«Dieses Leben war reinste Akrobatik»

Am 29. August wäre die Westschweizer Schriftstellerin S. Corinna Bille 100jährig geworden. Aus diesem Anlass erscheint der Erzählband «Schwarze Erdbeeren».

Bernadette Conrad
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Walliser Autorin Stephanie Corinna Bille (1912 – 1979). (Bild: RDB)

Walliser Autorin Stephanie Corinna Bille (1912 – 1979). (Bild: RDB)

Eine Hochempfindsame. Eine, deren Sprache in die wilde Schönheit des Wallis führt – und geradewegs ins Innere der Seele. Schon als S. Corinna Bille am 24. Oktober 1979 starb, galt sie als «eine der bedeutendsten Schriftstellerinnen der Romandie». Nach ihrem Tod trugen die Sichtung und Redaktion ihres rund 30 Publikationen umfassenden Werks durch Maurice Chappaz, ihren Ehemann und Schriftsteller, sowie die engagierte Arbeit Schweizer Intellektueller dazu bei, dass ihr Name nicht verlorenging.

Ein Fremder im Dorf

Nun erscheint anlässlich ihres 100. Geburtstages der Erzählband «Schwarze Erdbeeren» mit Texten, in denen sich eine unverwechselbare Persönlichkeit ausdrückt. In «Das ganze Leben vor mir» beobachtet ein Mann, südländisch, bleich, hager, voller Spott die Fronleichnamsprozession im kleinen Walliser Dorf. Für das mit feierlichem Ernst zelebrierte Ritual, an dem alle Generationen teilnehmen, hat er nur Verachtung übrig: er ist einer von draussen. Bis er das Mädchen Lucile sieht. Sie ist eine, die dazugehört – und sich trotzdem anders und allein erlebt, herausgenommen aus allem: «ein Mädchen von siebzehn Jahren, das zum ersten Mal den dumpfen Hunger seines Körpers begriffen hat…»

Natur, weit mehr als nur schön

Davon kann niemand wissen, und doch nimmt an genau diesem Tag der Fremde ihre Fährte auf. Er verfolgt sie in den Wald, in eine Angstspannung, eine Angstlust hinein, in der die Möglichkeit von Gefahr und Gewalt aufscheinen. Überhaupt, der Wald! Ein Ort, ungeheuerlich in seiner geheimnisvollen Schönheit – ein Ort, in dem Ungeheuer ihr Wesen treiben.

«Das ganze Leben vor mir» führt konzentriert einen Hauptgedanken vor, der durch ihre Texte geht: dass Natur weit mehr als nur schön ist; sie ist auch schrecklich. Vor allem ist sie mächtig. Natur als Raum, der uns Menschen nicht nur aussen umgibt, sondern auch innerlich erfüllt. Wo Natur waltet, wo sie sich Bahn bricht, ist keine Kontrolle mehr. Hier wohnen Leidenschaft und Gewalt dicht nebeneinander.

Fasziniert von den Abgründen

Davon erzählen die neun Geschichten im schmalen Band der 1912 als Stephanie Bille geborenen Walliserin. Als Tochter des Malers Edmond Bille und der Bauerntochter Catherine Tapparel erfuhr sie zusammen mit ihren Geschwistern eine materiell unbeschwerte Jugend voller anregender Reisen und Begegnungen. Zeitlebens liebte Stephanie, die sich später nach dem mütterlichen Heimatort Corin Corinna nannte, den Pfynwald, schrieb in leidenschaftlicher Bezogenheit auf die Walliser Landschaft und fasziniert von den Abgründen und Rätseln der Liebe. Verstörendes Verlangen spielt in fast allen Erzählungen eine zentrale Rolle: «Jetzt gibt es Tage, an denen mich das Verlangen nach ihm so heftig packt, dass ich mich auseinander gerissen, gespalten fühle. Meine Arme, meine Beine werden länger und länger und umschliessen die Welt, meine Augen sehen über die Berge hinaus…»

In der Schwebe

Aber auch Tod spielt eine grosse Rolle – er geistert durch die Geschichten: war ein unglücklicher Sturz Selbstmord oder Unfall? Ist die junge Frau, die allein mit unerträglichen Schmerzen im Bett liegt, im Sterben oder kehrt sie gerade vom Tod zurück?

Oft lösen sich Geschichten nicht auf, bleiben in einer Schwebe, in der sich Billes Kraft zeigt, Unlösbarkeit auszuhalten. Das galt wohl für alle Aspekte dieser Frau, Mutter von drei Kindern, die, so sehr im Wallis beheimatet, dennoch nicht müde wurde, die Welt zu bereisen: «Dieses Leben war reinste Akrobatik, und gefährlich dazu», zitiert Monique Schwitter in ihrem Nachwort. «Ein Hochseilakt, Taschenspielerei, Jonglage. Und die Müdigkeit! Aber ich habe den deutlichen Eindruck, dass all diese Schwierigkeiten mein Talent bestärkt haben.»

S. Corinna Bille, Schwarze Erdbeeren. Erzählungen. Nagel & Kimche 2012. Fr 27.90.

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