Dieses provisorische Leben

Theater Mit Arthur Millers Tod eines Handlungsreisenden verabschiedet sich David Steck vom Theater St. Gallen. In der Regie von Martin Schulze wirkt das Werk äusserst modern, aber auch ein wenig verwirrend. Valeria Heintges

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Im Kreise seiner Lieben: David Steck als Handlungsreisender Willy Loman am Theater St. Gallen. (Bild: Tine Edel/Theater St. Gallen)

Im Kreise seiner Lieben: David Steck als Handlungsreisender Willy Loman am Theater St. Gallen. (Bild: Tine Edel/Theater St. Gallen)

Es spricht nicht für unsere Zeit, dass Arthur Millers Werk «Tod eines Handlungsreisenden» noch immer so modern ist – obwohl es 1949 uraufgeführt wurde und damit 64 Jahre alt ist. Doch leider: An den Verhältnissen hat sich trotz verbesserter Sozialleistungen in manchen Teilen der Welt (weiss Gott nicht in allen) und gigantischer technischer Fortschritte viel zu wenig geändert.

Hoffen auf das Morgen

Die Geschichte des Handlungsreisenden Willy Loman ist scheinbar schnell erzählt: Denn Loman möchte einfach nur ein kleines Häuschen mit ein bisschen Grün sein eigen nennen und stolz auf seine Familie, vor allem seine beiden Söhne, sein. Er schuftet und schuftet, aber die Geschäfte laufen immer schlechter, und eine neue Generation von Managern ist ans Ruder gekommen, für die der Einzelne nichts zählt. Zudem glaubt er, seine Söhne nach seinem Vorbild formen zu können und, dass sie auf der Welt seien, um das richtig zu machen, was er falsch gemacht hat. Loman scheitert, weil er vor lauter Arbeit an einem besseren Morgen das Heute vergisst und sein Leben so tatsächlich «provisorisch» bleibt, wie er selbst bemerkt.

Am Ende muss er feststellen, dass aus Sohn Happy ein «verbummelter Schürzenjäger» geworden ist und aus dem Wunderknaben Biff ein Dieb und Versager – «ein Nichts», wie der selbst befindet. Nach einem langen Tag voller bitterer Einsichten und Erinnerungen schaufelt sich Willy Loman sein eigenes Grab.

Melancholisch, bitter, zeitlos

In der Regie von Martin Schulze und der Ausstattung von Ulrich Leitner wird das Werk, das am Samstagabend im Theater St. Gallen seine Premiere feierte, zu einer melancholischen, bitteren, zeitlosen Geschichte. Die karge Bühne, die Lomans vertrockneten Garten zeigt, wird eingerahmt von dunklen Steinwänden, die Einblicke in alle Richtungen gewähren. Hier mischen sich der aktuell erzählte letzte Tag in Lomans Leben und die Rückblicke in die Vergangenheit. Miller sieht in seinem Werk dabei fliessende Übergänge vor, die für Regisseure nicht leicht zu inszenieren sind. Schulze macht sich mit der Entscheidung, dem Zuschauer keinerlei Hilfen zu geben, welche Zeitspanne er gerade sieht, die Sache zu einfach: Kleine Veränderungen, sei es im Licht oder an Kostümen oder Ortswechseln, hätten die Einordnung und das Verständnis sehr erleichtert, das wegen oft nachlässigen Sprechens ohnehin schon leidet. Zudem gelingt es Marcus Schäfer als Biff und Oliver Losehand als Happy zu wenig, die verschiedenen Lebensalter zu spielen. Auch Christian Hettkamps Spiel merkt man zu wenig an, dass er drei verschiedene Rollen verkörpert. Diana Denglers beide Frauenfiguren sind hingegen in jedem Moment, trotz schnellster Wechsel, voneinander zu unterscheiden.

Die Methode, das Werk nicht mit Eingriffen zu überladen, damit es seine ganze, oft beinahe archaische Wucht entfalten kann, hält Schulze – weitgehend – durch. Millers Werk, voller raffinierter Brüche und auf vielen Ebenen psychologisch äusserst raffiniert gestrickt, kann so strahlen. Aber es wehrt sich überraschend heftig und eindrucksvoll gegen zu drastische Streichungen des Textes und sinnlose Regieeinfälle, die sich Schulze dann doch nicht verkneifen kann.

Sinnlose Regieeinfälle

Szenen wie Hettkamps seltsamer Tanz als Kellner Stanley oder Happys Witz, den er beim Auftritt nach der Pause erzählt, wirken wie unbehauene Steine in einem Diamantenladen. Die brutalen Textstriche bekommt vor allem Oliver Losehand zu spüren. Sohn Happy ist ohnehin schon das vernachlässigte Kind der Familie. Die St. Galler Fassung in der Dramaturgie von Karoline Exner nimmt ihm auch noch die Szenen, in denen deutlich wird, wie sehr er verzweifelt versucht, auf legalem Wege in einem Büro glücklich zu werden. Und wie er letztlich genau wie sein Vater dabei tragisch scheitert. So lässt sich wohl auch erklären, dass es Losehand nicht gelingt, Happy Kontur zu geben.

Scheitern an Vaters Ansprüchen

Marcus Schäfer zeigt seinen Biff als redlich um Verständnis für sich buhlenden Sohn, der aber immer an Vaters Ansprüchen scheitert. Beeindruckend sein Ausbruch am Ende, als er einsehen muss, dass ihm nur eine endgültige Trennung die Chance gibt, aus diesem Schatten herauszutreten. Glanzlicht des Abend ist Sabine Wackernagel: Ihre Mutter Linda ist in jedem Moment ganz präsent, bodenständig und glaubhaft – und zeigt doch, wie sehr auch die Mutter mit ihrer Harmoniesucht Anteil an der Misere hat.

Eine noble Geste der Theaterleitung, dass sich David Steck mit der Rolle des Willy Loman vom Publikum verabschieden durfte. Eindrücklich zeigt er mit kleinen Gesten die fortschreitende Demontage dieses Mannes und seine zunehmende Isolierung. Für ihn gab es am Samstag einen besonders warmen Applaus.