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Die Luzerner Freilichtspiele führen doppelbödig aufs Glatteis

Am Dienstag hatte Thomas Hürlimanns Bearbeitung von Shakespeares «Was ihr wollt» an der Industriestrasse in Luzern Premiere. Die Inszenierung von Barbara Schlumpf überspielt das Glatteis mit viel Poesie und Witz.
Urs Mattenberger

Eigentlich wollte sich der ewl-Angestellte Toby Junker (Guido Carlin) auf dem Weg nach Hause nur noch ein allerletztes Bier genehmigen. Aber da gerät die Alltagswelt rund um die lottrige Imbissbude auf dem ewl-Areal an der Industriestrasse in Luzern sanft aus den Fugen. Und bald ist nichts mehr das, was es zu sein scheint.

Das gilt schon für den Spielmacher in Thomas Hürlimanns Bearbeitung von Shakespeares Komödie «Was ihr wollt» (siehe Ausgabe vom Sonntag). Der garstige Sargtoni (Nik Meyer), der dem Tod Dauerpräsenz verleiht, ist ein «Yismeister» auf dem Eisfeld. Das rote Industriegebäude deklariert er zum Schloss, die Bretterbude wird zum Palast des Herzogs Orsino, an dessen Hof sich Verwechslungsintrigen über Geschlechtergrenzen hinweg abwickeln. Über das Eisfeld gleiten skurrile Gestalten (orientalisch angehauchte Fantasiekostüme: Tanja Liebermann und Yvonne Forster). Geisterstimmen schweben hin und her zwischen Spielstätten und der regensicheren Tribune, die an der Premiere am Dienstag bis auf den letzten Platz besetzt ist.

Schwanze, tanze, firlefanze!

Auch Toby, in dieser Szenerie einer von uns, wird in die von Dämmerung und Eisnebeln intensivierte Traumwelt hineingezogen. Deren poetische Kraft macht die Befürchtung vor dieser Produktion gegenstandslos. Auf Tribschen bekommt das Freilichttheater Luzern die Poesie jeweils vom Naturzauber zur Hälfte geschenkt. Im ausrangierten Industriequartier stellt sie sich durch das «Theöterle» nicht minder her.

Das ist ein Verdienst von Hürlimanns Bearbeitung, der im Sinn von Shakespeare die verschiedenen Ebenen kunstvoll und mit träfem Sprachwitz – auf Mundart mit hochdeutschen Einsprengseln –verbindet. Er schaut beim «Tritt in die Eier» dem Volk aufs Maul und lässt es wie altes Schweizer Volksgut klingen («Schwanze tanze firlefanze»). Eine komische Fallhöhe ergibt sich daraus, dass Hürlimann die im Stück zentrale Reflexion über Identität bis zum Absturz zu Hegelscher Dialektik hochtreibt. Abgesehen vom punktuellen Lokalkolorit verzichten die Textvorlage wie die Inszenierung von Barbara Schlumpf auch auf vordergründige Aktualisierungen. Die Deftigkeit von Shakespeares Sprache wird nicht auf heutiges Rap-Niveau hochgeputscht. Und von den verschwimmenden Geschlechteridentitäten muss sich der Zuschauer einen Bezug zu aktuellen Genderdiskussionen schon selber denken.

Symbol für den Klimaschock

Das ist wohltuend, trägt aber auch dazu bei, dass man die Aufregung vermisst, die man sich vom Eisfeld als zentraler Spielstätte erwartete. Das Öko-Eisfeld ist zwar ein Symbol für den «Klimaschock» im Hürlimann-Originaltext, weil es ein Stück Winter mitten in den Sommer verpflanzt. Und die Bewegungen der Akteure auf Schlittschuhen halten das Geschehen bei den diversen Paarungen übers Kreuz wie selbstverständlich im Fluss.

Allerdings schränkt das Spiel auf den Kufen die Bewegungsfreiheit im Einzelnen auch ein. Ja, es wirkt bis auf ein paar gelungene Verfolgungsjagden nicht störend, aber über weite Strecken unnötig. Dem schönen Bild, dass sich Menschen in Liebesdingen auf Glatteis begeben, tritt der Eindruck entgegen, dass ihre Bewegungen über Gebühr auf Eis gelegt sind.

Aber das Spiel des grossen Ensembles bleibt davon gänzlich unberührt. Und dieses führt die Traditionen eines mit einzelnen Profis und vielen Charakterköpfen besetzten Laientheaters auf einem derart hohen Niveau weiter, dass die Spannung und die Lust zuzuschauen anderthalb Stunden lang anhält.

Selbst auf Schlittschuhen wie ein Wirbelwind auf die Bühne stürmt die Schauspielerin Tina Frank als verschlagene Gräfin Olivia. Ihre Wandlungsfähigkeit beweist sie, als die von allen Männern umworbene Gräfin erkennt, dass sie sich in eine als Mann verkleidete Frau – Viola – verliebt hat. Deren Darstellerin, die 21-jährige Laienschauspielerin Jeanine Gut, hat das Zeug zum Publikumsliebling: Sie steigert sich vom schüchternen Mädchen zum kecken Cesario, der sich als Page auf Orsinis Hof einschleicht. Und schimmert vor Melancholie in der Doppelrolle ihres totgeglaubten Bruders Sebastian.

Köstliche Komik

Wie man bei derart komplizierten Verhältnissen einen sturmen Kopf bekommt, zeigt im Secondo-Jargon Arianit Shaquiri. Weitere Charakterköpfe sind Diana Loup als pfiffige Dienerin Maria und Wolfgang G. Kirisits als schmierig-eleganter Brautwerber Sir Andrew. Wie Uwe Peter als Tussi-Schussel Malvolio Geschlechtergrenzen unterwandert, ist exemplarisch für die Komik, die Schlumpf mit dem Ensemble und köstlichen Schlagerkommentaren (Musik: Christov Rolla) aus der Vorlage hervorzaubert. Und wenn die Drei Könige durchs Geschehen geistern, ist es, als schaute eine Shakespeare-Wandertruppe vorbei. Viel verdienter Publikumsapplaus.

Nächste Vorstellungen: 11., 13., 14. Juni (bis 13. Juli), ewl-Areal Luzern. www.freilichtspiele-luzern.ch.Verlosung: Für die Vorstellung am 27. Juni, 21.00, verlosen wir 5x2 Tickets. Wählen Sie heute die Nummer 0901 83 30 23 (Fr. 1.50 pro Anruf) angegeben, oder nehmen Sie unter www.luzernerzei tung.ch/wettbewerbe an der Verlosung teil.

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