Dirigent Tausk startet mutig in St.Gallen

Präzise, aber bisweilen recht vorsichtig ging das Sinfonieorchester St. Gallen zum Saisonstart der Tonhalle-Konzerte ans Werk. Aber einfache Musik zum Start hat sich Otto Tausk auch nicht ausgesucht. Mit György Ligetis «Lontano» sozusagen die Visitenkarte abzugeben ist mutig.

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Präzise, aber bisweilen recht vorsichtig ging das Sinfonieorchester St. Gallen zum Saisonstart der Tonhalle-Konzerte ans Werk. Aber einfache Musik zum Start hat sich Otto Tausk auch nicht ausgesucht. Mit György Ligetis «Lontano» sozusagen die Visitenkarte abzugeben ist mutig. Zum Aufbau der faszinierenden Klangfelder und Cluster ist rhythmische und klangliche Millimeterarbeit vonnöten.

Ligetis Partitur entwickelte sich anfangs ein wenig zögerlich, zu sehr dachte das Sinfonieorchester noch in Takteinheiten. Dann aber gelangen dennoch zwei, drei Klangfelder, die das unbedingte Schweben-Müssen dieser Komposition einlösten. «Lontano» ist ein Stück, an dem ein Orchester nach mehrmaliger Aufführung wachsen kann.

Der Vogel fliegt nicht

Es war – nach einem Konzert vor der Sommerpause – am Donnerstagabend Otto Tausks offizieller Einstand als neuer Chef des Sinfonieorchesters. Und Premierenspannung war dem Abend zum Saisonstart der Tonhalle-Konzerte über weite Strecken anzumerken.

Es ist durchaus ein Ereignis, dass in St. Gallen einmal Igor Strawinskys ganzer «Feuervogel» gespielt wird und nicht nur die Suitenfassung. Zu Beginn dieser unglaublich farbigen Ballettmusik war Ähnliches zu erleben wie bei Ligeti. Der «Feuervogel» klang ein wenig wie eine anständig ausgeführte Rhythmusetüde. Die Effekte wirkten sehr genau, aber nicht federnd oder fliessend. Zu vorsichtig gespielt, kam dieser Strawinsky über lange Strecken nicht zum Tanzen.

Präzis, aber zurückhaltend

Der innere, feurige Zug des jungen wilden Russen, auch das unbändig Archaische, mochte sich erst im zweiten Teil des Werks bisweilen einstellen, wo die grossen und gewaltigen Tutti-Passagen die Musikerinnen und Musiker des Sinfonieorchesters scheinbar befreiten und ihre Spielfreude anstachelten. Insgesamt ein sorgfältig einstudierter «Feuervogel», mit klar gesetzten Effekten, mit souveränen Bläsersätzen, aber in der Urkraft dieser Musik letztlich etwas zu zurückhaltend.

Wolfgang Amadeus Mozarts g-Moll-Sinfonie KV 183 mochte da nicht so recht zwischen Ligeti und Strawinsky passen. Dirigent Otto Tausk punktete mit straffen Strukturen, mit pointierter Motivik und konnte sein Orchester zu kompakter Geschlossenheit führen.

Genau statt frei

Dennoch hatte dieser Mozart wenig Leichtes. Er wirkte im Gegenteil etwas starr, schwerfällig und verfestigt, so als ob er sich zu wenig «vom Boden» erheben mochte. Vielleicht war es auch hier ein wenig die Premierenspannung, die dazu führte, dass der ganze Abend vor allem auf Konzentration und Genauigkeit, weniger auf Freiheit des Spiels aus war.

Martin Preisser