Interview

«Es gibt in der Schweiz eine Welle junger Filmemacher, sehr originell und frei»: Die Direktorin des Locarno Film Festival über neue und alte Filme

Was hält Lili Hinstin (43) von «Die Schweizermacher»? Die künstlerische Leiterin des Locarno Film Festivals über Corona und Komödien.

Regina Grüter
Drucken
Teilen
Schweigt sich über die «Secret Screenings» aus: Für die Sektion hat Lili Hinstin persönlich Filme ausgewählt, die in Locarno im Kino laufen.

Schweigt sich über die «Secret Screenings» aus: Für die Sektion hat Lili Hinstin persönlich Filme ausgewählt, die in Locarno im Kino laufen.

Bild: Sabine Cattaneo

Wir treffen uns in Zürich im Café Spitz gleich beim Landesmuseum. Lili Hinstin, die künstlerische Direktorin des Locarno Film Festival, erscheint mit grossem, rotem Koffer, neu kurzem Haar und leichter Verspätung. Sie entschuldigt sich sehr dafür. Eigentlich habe sie sich doch längst der Schweizerischen Pünktlichkeit angepasst. Sie packt ihren Tabak aus. Lili Hinstin raucht Selbstgedrehte.

Sie werden diese Frage wohl mit Nein beantworten, ich stelle sie trotzdem: Waren Sie in einem «normalen» Kino, seit diese wieder öffnen durften, um sich einen regulären Film anzusehen?

Lili Hinstin: Warum denken Sie, ich werde mit Nein antworten?

Nun, weil Sie dazu momentan keine Zeit haben.

Na, da haben Sie recht. (Lacht) Aber noch während des Lockdowns haben wir uns in Paris im Kino eines Freundes zu dritt einen Film angeschaut. Doch das zählt nicht.

Wenn Sie nicht gerade von den Festivalvorbereitungen derart in Anspruch genommen sind, gehen Sie oft ins Kino?

Ich gehe weniger oft ins Kino als vorher, weil mein Job mit sich bringt, dass ich das ganze Jahr hindurch viele Filme sehen muss, die nicht im Kino laufen. Ich habe mir zu Hause ein Heimkino eingerichtet mit grosser Leinwand und ganz anständigem Sound. Manchmal, wenn ich einen speziellen Film zu visionieren habe, gehe ich zu meinem Nachbarn. Der hat eine riesige Leinwand.

Weshalb haben Sie eine Mischform gewählt, und welche Filme kann man in Locarno im Kino sehen?

Das Festival hat sich schrittweise den aktuellen Begebenheiten angepasst. In einem ersten Schritt mussten wir von einem reinen Online-Festival ausgehen, und wir haben uns gefragt, wie wir unserer Mission, neue Filme zu unterstützen und zu lancieren, treu bleiben können. Da haben wir das Motto «For the Future of Films» beschlossen und das «The Films after Tomorrow»-Projekt in Solidarität mit den Filmschaffenden geschaffen. Als die Kinos dann wieder öffnen durften, war für uns klar, dass wir auch Vorstellungen vor Ort haben wollen, wie wir das auch von Anfang an kommuniziert haben. Der Kurzfilmwettbewerb findet nun auch im Kino statt, und wir konnten dazu alle Schweizer oder in der Schweiz wohnhaften Filmemacher einladen. Auch gibt es eine Retrospektive aus der 18-jährigen «Open Doors»-Sektion.

Zur Person

Lili Hinstin wurde 1977 in Paris geboren. Sie leitete das internationale Filmfestival Entrevues Belfort, bis sie im Sommer 2018 zur künstlerischen Leiterin des Locarno Film Festival gewählt wurde.

Im Dezember dann löste sie Carlo Chatrian ab und führte letztes Jahr ihr erstes Festival mit klaren Zielen durch: jüngeres Publikum anziehen, Frauenquote steigern, vom radikalsten Werk bis zur Lovestory die ganze Bandbreite menschlichen Verhaltens auf die Leinwand bringen.

Hinstin lebt mit ihrem 10-jährigen Sohn am Stadtrand von Paris.

Das tönt ein bisschen nostalgisch. Kann man denn vor Ort auch neue Spielfilme sehen?

Ich sehe das nicht so. Diese spezielle Situation ermöglicht es uns, in die Festivalgeschichte zurückzublicken, 20 Filmarchive von Godard Ende der 80er-Jahre bis heute, Masterclasses etc. Sonst hat man für so etwas nie die Zeit. Also sagte ich mir, lasst uns davon profitieren! Es handelt sich um sehr wertvolles Material für jeden Filmliebhaber, Akademiker oder Studenten. Und die «Pardi di domani» sind neu! Darunter sind auch Weltpremieren. Es sind die Stimmen von morgen, und das ist keine kleine Sache. Wenn man sich die Geschichte von «Pardi di domani» anschaut, hat es viele Filmemacher darunter, die wenig später nach Cannes eingeladen wurden. Sie sind in Locarno geboren, wie wir in der Filmindustrie sagen. Auch glaube ich, wir haben hinsichtlich unserer Verantwortung gegenüber den Filmemachern und der Industrie das Richtige getan. Die jungen Filmemacher im Kurzfilmwettbewerb können davon wirklich profitieren. Das wäre für lange Filme nicht möglich gewesen. Ein solch breites Spektrum hätten wir dem Publikum, der Industrie und der Presse nicht bieten können.

Sie haben auch die sogenannten «Secret Screenings» lanciert. Was erwartet den Zuschauer da?

Neue Filme! Aber auch alte. Das macht den Geist von Locarno aus. Es geht nicht um «neu» oder «alt», es geht ums Entdecken! Wenn Sie einen alten Film entdecken, ist das nicht das Gleiche, wie wenn Sie einen neuen entdecken? Das ist doch das grösste Gefühl überhaupt, sich in ein Kunstwerk zu verlieben! Aber natürlich wird sich das Locarno Film Festival dieses Jahr mit dem Wegfall der Piazza Grande und des Fevi nicht gleich anfühlen. Wir verschwenden die jahrelange Arbeit, die in einem Film steckt, nicht zu unserem eigenen Vorteil. Es geht um die Filmemacher! Wir wollen den Filmen zu grösstmöglicher Sichtbarkeit verhelfen, und das können wir dieses Jahr nicht.

Steht das Locarno Film Festival 2020 zumindest finanziell auf soliden Beinen?

Ja, die Finanzierung ist gewährleistet. Alle Partner und Sponsoren sind an Bord, die Unterstützung durch die Institutionen ist gesichert. Einige der privaten Partner und auch die SRG unterstützen die vielfältigen Solidaritätsaktionen, die wir dieses Jahr ins Leben gerufen haben, mit einem Preis oder Tickets, die für Studiofilm- und Arthousekinos in der Schweiz eingesetzt werden können.

Festivals, Kino, VoD/DVD, Fernsehen: Wird sich die Auswertungskette für Filme grundlegend verändern?

Ja. Aber dieser Prozess war schon vor Corona im Gang. Der Umgang mit den Streamingdiensten ist eine Schlüsselfrage für die Filmindustrie, speziell für die Verleiher und die Kinos. Die Pandemie beschleunigt diesen Prozess jedoch stark.

Wird sich die Branche, speziell die Kinos, je von dieser Krise erholen?

Die Frage ist eher, wie die Kinos mit der Machtposition der Streamingdienste zurechtkommen. Wird das Kino mehr zum Museum, wo spezielle Filme auf Zelluloid gezeigt werden? Ich weiss es nicht. Es geht um Wirtschaftlichkeit, und die Viruskrise ist auch eine wirtschaftliche Krise. Festivals sind meiner Meinung nach nicht bedroht, da sie einem Live­event ähneln. Konzerte sind mit Spotify auch nicht verschwunden.

Locarno ist das wichtigste Schweizer Filmfestival. Was halten Sie als Französin vom Filmschaffen hier?

Es gibt eine starke neue Welle junger Filmemacher, die sehr originell und frei arbeiten. Ich denke, Freiheit ist Teil der Schweizer Kultur, historisch und politisch gewachsen. Man könnte den Ansatz gewisser Filmemacher fast als anarchisch bezeichnen.

Zum Beispiel?

Etwa die Filme, die letztes Jahr in Locarno gelaufen sind wie «L’Île aux oiseaux» von Maya Kosa und Sergio Da Costa, «O Fim do Mundo» von Basil Da Cunha oder «Love Me Tender» von Klaudia Reinicke. Filme mit internationalem Potenzial. Und Locarno ist auch dazu da, ihnen Sichtbarkeit über die Landesgrenzen hinaus zu verschaffen.

Sie mögen aber auch Komödien.

Ich liebe Komödien! Warum fragen Sie?

Sie sagen, die Komödie sei das Genre, das die Kultur eines Landes vielleicht am besten zum Ausdruck bringen könne.

Ja, deshalb habe ich mir «Die Schweizermacher» angesehen.

Und, was halten Sie davon?

Der Film ist in meinen Augen etwas veraltet, aber nur in Bezug auf das Handwerk. Dahingehend, was er über die Beziehung zwischen Schweizern und Ausländern aussagt, ist er superaktuell. Ich dachte, wow! Die Leute zum Lachen zu bringen, ist etwas vom Schwierigsten. Und ich liebe es, zu lachen!

Tragödie oder Komödie, werden aus der Coronakrise viele Komödien entstehen?

In dunklen Zeiten ist das Lachen umso wichtiger. Die Weltwirtschaftskrise 1929 in den USA etwa brachte die Screwball Comedy hervor.

Dabei handelt es sich aber mehr um eine Art Realitätsflucht.

Ja, schon, aber manchmal lässt sich nur etwas über eine unmögliche Situation aussagen, indem man die Geschichte anders erzählt. Sonst wäre es zu dramatisch oder zu ernst. Denken Sie nur an Charlie Chaplin, ein arbeitsloser Landstreicher, der ständig von der Polizei verfolgt wird.

Aus welchem Land wird die erste Covid-19-Komödie kommen?

Es gibt schon eine! Der Film mit dem Titel «Corona: Fear is a Virus» gelangte vor etwa drei, vier Monaten ans Auswahlkomitee. Das Ursprungsland ist Kanada.

Locarno Film Festival 2020

Vom 5. bis zum 15. August werden in sechs Sektionen 91 Filme gezeigt, online (83 Vorführungen) und in drei Kinos (103). In der «Open Doors»-Retrospektive laufen Filme aus Lateinamerika, Asien, Afrika und dem östlichen Europa.

Die zweite Retrospektive ist eine Reise in die Festivalgeschichte durch die Augen der 20 Filmemacher, die für die «The Films after Tomorrow»-Sektion ausgewählt wurden. Ein Projekt, das Filmemacher unterstützt, deren Arbeit aufgrund von Corona unterbrochen wurde. www.locarnofestival.ch.

Mehr zum Thema