«Dieser Film hat mich gesucht»

Nach seinem Erfolg mit dem Spielfilm «Rosie» hat der St. Galler Marcel Gisler mit «Electroboy» einen Dokumentarfilm gedreht. Ein Gespräch darüber, was der Film mit einem Spielfilm gemeinsam hat und wie er die Realität beeinflusste.

Andreas Stock
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Florian Burkhardt war Ende der 1990er-Jahre ein Topmodel. (Bild: pd)

Florian Burkhardt war Ende der 1990er-Jahre ein Topmodel. (Bild: pd)

Die Geschichte von Florian Burkhardt ist unglaublich – fast zu unglaublich für einen Spielfilm. Darum hat Marcel Gisler mit «Eletroboy» seinen ersten Dokumentarfilm gedreht. Darin erzählt er die ebenso glamouröse wie aufregende Biographie eines Getriebenen. Burkhardt wollte Hollywood-Star werden, machte Karriere als Fotomodel, gehörte zu den Pionieren des Internets und schuf eine legendäre Zürcher Partyreihe. Ein intensives Leben, das nach knapp zehn Jahren abrupt in der psychiatrischen Anstalt endete.

Marcel Gisler, Sie hatten das Spielfilmprojekt über Florian Burkhardt abgelehnt. Als es Ihnen als Dokumentarfilm angeboten wurde, sagten Sie zu. Warum?

Marcel Gisler: Diese Erfolgsgeschichte und der Glamour hatten mich nicht so sehr interessiert. Das Interessante war für mich, was hinter der Fassade des Glamour-Boys steckt. Und warum es zu diesem Absturz kam.

Sie arbeiten aber mit einer Spielfilm-Dramaturgie, in der sich langsam ein Drama herauskristallisiert?

Gisler: Ja, mir war klar, dass ich das Schlüsselerlebnis mit dem Autounfall der Eltern nicht am Anfang erzähle. Das kommt erst, wenn man sich als Zuschauer genug Fragen gestellt hat. Das ist nicht nur eine Spielfilm-Dramaturgie, so lernen wir auch im Leben jemanden kennen. Wir erleben nicht zuerst die Probleme und Abgründe, sondern die schöne Fassade.

Hat sich der Film während der Dreharbeiten verändert?

Gisler: Ursprünglich hätte ich Florians Karriere eher impressionistisch von seinen damaligen Wegbegleitern erzählen lassen. Er selbst wäre erst danach aufgetreten. Am viertletzten Drehtag führte ich ein Interview mit ihm. Statt den geplanten zwei Stunden wurden zehn Stunden daraus, in denen er erstmals unglaublich lebendig, mit Humor und ironischer Distanz sein Leben Revue passieren liess.

Die Eltern Hildegard und Peter Burkhardt werden im Lauf der Geschichte immer zentraler.

Gisler: Ich wusste, dass sich diese Biographie aus dem familiären Umfeld erschliesst. Mir ging es um ein Gesamtbild: aus welchem Umfeld kommt Florian, was ist das für eine Familie, wie geht man miteinander um? Nicht um Antworten zu geben, aber als Angebot, sich darüber Gedanken zu machen.

Dabei exponieren sich sowohl Florian wie auch seine Eltern sehr.

Gisler: Wir leben in einer Zeit, in der das öffentlich machen der Privatsphäre weit verbreitet ist. Es verkauft sich gut und macht Quote. Doch wozu? Ich wollte Florian verstehen; es war klar, dass ich dazu mit der Familie sprechen muss.

Und die Eltern stehen dazu, was sie hier alles preisgeben?

Gisler: Ja. Und Florian hat bei der Premiere in Zürich, an der die Eltern dabei waren, gesagt, wie sehr er sie dafür bewundert.

Manchmal hat man das Gefühl, Sie hätten die Eltern vielleicht vor sich selbst schützen müssen?

Gisler: Wenn man hingeht und sagt, die wissen nicht, was sie da sagen, finde ich das überheblich. Ich habe Respekt vor ihnen, auch wenn ich nicht gleicher Meinung bin. Ich habe Respekt vor dem Vater, der in seiner Ideologie und in seiner Religion lebt und trotzdem sagt, das ist mein Sohn, ich habe ihn gern. Das ist ein Liebender, auch wenn er seinen Sohn nicht verstehen kann.

Im dritten Akt geben Sie Ihre Position als unbeteiligter Beobachter und Interviewer auf. Warum?

Gisler: Als ich von der Trennung der Eltern erfuhr war klar, dass ich zu einem Teil der Story geworden bin und mit im Bild sein musste. Der Beobachter beeinflusst die Beobachteten, das ist soziologisch erwiesen und spielt sich auch im Dokfilm ab.

Es ist eine Haltung, der sich Dokumentarfilmer eher entziehen. Sie sehen sich als neutrale Beobachter, die nicht Teil der Geschichte sind?

Gisler: Das ist doch naiv. Wenn ein Mensch zwei Jahre mit anderen Menschen verbringt, um sie zum Thema eines Films zu machen, wird man zu einem Teil des Ganzen und beeinflusst es.

Und wie geht man damit um?

Gisler: Ich habe bei meinem ersten Dokumentarfilm gedacht, so, jetzt wird das reale Leben gefilmt. Die Wirklichkeit und nicht eine von mir erfundene, inszenierte Geschichte. Aber dann steht man da und alle fragen Dinge, die mit Inszenierung zu tun haben. Jedes Bild ist eine Absprache; die Menschen, die gefilmt werden, wissen sehr genau, was vor sich geht. Sie überlegen sich, wie sie sich geben, was sie anziehen, welche Haltung sie einnehmen wollen. Ich habe dann Fragen zurückdelegiert. Die Protagonisten sollten entscheiden, wo und wie wir drehen und wie sie sich präsentieren wollen. Es sollte ihre Inszenierung sein und nicht meine.

Im Film bekommt man diese «Inszenierung» mehrmals mit. Das war Ihnen wichtig?

Gisler: Mir war klar, dass das Thema der Selbstinszenierung von Florian ebenso wie das Thema der Inszenierung des Films selbst zentral sein müsste. Der ganze dritte Akt ist eine Selbstinszenierung dieser Familie, die ein Bild von sich repräsentiert sehen wollte. Das wollte ich formal sichtbar machen: hier wird inszeniert, es gibt keine Objektivität! Das passt ja auch zur Geschichte von Florian Burkhardt.

Es ist eine müssige Frage, ob das Kino unser Leben verändern kann. Im Fall von «Electroboy» wurde zumindest das Leben dieser Familie kräftig durchgeschüttelt.

Gisler: Das kann man so sagen. Die Veränderungen, die sich in der Familie abspielen, haben durchaus mit den Dreharbeiten zu tun. Da gab es ein Ereignis in der Vergangenheit, das sie abgehakt und totgeschwiegen, aber nicht verarbeitet hatten.

Der Film scheint auch Florian verändert zu haben. Er begleitet Sie zu den Filmvorführungen, er gibt Interviews. Das wäre vor dem Film angesichts seiner Angstzustände doch undenkbar gewesen?

Gisler: Ja, das habe ich mich auch gefragt. Aber er erhält eine Bühne. Und auf einer Bühne fühlt er sich wohl. Das habe ich über Narzissmus gelernt. Sobald Florian diesen Spiegel hat, der ihn reflektiert, wird er jemand.

Im Nachhinein scheint es logisch, dass Sie diesen Film gedreht haben. «Electroboy» fügt sich in Ihre bisherigen Filme ein: junge Männer und ihr Hunger auf ein Leben abseits bürgerlicher Norm. Dazu gibt es Parallelen zu «Rosie»?

Gisler: Ja, wirklich. Es gibt erstaunliche Verwandtschaften. Das war mir am Anfang auch nicht bewusst. Aber dieser Film hat mich ja richtig gesucht. Zweimal wurde mir das Projekt von unterschiedlicher Seite angeboten. Die Geschichte wollte zu mir kommen.

Marcel Gisler und Florian Burkhardt sind morgen, 20 Uhr, im Kinok St. Gallen; ab Do auch im Madlen, Heerbrugg, und Passerelle, Wattwil; weitere Kinos werden folgen.

Marcel Gisler Regisseur (Bild: pd)

Marcel Gisler Regisseur (Bild: pd)