DIRIGENTIN: Dieser schöne Hunger nach Musik

Alondra de la Parra ist Mexikanerin und hat ihr Land nie so einig erlebt wie jetzt gegen die USA. Diese Woche ist sie in Zürich, dirigiert das Tonhalle-Orchester und hat Zeit für ein Gespräch über Musik und Leben.

Rolf App
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Rasch haben sie sich verstanden: Die Dirigentin Alondra de la Parra im vergangenen Jahr bei ihrem ersten Auftritt mit dem Tonhalle-Orchester Zürich. (Bild: André Springer)

Rasch haben sie sich verstanden: Die Dirigentin Alondra de la Parra im vergangenen Jahr bei ihrem ersten Auftritt mit dem Tonhalle-Orchester Zürich. (Bild: André Springer)

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@tagblatt.ch

Letztes Jahr ist sie das erste Mal in Zürich gewesen. Am Dîner Musical des Gönnervereins hat sie das Tonhalle-Orchester dirigiert – und dem Publikum mit Werken von George Gershwin, José Pablo Moncayo, Astor Piazzolla, Heitor Villa-Lobos, Arturo Márquez und Leonard Bernstein einen Eindruck jener musikalischen Welt vermittelt, aus der sie stammt. Jetzt ist die 36-jährige Mexikanerin Alondra de la Parra wieder da. Die Probe beendet sie unerwartet früh, dann steht noch ein Hornist in ihrer Garderobe in der Tonhalle Zürich. Angeregt diskutieren sie darüber, wie sich das Ventilhorn klanglich von jenen Naturhörnern unterscheidet, die zur Zeit Ludwig van Beethovens im Gebrauch waren. Dann hat sie Zeit und ist, wie schon zuvor in der Probe, ganz unprätentiös, freundlich und offen.

Beethoven, Mozart, Strawinsky

Alondra de la Parra freut sich, dass sie so rasch wieder eingeladen worden ist vom Tonhalle-Orchester. Diesmal zeigt sie in drei Konzerten, dass sie auch in unserer Kultur zu Hause ist: mit Igor Strawinskys «Pulcinella»-Suite, mit Wolfgang Amadeus Mozarts Klavierkonzert Nr. 9 Es-Dur KV 271 und mit dem grössten Brocken: Beethovens Sinfonie Nr. 3 Es-Dur op. 55, der «Eroica». «Zum einen sind das drei Komponisten, die mir am Herzen liegen», erklärt sie die Programmwahl. «Zum andern aber haben die gewählten Stücke ihre Parallelen.» Mozart hat mit seinem einer gewissen Louise Victoire Jenamy gewidmeten Konzert einen erstaunlichen Sprung nach vorn getan. Er war damals 21-jährig, gleich alt wie der polnischstämmige Kanadier Jan Lisiecki, der den Solopart spielen wird. Beethovens Dritte hat schon von ihrer Länge her Geschichte geschrieben. «Sie hat die Musik tiefgreifend verändert», sagt Alondra de la Parra. Den Strawinsky schliesslich hat sie schon als Kind geliebt.

Der erste Auftritt nach der Geburt ihres Kindes

Ein Kind hat sie mittlerweile selber. «Mein Konzert vom vergangenen Jahr war der erste Auftritt, nachdem ich Mutter geworden war», erzählt sie. «Mein Sohn war gerade mal anderthalb Monate alt und bei allen Proben dabei. Mein Mann hat ihn gehütet und ist immer nah beim Ausgang gestanden – für alle Fälle. Doch gehört hat man von unserem Kleinen nur ein leises ‹mpf, mpf, mpf›.» Diesmal sind Mann und Kind in Mexiko geblieben, wo Alondra de la Parra lebt, wenn sie nicht gerade die Welt bereist. Was sie allerdings oft tut.

«Das ist kein leichter Beruf», sagt sie denn auch. «Weder für einen Mann noch für eine Frau.» Als Dirigentin gehört sie zu einer seltenen Spezies. Gleichwohl wehrt sie die Frage entschieden ab, wie sie sich denn als Frau auf dem Dirigentenpodest fühle. «Über mein Geschlecht habe ich mir nie Gedanken gemacht», sagt sie, «nur über die Musik. Aber ich werde von den Journalisten immer danach gefragt.»

Karriere zu machen bedeutet, Opfer zu bringen

Was ein Dirigent braucht – und was eine Frau vielleicht weniger oft bekommt –, das ist Unterstützung. «Dirigenten reisen viel, sie verbringen viel Zeit mit dem Studium von Partituren und von Literatur. Sie müssen auf vieles verzichten. Das steht natürlich im Widerspruch zu dem, was viele junge Frauen sich wünschen», sagt Alondra de la Parra. Zum Beispiel Kinder. «Ich selber habe mit zwanzig meine Karriere begonnen und fünfzehn Jahre lang gewartet. Heute habe ich das Glück, einen Partner zu haben, der mich unterstützt und nicht von 9 bis 17 Uhr im Büro sitzen muss.» Vieles kann, ja muss sich auf sie ausrichten: auf die Frau mit den vielen Verpflichtungen und den vielen Plänen, vor allem für Mexiko, ihre Heimat.

Dass diese Heimat von den USA bedrängt wird, löst erstaunliche Reaktionen aus. «Ich habe Mexiko noch nie so einig erlebt – was sonst nicht gerade unsere Stärke ist», sagt sie. «Normalerweise sind wir uns des Werts unseres Landes kaum bewusst. Jetzt aber stellen wir fest: Wir sind eine grosse, wichtige Nation.»

Eine Clownin – und viele Interessierte

Und zwar nicht nur gemessen an dem, was Mexiko an Produkten in alle Welt exportiert. Sondern auch punkto Musik ist das Land reich. 2004 hat Alondra de la Parra das Philharmonic Orchestra of the Americas gegründet mit dem Ziel, die Arbeit junger Komponisten und Solisten zu fördern. In einem Land, in dem die Begeisterung für Musik gross und die musikalische Bildung rudimentär ist, arbeitet sie mit Kindern. Ihr neuestes Projekt entsteht zusammen mit einer Clownin, die mit einem Orchester unterwegs ist und sich in ihren Auftritten auf eine Entdeckungsreise in die Welt der Musik und der Musiker begibt.

Wie enorm der Hunger nach Musik werden kann, erlebt Alondra de la Parra bei ihren Auftritten. Manchmal kommen Tausende. Oder noch mehr: Sie erzählt von einem Konzert mit freiem Eintritt in Ciudad Juarez, «der Stadt an der Grenze, in der so ­viele Frauen ermordet worden sind». Da haben sich 140000 Menschen versammelt, um zuzuhören. «Man hat das Ende der Menschenmenge nicht mehr erkennen können.»

«Jedes Mal entdecke ich etwas Neues»

Drei Konzerte in der Zürcher Tonhalle nehmen sich da geradezu bescheiden aus. Was sich allerdings nicht unterscheidet, das ist der Ernst, mit dem Alondra de la Parra sich der Musik nähert. Es ist die Demut gegenüber dem Werk, die aus ihren Gesten spricht. Und aus ihrer Interpretation: Lustvoll verspielt, dann wieder melancholisch schwebend geistert Pulcinella herum, dessen wilde Liebesgeschichten Strawinskys Ballett erzählt. Jan Lisiecki macht vor allem den mittleren Satz des Mozart-Konzerts mit seinem verhaltenen Spiel zum grossen Erlebnis. Und in Beethovens «Eroica» werden all die Nuancen hörbar, die unter der Oberfläche liegen. Schon siebzehn Mal habe sie diese Sinfonie einstudiert, hat Alondra de la Parra gesagt. «Und jedes Mal entdecke ich beim Studium der Partitur etwas Neues.»

Die Hörner haben übrigens toll getönt.