«Dieter Meiers Rinderfarm»: Wie der Frauenfelder Rapper Daif grandios scheitert und trotzdem einen Dokfilm rausbringt

Der Frauenfelder Rapper und Künstler Daif alias David Nägeli erlebt im Atelierstipendium in Buenos Aires einen krassen Perspektivenwechsel. Angesichts der Armut vor Ort unternimmt er eine Bestandsaufnahme der eigenen Befindlichkeit. Im dabei entstandenen experimentellen Dokfilm tritt Dieter Meier zwar nicht auf, dafür Autorin Jessica Jurassica.

Stefan Böker
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Der Frauenfelder Künstler David Nägeli im Atelier in Buenos Aires.

Der Frauenfelder Künstler David Nägeli im Atelier in Buenos Aires.

Bild: PD

«Es hat sich definitiv gelohnt. Das brachte einen Perspektivenwechsel und neue Inputs», sagt der Frauenfelder Rapper und Künstler Daif alias David Nägeli über sein Atelierstipendium in Buenos Aires. Die halbjährige Visite war produktiv: Er konnte zwei neue EPs, einige Musikvideos sowie eine Klangperformance aufnehmen, sammelte Fieldrecordings für weitere Projekte und entwickelte seine Homepage weiter.

Die Ausserrhoder Literatin Jessica Jurassica und der deutsche Künstler, Musiker und Journalist Jeremias Heppeler besuchten Nägeli für mehrere Wochen. Aus einer spontanen Idee heraus ist dabei der Dokumentarfilm «Dieter Meiers Rinderfarm» entstanden – ohne Budget oder Drehbuch, einem groben Konzept folgend und alle Entscheidungen kollektiv treffend, filmten sie ihren Alltag mit Handys und einer Digitalkamera.

Eigentlich wollten sich die jungen Filmemacher auf Spurensuche begeben. Das Ergebnis ist weniger eine sorgfältige Auseinandersetzung mit dem von einer heftigen Wirtschaftskrise geschüttelten Argentinien als Bestandsaufnahme ihrer eigenen Befindlichkeiten.

Jessica Jurassica tritt auch im Film «Dieter Meiers Rinderfarm» vermummt mit Sturmhaube auf.

Jessica Jurassica tritt auch im Film «Dieter Meiers Rinderfarm» vermummt mit Sturmhaube auf. 

Bild: PD

Angesichts der Armut vor Ort drückt Nägeli das Unbehagen über die eigenen Privilegien drastisch aus, wenn er sagt, er schäme sich, ein reicher Schweizer Künstler zu sein. «Und alle, die das nicht spüren, sind Arschlöcher.» Wie eine «Katastrophentouristin» habe sie sich gefühlt, sagt die Dichterin mit der Sturmhaube an einer anderen Stelle des Films, «unerträglich».

Dieter Meier im Filmtitel, doch er tritt gar nicht auf

Sie interviewen einen Nachbarn, der die Atmosphäre in der Stadt als Pulverfass beschreibt, sprechen mit einem bekannten Gastronomen, filmen sich bei Streifzügen durch die Stadt. Auch eine Mitbewohnerin aus der Künstler-WG kommt zu Wort, die Luzerner Theaterregisseurin Ursula Hildebrand. Sie empfindet ähnlich: Angesichts des harten Lebens der Einheimischen stellt sie ihre Relevanz als Künstlerin auf den Prüfstein.

Jessica Jurassica, Jeremias Heppeler und David Nägeli (von links) gründeten in Buenos Aires eine politpoetische Punkband.

Jessica Jurassica, Jeremias Heppeler und David Nägeli (von links) gründeten in Buenos Aires eine politpoetische Punkband.

Bild: PD

Schliesslich entsteht die Idee, mit dem Unternehmer und Popstar Dieter Meier, Sänger von Yello, Kontakt aufzunehmen. Er soll als eine Art positive Reibefläche dienen, einerseits als Künstler, andererseits als Arbeitsplätze schaffender, vorbildlich geltender Exil-­Schwei­zer.

Das Vorhaben scheitert grandios. Etwas hilflos sieht man Nägeli vor einem von Meiers Restaurants stehen und nach «Dieter» rufen. Auch auf E-Mails kommt keine Antwort. Die letzten Szenen des Films zeigen die Filmemacher beim Songwriting und Haare-Stylen. Denn eine Punkband gründen, so befindet Nägeli ironisch, geht nur mit Irokesenschnitt.

Anarchischer Film soll die eigene Kunst widerspiegeln

Die scheinbar zufällige Auswahl der Interviewpartner, aber auch der fehlende rote Faden und die Lo-Fi-Produktion sind gewollt. Es sei ihnen wichtig gewesen, stilistisch und formell ein wildes, eklektisches Werk zu produzieren, erklärt Jurassica. Der anarchische Film soll die eigene Kunst widerspiegeln.

Alle drei sind junge Kunstschaffende, die am Puls der Zeit originelle und spannende Projekte verwirklichen. Eine Auseinandersetzung damit lohnt sich. Ihre Kunst ist interdisziplinär, breit gestreut, streift zahlreiche Bereiche wie Musik, Malerei, Literatur, Spoken Word, Performance, Medien- und Social-Media-Kunst sowie Journalismus.

Nägeli speziell beschäftigt sich überdies mit Coding. So hat er unter anderem einen Bot programmiert, der als künstliches Twitter-Profil von Jessica Jurassica Tweets generiert.

Durch den Film selbst wird das zu wenig klar; als Porträt der Beteiligten taugt er nicht. Als Einstieg in die extrem vielfältige Welt dieser Künstler kann er dennoch dienen.

«Dieter Meiers Rinderfarm» am Fr, 31.1.2020, 20 Uhr im Cinema Luna Frauenfeld. Ab 22 Uhr Konzert der im Film gegründeten Band im Kulturlokal Kaff.

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