DOKUMENTARFILM: «Hier ist immer Krieg»

«Cahier africain» von Heidi Specogna («Pepe Mujica») ist eine spektakuläre Langzeitbeobachtung. Ihr Film ist die Innensicht eines von der Welt vergessenen Konfliktes in der Zentralafrikanischen Republik.

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Regisseurin Heidi Specogna gibt zentralafrikanischen Frauen wie Arlette, die zu Opfern des Kriegs wurden, ein Gesicht. (Bild: Filmbringer)

Regisseurin Heidi Specogna gibt zentralafrikanischen Frauen wie Arlette, die zu Opfern des Kriegs wurden, ein Gesicht. (Bild: Filmbringer)

«Es ist, als hätte sich der Teufel unser Land ausgesucht, hier ist immer Krieg», sagt ein Mann in die Kamera, als Ende 2013 in dem Land im Herzen des Schwarzen Kontinents erneut ein bewaffneter Konflikt ausbricht. Die Schweizer Filmemacherin Heidi Specogna und ihr Team befinden sich zu der Zeit in der ganz im Süden gelegenen Hauptstadt Bangui, als sich christliche Milizen formieren, die Jagd auf Moslems machen. Im Norden des Landes werden derweil Christen von einer moslemischen Miliz massakriert.

Heidi Specognas ursprüngliches Projekt war es, zwei im Bürgerkrieg von 2002/2003 vergewaltigten Frauen – einer Muslima und einer Christin – auf ihrem langen Weg zurück in ein Stück Stabilität und Sicherheit beizustehen und sie mit der Kamera zu begleiten. Bereits in ihrem Dokumentarfilm «Carte blanche» (2011) war eine der beiden Frauen präsent gewesen. Sie berichtete von den Gräueltaten der Söldner des Rebellenführers Jean Pierre Bemba aus Kongo, die 2002 in das Nachbarland Zen­tralafrikanische Republik eingefallen waren.

Verurteilung nach Abschluss des Films

In «Carte blanche» wurde bereits ein Schulheft erwähnt, das Fotos und Zeugenaussagen von 300 zentralafrikanischen Frauen, Kindern und Männern enthält und etwas davon vermittelt, was Bembas Soldateska ihnen angetan hatten. Eine der ersten Szenen von «Cahier africain» zeigt, wie Sitzungen des Kriegsverbrechertribunals in Den Haag gegen Bemba nach Bangui übertragen werden und wie interessierte Menschen dem Prozess folgen. «Von Wunden und Narben» ist dieses erste von drei Kapiteln in «Cahier africain» überschrieben. Die Tatsache, dass Bemba im Juni 2016, nach Abschluss der Dreharbeiten, zu 16 Jahren Haft verurteilt wurde, darf als kleiner – ausserfilmischer – Lichtblick gewertet werden in einem Film, der bisweilen schwer zu ertragen ist. In ihrem Bestreben, genau hinzuschauen auf eine Realität, die vom News-Journalismus kaum gezeigt wird, geht Heidi Speco­gna sehr weit, und sie setzte sich dafür grossen persönlichen Risiken aus. Das zeigt sich drastisch in dem mit «Kugeln und Schubkarre» betitelten zweiten Kapitel. Hier dokumentiert sie hautnah, was Krieg, Vertreibung, Flucht bedeuten.

Am Ende kommt etwas wie Hoffnung auf

Die 1959 in Biel geborene Regisseurin ist aber viel zu erfahren und viel zu reflektiert, um auch nur einen einzigen Moment lang den Eindruck aufkommen zu lassen, es ginge ihr um voyeuristischen Kitzel. Vielmehr ist es ihre erklärte Absicht, den Opfern eines vergessenen Konflikts ein Gesicht zu geben – was ihr auf ­beeindruckende Weise gelungen ist. Im kurzen dritten Kapitel kommt sogar etwas wie Hoffnung auf: Eine der Protagonistinnen, die Muslima Amzine, hat sich ­zusammen mit ihrer Tochter in einem Flüchtlingslager in Tschad wieder eine neue Existenz aufbauen können.

«Cahier africain» ist als ­bester Dokumentarfilm für den Schweizer Filmpreis nominiert, der am 24. März verliehen wird. Als einziger unter den fünf Dokumentarfilmen ist er zudem in zwei weiteren Kategorien nominiert; in jener für die beste Montage (Kaya Inan) und die beste Filmmusik (Peter Scherer).

Geri Krebs

ostschweizerkultur

@tagblatt.ch

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