Eleganz, Erotik und auch reichlich Politik.
Interview: Susanne Holz
Der elegante Paartanz von einst erlebt eine neue Blüte. (Bild: Getty)

Der elegante Paartanz von einst erlebt eine neue Blüte. (Bild: Getty)

Die Zürcher haben ihren Opernball schon länger, nun ist es auch in Luzern so weit – mit dem ersten Luzerner Sinfonie-Ball. Zeit für uns für ein Gespräch mit einem Luzerner Kulturwissenschaftler über Bälle und über Tanz.

Boris Previšić, einen Opernball gibt es heute nicht nur in Wien, sondern auch in New York, Dubai, Zagreb. Wieso?

Die einfache Antwort wäre: Im Zuge der Globalisierung handelt es sich um Österreichs Exportschlager, der offenbar – wie inzwischen ja auch das Oktoberfest in jeder «Hundsverlochete» – gut ankommt. Die komplexere Antwort: Die Doppelbödigkeit des Tanzes, einerseits als Ausdruck höchster Eleganz und tiefstem Konservatismus, andererseits als hocherotisierende Plattform der vorehelichen Promiskuität und des politischen Aufruhrs, ist selbst heute faszinierend.

Der Wiener Opernball, Ball aller Bälle, ist eine elitäre Veranstaltung: mit Zwang zu Frack und bodenlangem Kleid. Passt so ein Ball in die basisdemokratische Schweiz?

Endlich ist der Ball in der Schweiz angekommen, die diesem ja ihre Existenz verdankt.

Wie meinen Sie das?

Den Wiener Opernball gibt es seit dem Wiener Kongress 1814/15, an dem die europäischen Monarchien beschlossen, die Schweiz nicht unter sich aufzuteilen, sondern in etwa in den Grenzen zu erhalten, die Napoleon 16 Jahre zuvor installiert hatte.

In Wien eröffnen jeweils 180 Tanzpaare den Ball. Aber wer ausserhalb Österreichs kann heute noch Walzer tanzen?

In Wien tanzt man übrigens auch erst seit 1877. Zuvor befürchtete man Tumulte: Der Walzer, ursprünglich ein Tanz, bei dem man «walzt», das heisst die Füsse am Boden dreht, hatte immer etwas Anrüchiges. Erst seit der Noblierung durch Johann und Richard Strauss um 1900 verströmt der Walzer Weltläufigkeit, die aber organisiert sein will und mit der man sich noch heute gerne ziert, auch wenn man dafür die Tanzschritte lernen muss.

Einst mussten die Damen in Wien maskiert kommen – was hatte das für einen Sinn?

Das hat sicherlich mit dem Walzerglück zu tun, wie es Goethe bereits 1775 in seinem «Werther» beschreibt. Der Walzer setzt auf dauerhafte Körpernähe, Vertrautheit und Erotik. Der Hochzeitswalzer bildet den Kern des Rite de passage hinein in ein geordnetes Eheleben. Umso wichtiger ist das Tragen von Masken zuvor, weil der Ball – wie er beispielsweise in Hofmannsthals und Richard Strauss’ Oper «Arabella» inszeniert wird – das letzte Aufbäumen sexueller Fantasien vor der Ehe unter Wahrung der Anonymität gewährleistet.

Heute ist der Wiener Opernball ja auch wichtiger Treff für Unternehmer und Politiker?

Der Wiener Opernball ist ein wunderbarer Vorwand, um zu sehen und gesehen zu werden. Hier trifft sich die politische und ökonomische Elite auf ein glanzvolles Stelldichein.

Der erste Wiener Opernball fand 1935 nach fünf Jahren Weltwirtschaftskrise zu Gunsten der Winterhilfe statt.

Eröffnet wurde dieser Ball von Kurt Schuschnigg, dem austrofaschistischen Kanzler. Die Dreissigerjahre gleichen in ihrer nationalen Selbstbesinnung und Nabelschau ja unserer Zeit sehr wohl. Der soziale Gedanke – wie er von den Nationalsozialisten vertreten wurde – war ein Grundpfeiler nationaler Kohäsion.

Bis heute startet man in Wien mit dem Einzug des Bundespräsidenten zu Fanfarenmusik: Glamour plus Politik?

Wenigstens legt man hier die Karten auf den Tisch! Auch wenn es vom rückwärtsgewandten Blick in die gute alte Zeit vor dem Ersten Weltkrieg zeugt, als der Jugendstil in voller Blüte stand und Europa noch in kolonialer Herrscherpracht protzen konnte.

Der Wiener Opernball ist seit 2005 rauchfrei – muss der Ball auch mit der Zeit gehen?

Ja, natürlich. Wenn sich Tradition nicht immer neu erfindet, landet sie früher oder später im Museum. Es würde mich nicht wundern, wären in ein paar Jahren auch Roboter zugelassen. (lacht)

Es gibt den Wiener Rosenball für Schwule, bis 2004 gab es den Opferball für Obdachlose. Warum fand der ein Ende?

Der Bogen kultureller Elastizität wurde wohl überspannt. Tradition nährt sich im Fall des Walzers nicht nur von bacchantischen Ursprüngen mit politischer Sprengkraft, sondern vor allem von der Geschichte der Restauration seit dem Wiener Kongress – als man die Werte der Französischen Revolution endgültig zu Grabe zu tragen glaubte. Heute sind die Zeiten ähnlich.

Boris Previšić (46) ist SNF-Förder­professor für Literatur- und Kulturwissenschaft an der Universität Luzern. Er war nach seiner Musikerlaufbahn auch in Wien tätig, wo er für sein jüngst erschienenes Buch geforscht hat: «Es heiszt aber ganz Europa ...». Imperiale Vermächtnisse von Herder bis Handke. Kadmos: Berlin 2017.

www.luzernersinfonieball.ch

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