Dirigent erkrankt, was nun?

Chefdirigent Otto Tausk muss das 10. Tonhallekonzert mit Schostakowitschs achter Sinfonie absagen. Mit Kazem Abdullah wird rasch Ersatz gefunden. Was man gemeinhin als «Einspringen» bezeichnet, bedeutet hinter den Kulissen eine stressige Ausnahmesituation.

Martin Preisser
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Dirigent Kazem Abdullah. (Bild: pd)

Dirigent Kazem Abdullah. (Bild: pd)

ST. GALLEN. Obschon erkrankt, zur Oper «Written on Skin» am Sonntagabend hatte sich Otto Tausk, Chefdirigent des Sinfonieorchesters St. Gallen, noch durchgerungen. Dass Tausk es auf keinen Fall zum heutigen 10. Tonhallekonzert schaffen würde, wusste der St. Galler Konzertdirektor Florian Scheiber bereits am Sonntagmorgen.

Fieberhafte Suche

Vier Tage vor einer anspruchsvollen Aufführung der achten Sinfonie von Schostakowitsch einen Ersatz finden – für die Organisatoren wirklich der GAU. Florian Scheiber hat glücklicherweise ein grosses Netzwerk und viele Telefonnummern von Dirigenten auf seinem Handy. 14 Stunden telefonierte er, obgleich privat in Deutschland unterwegs, am Sonntag auf der fieberhaften Suche nach einem Kandidaten. «Ein Konzert absagen, das ist undenkbar, 1500 Konzertbesucher warten auf das letzte Tonhalle-Konzert der Saison. Es gibt keine Alternative. Es gibt nur Suchen, Suchen und nochmals Suchen», sagt Florian Scheiber. «Und auch eine Programmänderung versuchen wir so lange wie irgendmöglich hinauszuschieben.» Für eine so schwierige und selten gespielte Sinfonie wie Schostakowitschs Achte (Ausgabe vom 15.5.) kann man nur Dirigenten verpflichten, die das Werk kennen. In drei Tagen kann das keiner neu einstudieren.

Montagmorgen: Florian Scheiber musste die bereits angesetzte Orchesterprobe absagen. Dann das grosse Glück: Um 10 Uhr wurde er mit Hilfe einer Berliner Konzertagentur fündig. Kazem Abdullah, ein junger amerikanischer Dirigent, der als Assistent von James Levine an der New Yorker Met anfing, hat Schostakowitschs Achte bereits vor zwei Jahren in den USA aufgeführt und hielt sich gerade in Berlin auf. Am Nachmittag schnell einen Flug gebucht und mit dem Taxi direkt in die Tonhalle St. Gallen. Rückzug in die Garderobe zum Partiturstudium und dann am Abend erste Probe mit dem Sinfonieorchester.

Flexibles Orchester

«Es ist für jeden Dirigenten ein Sprung ins kalte Wasser, für eine solche Sinfonie wie die Achte von Schostakowitsch so kurzfristig einzuspringen. Das geht nur, wenn er das Werk wirklich kennt», sagt Maja Geigenmüller, die St. Galler Orchesterdisponentin. «Zum Glück ist unser Orchester sehr flexibel, weil wir im Musiktheater wechselnde Dirigenten gewöhnt sind. In einer solchen Ausnahmesituation sind die Musikerinnen und Musiker natürlich auch sehr kooperativ.»

Das Publikum und nicht zuletzt auch der Solist des Schumann-Klavierkonzerts, Paul Lewis, haben Glück: Das Konzert findet statt. Und Konzertdirektor Florian Scheiber verrät begeistert aus den Proben: «Kazem Abdullah macht das richtig gut.»

Do, 21.5., und Fr, 22.5., je 19.30 Uhr, Tonhalle St. Gallen