Digitaler Musikunterricht: Wenn «Für Elise» plötzlich via Skype kommt

Musiklernen in Coronazeiten ist anspruchsvoll. Kristin Thielemann macht Eltern, Lehrern und Schülern in einem Blog Mut.

Martin Preisser
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Trompete und Laptop gehören im Moment zusammen: Die Musikpädagogin Kristin Thielemann hat viele Online-Ideen entwickelt.

Trompete und Laptop gehören im Moment zusammen: Die Musikpädagogin Kristin Thielemann hat viele Online-Ideen entwickelt.

Bild: PD

Ihr Buch «Jedes Kind ist musikalisch» wurde unlängst sogar ins Chinesische übersetzt. Und auch ihr neuester Ratgeber «Voll motiviert» ist gerade auf dem Weg, ein sehr beliebter Leitfaden für erfolgreichen Musikunterricht zu werden. Kristin Thielemann ist Trompeterin – als Solistin und Orchestermusikerin; und sie ist Musiklehrerin in Kreuzlingen, gefragte Referentin an Hochschulen und beim Musikverlag Schott Autorin.

Tausende Musikschülerinnen und -schüler dürfen momentan wegen der Coronakrise nicht mehr in den normalen Musikunterricht. Für sie wie für die Eltern eine neue Situation, wenn sich der Musiklehrer jetzt plötzlich per Whatsapp, Zoom oder Skype meldet und der Unterricht rein virtuell wird. Aber auch für die Musikpädagogen selbst ist das eine völlig neue Herausforderung. Kristin Thielemann weiss, dass die neue, von den Lehrern auch als existenzgefährdend wahrgenommene Situation Stress bedeutet.

Der Flow stellt sich für Lehrpersonen nicht mehr so einfach ein

Hauptstressfaktoren für sonst rein analog arbeitende Musikpädagogen ist erst einmal der oft nicht befriedigende Klang. Zudem hat Thielemann, auch beim eigenen Unterrichten, gemerkt, dass sich der Flow, das Gefühl, die Unterrichtszeit vergehe wie im Flug, mit den digitalen Medien nicht so einfach einstellt.

Für ihre Kollegen, die über Nacht zu Online-Pädagogen geworden sind, hat sie einen kleinen Ratgeber «Stressreduktion» verfasst. Im Zwang zum Online-Unterrichten sieht die Trompetenpädagogin für die Zeit nach Corona aber auch eine Chance, dass neue Ideen, die aus der jetzigen Situation entstünden, später den direkten Unterricht im Musikzimmer bereichern und ergänzen könnten.

Es sei ein geschichtsträchtiger Moment, in dem Musiklehrkräfte echte Pionierarbeit leisteten. Als engagierte Autorin und selbst Mutter musizierender Kinder vergisst sie aber in der Coronakrise auch nicht die Eltern selbst und gibt ihnen in ihrem Blog wertvolle Hinweise, wie das Musizieren zu Hause in Lockdown-Zeiten zu echter Bereicherung werden könnte.

Langeweile als positiver Zustand

Den ganzen Tag daheim, Schule nur online, da kommt bei vielen Kindern schnell das Gefühl der Langeweile auf. Kristin Thielemann verbindet mit Langeweile einen positiven Zustand:

«Plötzlich ist Zeit da, um in sich hineinzuhören und hineinzuspüren. Langeweile ist ein Zustand der Leere, der dazu einladen kann, kreativ zu werden.»

Ideen hat Kristin Thielemann viele: Eltern könnten selbst ein Instrument hervornehmen und mit ihren Kindern zusammen musizieren. Und warum nicht einen kleinen Familienchor oder ein kleines Familienorchester gründen? Musik, die in Coronaquarantäne entstanden sei, könne man mit Nachbarn teilen, Flashmobs von der Terrasse oder im Garten sind da eine schöne Möglichkeit. Viele Tipps der Musikpädagogin zielen auch darauf ab, an das Gefühl des Gebrauchtseins der Kinder zu appellieren. Die Coronazeit kann dazu motivieren plötzlich ganz andere Übeziele anzupeilen, etwa mal ein Stück ganz schön gestaltet an die Grosseltern zu schicken, die man momentan nicht sehen darf.

Auch in der Coronazeit ein beglückendes Musizieren

Kristin Thielemann sieht in der virtuellen Unterrichtssituation auch eine Möglichkeit, dass Musiklehrer und Eltern in einen ganzen neuen, vielleicht engeren Kontakt kommen könnten als beim normalen Unterricht. Die digitalen Medien könnten für mehr Vernetzung der Schülerinnen und Schüler untereinander sorgen, etwa durch musikalische Watch Partys oder das Hinarbeiten auf spannende Online-Konzerte.

Ganz vieles in der Coronamusikpädagogik ist neu, und den Lehrenden fehlt natürlich noch die Routine. Kristin Thielemann kennt die ungewohnten Herausforderungen, wünscht sich, ihren Kollegen, Schülern wie Eltern aber neue Momente musikalischen Gemeinschaftsgefühls. Mit ungewohnten Ideen, neuen Methoden, die auch in Coronazeiten die Idee eines beglückenden Musiklernens hochhalten.

www.motivation-musikpaedagogik.de

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