DIRIGENTEN: Die Alten hören besser zu

Mit Herbert Blomstedt steht diese Woche einer der grossen Alten vor dem Tonhalle-Orchester Zürich. Wie die Musiker selber ihre Dirigenten erleben, haben wir mit zwei von ihnen besprochen.

Rolf App
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Herbert Blomstedt wird dieses Jahr 90 und dirigiert diese Woche zwei Beethoven-Sinfonien in Zürich. (Bild: M. Lengemann/PD)

Herbert Blomstedt wird dieses Jahr 90 und dirigiert diese Woche zwei Beethoven-Sinfonien in Zürich. (Bild: M. Lengemann/PD)

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@tagblatt.ch

Dass ich weit vorne sitze, das ist an diesem dritten März 2017 ein Glück. Ich sehe das Tonhalle-Orchester Zürich aus der Nähe. Und ich sehe ihn: David Zinman, bis 2014 neunzehn Jahre Chefdirigent, ist zurück mit Gustav Mahlers sechster Sinfonie. Einem gewaltigen, tieftraurigen Werk, das dem Orchester viel abfordert. Und dem Dirigenten auch, der weder sich noch seinen Musikern Atempausen gönnt. Die Gesichter sprechen Bände – jenes Zinmans und jene seiner Musiker. Sie drücken Ergriffenheit aus. Und intensive Zugewandtheit.

Was spielt sich da ab? Die Frage stellt sich nicht nur beim bald 81-jährigen David Zinman, dessen Arbeit mit dem Orchester seit jeher bestimmt ist von grosser Freundlichkeit. Wie empfinden Musiker einen Dirigenten – und warum lieben sie die grossen Alten wie Zinman oder Bernhard Haitink (88) so sehr? Oder Herbert Blomstedt, der in diesem Jahr neunzig wird und diese Woche in Zürich zwei Beethoven-Sinfonien dirigiert?

Vor 27 Jahren zum Orchester gestossen

Solche Fragen können am ehesten Musiker beantworten, die schon lange einem Orchester angehören und viele verschiedene Dirigenten erlebt haben. Auf die Kontrabassistin Ute Grewel und den Klarinettisten Florian Walser trifft dies ganz gewiss zu. Beide sind sie vor 27 Jahren zum Tonhalle-Orchester Zürich gestossen, Florian Walser aus Absicht, Ute Grewel mehr durch Zufall. «Ich habe das Inserat gesehen und geglaubt, es handle sich um jenes Opernorchester, mit dem Nikolaus Harnoncourt die Mozart-Opern aufgenommen hat», erzählt sie. «Aber heute bin ich ganz glücklich im Sinfonieorchester.» Florian Walser, in Zürich aufgewachsen, ist schon als Jugendlicher oft im Konzert gewesen und hat diesen älteren Herrn gesehen, der Es-Klarinette spielte. «Das ist meine Stelle, habe ich mir gedacht – und als Einziger Es-Klarinette studiert.» Und es hat geklappt.

Das Orchester allerdings habe sich damals in einem bedenklichen Zustand befunden, sagt Walser, der als dessen Co-Präsident heute eine wichtige Rolle in der Beziehung des Orchesters zu Chefdirigent und Intendantin spielt. «Wir hatten keine Perspektive – bis David Zinman kam und mit ihm auch ein neuer Intendant. Da setzte eine Entwicklung ein, die bis heute andauert. Enorm, wie sich einzelne Instrumentengruppen verändert haben, und welche Offenheit für Neues heute vorhanden ist.» Gerade die häufigen CD-Aufnahmen und Live-Mitschnitte hätten sehr geholfen, ihr Spiel zu perfektionieren, fügt Ute Grewel bei.

«Er will etwas mit uns zusammen erschaffen»

David Zinman hat auch einen Stil etabliert, den man, in konzentrierter Form, bei Mahlers Sechster hat erleben können. «In den Proben spricht David nie länger als eine Minute», erzählt Ute Grewel. «Er will etwas mit uns zusammen erschaffen und gibt uns Raum, um uns einzubringen.» Florian Walser hat ihn «noch nie so emotional erlebt wie in diesem Konzert. Sicher hat das mit unserer gemeinsamen Geschichte zu tun. Und vielleicht auch damit, dass er nicht mehr Chef ist. Er kann loslassen.»

Der Stil und der Moment: Sie sind es, die ein geglücktes Konzert ausmachen. Zum Moment tragen Musiker und Dirigent gleichermassen bei – und das Publikum. Denn Florian Walser und Ute Grewel spüren das «emotionale Raumklima» gut. «Man hat ja schliesslich seine Antennen», sagt Ute Grewel. Allerdings richten sie sich nicht nur ins Publikum, sondern auch zum Dirigenten. Der muss aufnehmen können, was ihm entgegenkommt.

Die Frage lautet nun: Können ältere Dirigenten das besser als die jungen? So generell wollen die beiden Musiker nicht mit Ja oder Nein antworten. Aber, sagt Florian Walser denn doch, «mit älteren Dirigenten wird die Zusammenarbeit stärker zum Miteinander. Sie reagieren gelassener und lassen uns spielen. Sie hören zu und sprechen eher wenig. Am extremsten macht Bernhard Haitink das. Jüngere Dirigenten hingegen neigen dazu, uns immer wieder zu unterbrechen. Damit stören sie den Spielfluss, und wir werden ungeduldig.»

Allerdings: Es gebe immer Ausnahmen. Herbert Blomstedt spreche viel. «Aber», sagt Walser, «er fasziniert uns mit seiner enormen Freude am Detail. Und am Ende ist glasklar, was er will.» Auf diese Klarheit kommt es an. Sie kann auch einem jüngeren Dirigenten gegeben sein. «Andris Nelsons bringt immer wieder Bilder, mit denen er unsere Vorstellungskraft bündelt», sagt Ute Grewel.

Frans Brüggens Ratschläge haben sie nie vergessen

27 Jahre sind sie dabei, und die Frage liegt nahe, wer denn nun neben David Zinman die bedeutendsten Dirigenten sind, denen sie begegnet sind. Beide erzählen vom 2014 verstorbenen Barockspezialisten Frans Brüggen, dessen Ratschläge sie nie vergessen hätten. Ute Grewel erwähnt Charles Dutoit und Mariss Jansons, Florian Walser fügt Franz Welser Möst hinzu – und den 1997 verstorbenen Georg Solti. «Das war aber eine ganz andere Zeit», fügt er hinzu. Und meint damit: Die Zeit der Pultdiktatoren, die mittlerweile nahezu ausgestorben sind. «Solti hat diese Zürcher Gewerkschafter gehasst», sagt Walser. Die Abneigung war also gegenseitig, aber, noch so ein Mysterium, «mit sehr guten Resultaten».

Und heute, wen wünschen sich die beiden als neuen Chefdirigenten? «Ja, jetzt sind wir in die Medienfalle getappt», sagt Walser zur anstehenden Wahl eines Nachfolgers für Lionel Bringuier. «Aber wir sagen nix.»

Herbert Blomstedt dirigiert von heute Mittwoch bis Freitag in der Zürcher Tonhalle Beethovens 7. und 8. Sinfonie.