Dieser Wille, immer weiter zu gehen, keine Grenzen zu akzeptieren

Katja Fischer De Santi
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Simone de Beauvoir (1908–1986). (Bild: Getty Images/1976)

Simone de Beauvoir (1908–1986). (Bild: Getty Images/1976)

De Beauvoir Ich war sechszehn Jahre alt und hatte keine Ahnung, was aus mir einmal werden sollte. Ich wusste nur, was ich nicht wollte: Kinder. Ich wollte nicht Hausfrau werden. Niemals. Ich wollte nicht Mann-Kind-Haus, ich wollte die Welt. Von Simone de Beauvoir hatte ich noch nie gehört. Feminismus sagte mir noch nicht einmal als Wort etwas. Ich war eine typische Nachgeborene. Undankbar und unwissend.

Dann, eines Nachmittags in der Bibliothek des Lehrerseminars, ich war auf der Suche nach Literatur zu Albert Camus, entdeckte ich ein Buch. Darauf eine schöne Frau mit Turban. Ihr Blick stark und unnachgiebig. «Memoiren einer Tochter aus gutem Haus» stand auf dem Schutzumschlag. Ich lieh es aus und las die nächsten drei Nächte statt Albert Camus das Leben von Simone de Beauvoir nach. Dieses Leben, diese Stärke und Radikalität beeindruckten mich sehr. Als eine der ersten Frauen studierte die 1908 Geborene an der Pariser Sorbonne Philosophie, Literatur und Mathematik. Schloss als Jahrgangszweitbeste ab. Jahrgangsbester war ein gewisser Jean-Paul Sartre. Sie wollte nicht Mutter, sie wollte eine berühmte Schriftstellerin werden – und sie wurde es. Sie brach dafür mit allen Konventionen, selbst in der Liebe.

Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre. Was für ein Paar! Zwei hochintellektuelle Menschen. «Der erste Mann, dem ich mich unterlegen fühle», schreibt sie im zweiten Teil ihrer Memoiren. Und verliebte sich sofort in «diese hässliche, schlecht gekleidete Gestalt». Den beiden schien gelungen zu sein, wovon ich in meinen Zwanzigern naiv träumte. Die Quadratur des Geschlechterzirkels, eine Liebe ohne Abwasch, ohne Streit, ohne Heimlichkeiten, ohne Hausfrauengrau und Familienabgrund. Dafür freie Liebhaberwahl, tägliches Kopf-an-Kopf-Denken zwischen Philosoph und Philosophin, gleichberechtigt. Hochzeit, Kinder, Monogamie – das alles kam für Simone de Beauvoir nicht in Frage. Zu gross die Gefahr, dadurch zum «Weibchen» zu werden. Im Alter von 21 und 23 Jahren hatten Beauvoir und Sartre ihren berühmten «Pakt» fürs Leben geschlossen, der über ein halbes Jahrhundert, bis zu Sartres Tod, währen sollte.

Für sie war klar: Nichts ist vorbestimmt, der Mensch schafft seine Existenz selbst – Männer wie Frauen. Weil es aber für Frauen so unendlich viel schwerer war und ist, ihre Träume zu leben, selber über ihr Leben zu entscheiden, veröffentlichte sie 1949 den ersten Teil von «Das andere Geschlecht». In einem dreijährigen Kraftakt trug sie aus allen Bereichen Belege zusammen – aus Biologie, Literatur, Geschichte, Politik, Psychoanalyse oder Psychiatrie. Und deckte ein historisches Muster auf: Dass Männer den Frauen mit Hinweis auf angeblich objektive Befunde die körperliche oder geistige Beschränktheit einreden, aber gleichzeitig alle Hebel in Gang setzen, wenn eine Frau doch aus dem sorgfältig gezimmerten Rahmen zu steigen droht.

Ihr 1000 Seiten starkes, zweibändiges Epos habe ich später gelesen. Doch ihre Romane (etwa «Les Mandarins»), Tagebücher und Briefe haben mich stets mehr interessiert. In ihnen fand ich alles, was Beauvoir für mich so faszinierend macht: Der Wunsch, etwas aus sich zu machen, der Drang nach Freiheit – die Geschichte einer gelebten, nicht einer theoretischen Emanzipation. Die Konsequenz, mit der Simone de Beauvoir aus ihrem Leben ihr Werk machte, fand ich sonst nirgends. Nachahmen wollte ich sie irgendwann nicht mehr. Ihre angeblich so offene Beziehung zu Sartre wurde spätestens mit der posthumen Veröffentlichung ihres Briefwechsels entzaubert. Statt Freiheit waren da viel Eifersucht, Bosheit und seelische Abgründe. Auch ihr negatives Frauenbild mag ich nicht teilen. Aber ganz bestimmt habe ich es Frauen wie Simone de Beauvoir zu verdanken, dass ich heute Kinder habe – und trotzdem kein «Weibchen» sein muss.

Katja Fischer De Santi