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DOKUMENTARFILM: «Lakonie anstelle von Polemik»

In «Willkommen in der Schweiz» beschäftigt sich Regisseurin Sabine Gisiger mit der Schweizer Flüchtlingspolitik. Sie spannt dabei den Bogen von 1939 bis 2015 nach Oberwil-Lieli.
Geri Krebs

Interview: Geri Krebs

Sabine Gisiger, der Untertitel des Films lautet: Können wir uns die humanitäre Tradition nicht mehr leisten? Sollte man nicht eher fragen, ob man sich das Handeln im Sinne dieser Tradition noch leisten kann?

Ja, das ist vielleicht nicht gutes Deutsch. Ich wollte damit die These der SVP in Frage stellen, dass wir, die Schweiz, es uns nicht mehr leisten können, noch mehr Leute aufzunehmen. Ich versuche, die schweizerische Flüchtlings- und Migrationspolitik im Film durch Ausschnitte aus Wochenschauen von 1939 bis zur Schwarzenbach-Initiative 1970 in einen historischen Kontext zu setzen. Während es 1939 bei der Landesausstellung noch hiess, unsere humanitäre Tradition, Menschen in Not zu helfen, sei das edelste Ziel, hiess es nur drei Jahre später: Das Boot ist voll.

Wie hätten Sie gehandelt, wenn Sie zwischen 1942 und 1944 Regierungsverantwortung gehabt hätten?

Ich hätte die Schweizer Grenze nicht geschlossen für die jüdischen Flüchtlinge, sicher nicht.

Sind Sie da so sicher?

Ich weiss natürlich nicht, was für ein Mensch ich damals gewesen wäre. So gesehen kann man diese Frage ja eigentlich nicht beantworten. Aber ich kann mich gut erinnern, wie ich als junge Frau froh war, als mir mein Vater erzählte, dass meine Grossmutter damals jüdische Flüchtlinge versteckt habe. Sie war eine Freundin der bekannten «Flüchtlingsmutter» Gertrud Kurz gewesen, die persönlich bei Bundesrat von Steiger vorsprach, und ihm in die Ferien ins Tessin nachreiste, um ihn von der Grenzschliessung abzubringen. Deshalb bin ich heute noch stolz auf meine Grossmutter und habe darum wohl eine so schnelle Antwort gegeben.

Ich habe Ihnen die hypothetische Frage gestellt, weil Sie im Film den kurzen historischen Exkurs über die Schliessung der Schweizer Grenze 1942 mit Archivmaterial vom Mai 1945 illustrieren. Die Bilder suggerieren, hier strömten jüdische Flüchtlinge an die abgeriegelte Grenze.

Sie haben natürlich recht, aber das sind Symbolbilder, und ich habe deshalb den Originalkommentar weggelassen. Ich habe die Bilder verwendet, weil es kein Filmmaterial über die Grenzschliessung von 1942 gibt. Am Ende des Films erfährt man aber, dass diese Bilder vom Mai 1945 stammen. Ich habe viel Zeit im Archiv verbracht und von allen Fundstücken, die ich dort sah, hat mich jenes von 1950 am meisten beeindruckt. Im Beitrag sagt Bundespräsident Petitpierre, dass wir ein Teil Europas sind und dass auch wir Schweizer den 14 Millionen Menschen, die zu jener Zeit in Europa aus dem Osten nach Westen flüchteten, Hilfe leisten müssten. Man muss sich das mal vorstellen: 14 Millionen, und nicht 1 Million, wie im Sommer 2015. Besonders eindrücklich finde ich auch seinen Satz, dass sich die Flüchtlinge in den Hass flüchten, wenn wir ihnen keine Perspektive bieten.

Die Situation von Europa 1950 ist mit der heutigen Situation kaum vergleichbar.

Wir haben offensichtlich unterschiedliche Standpunkte zur Flüchtlingspolitik. Aber allein schon die Tatsache, dass mein Film einen Austausch unterschiedlicher Meinungen befördert, finde ich wichtig. Wenn mein Film erreicht, dass eine sachliche Debatte, und nicht nur Polemik, zum emotional extrem aufgeheizten Thema stattfindet, dann habe ich mein Ziel erreicht.

Ihr Film ist eine hervorragende Lektion über das Funktionieren von Demokratie.

Das freut mich, wenn Sie das so sehen. Mir ging es einerseits darum, anhand der Geschehnisse in Oberwil-Lieli gewissermassen unter dem Vergrösserungsglas zu zeigen, was aktuell in der Schweizer Asylpolitik passiert. Andererseits wollte ich die Weltanschauungen der drei Protagonisten möglichst klar und präzise vermitteln. Dabei habe ich versucht, Lakonie anstelle von Polemik zu setzen.

Wie haben die drei Protagonisten auf den Film reagiert?

Sie waren an der Premiere in Locarno anwesend, sie hatten aber den Rohschnitt des Films vorher gesehen und ihn abgesegnet. Sie fanden schon damals, dass ihre Standpunkte richtig wiedergegeben werden. Ich glaube, dass Andreas Glarner froh war, nicht in einem Film zu sitzen, bei dem ein Journalist Aussagen von ihm zeigt und dann gleich im Kommentar sagt, was er für ein «Tubel» sei. So ähnlich habe ich das im Übrigen auch von jungen Menschen gehört, die mir sagten, sie seien froh, dass der Film die Möglichkeit gebe, sich ein eigenes Bild zu machen, und gerade auch im Bezug auf die SVP eine genauere Vorstellung von deren Weltanschauung zu bekommen.

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