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Roman aus den 1940er-Jahren:
Dieser Durst nach Leben

Eine junge Frau hatte gehofft, die Liebe sei stärker als der Tod. 1943 nahm sich Lore Berger das Leben, kurz ­bevor «Der barmherzige Hügel» erschien. Jetzt liegt der Roman wieder vor – erstmals mit Tagebuchauszügen.
Dieter Langhart
Lore Berger 1942. Sie verstarb im Jahr darauf im Alter von 21 Jahren. (Bild: Nachlass Lore Berger/Louis-Edgar Berger)

Lore Berger 1942. Sie verstarb im Jahr darauf im Alter von 21 Jahren. (Bild: Nachlass Lore Berger/Louis-Edgar Berger)

Auf dem Vorsatzblatt steht mein Name, daneben wie gewohnt das Kaufdatum: 8.8.1981, mein erster Hochzeitstag. Ich erinnere mich gut: Peter von Matt las das Buch mit uns in einem seiner Seminare über neue deutsche Literatur. Ich war betroffen, wie Lore Berger in «Der barmherzige Hügel» das Geheimnis einer ersten, kurzen, intensiven Liebe dargestellt hatte.

Die Hauptfigur, die junge Esther, wird aus einer wohlbehüteten Basler Bürgerlichkeit herausgerissen und spürt eine «unmässige Gier nach einer unmässigen Passion». Esther verliert den treulosen Geliebten wie auch Lore ihren Geliebten verloren hatte. Am 14. August 1943 stürzte sich Lore Berger vom Wasserturm auf dem Bruderholz. Der Hügel hatte sich als barmherzig erwiesen – in der Erfahrung der Liebe und des Todes.

Jetzt liegen zwei barmherzige Hügel vor mir, die Ausgaben 1981 und 2018. Ich lese Lore Bergers Roman erneut, geniesse die reife Sprache, staune jedoch, wie wenige Details ich erinnere – nur die Grundstimmung, die Gefühle, die unbändige Lebenssehnsucht sind sogleich präsent. Und ich tauche ein ins alte und neue Nachwort. Beide hat Charles Linsmayer verfasst, der sich wie kaum ein anderer Germanist um fast vergessene Schweizer Literatur verdient gemacht hat.

Erwünscht war damals aufbauende Literatur

Als «Der barmherzige Hügel» 1944 in der «Gildenbibliothek der Schweizer Autoren» erscheint, löst er kaum ein Echo aus. Lore Berger hat ihn beim Romanwettbewerb der Büchergilde Gutenberg eingereicht. Er wird zwar für druckwürdig befunden, jedoch nicht prämiert, denn gewünscht ist aufbauende, heimatverbundene schweizerische Literatur, die sich den Drohungen der Zeit entgegenstellen soll.

Charles Linsmayer unterhielt sich 1980 für seine Neuausgabe mit Kurt Guggenheim, dem damaligen Sprecher der Jury. Der räumte ein, dass ihm «die typisch weibliche Art, Probleme zu sehen», damals fremd vorgekommen sei. Die Verneinung, die Verweigerung hätten die Jury abgeschreckt. Im Nachhinein hätte Guggenheim Lore Berger durchaus einen Preis zugestanden.

Esther engagiert sich weit stärker für die Beziehung als Thomas, den es bald zur nächsten Herzensfrau zieht. Sie ist unendlich enttäuscht und schreibt ­einen Roman, «eine Geschichte gegen Thomas» (so der Untertitel), in dem sie sich an den treulosen Liebhaber wendet. Vom Unglücklichsein schreibt sie, vom Leiden an der Zeit und an sich selbst. Gleich am Anfang heisst es:

«Du musst wissen, Thomas, ich bin krank gewesen. Ich hatte Heimweh nach dir.»

Wasserturm und Bruderholz sind zentrale Symbole im Roman und für Esther ein heiliges Refugium.

«Liebeskummer von ­vorsintflutlicher Tiefe»

Für Lore Berger ist die Liebe ein absolutes Gefühl, das selbst der Tod nicht begrenzen kann. Sie will nicht mehr leben und nimmt mit einem Hungerstreik ihren Selbstmord vorweg. «Ich bin überzeugt, dass man erst im Tod, im Moment der Auflösung, satt wird», schreibt die 17-Jährige 1938 in ihr Tagebuch.

Linsmayer nennt den Roman ein «radikal ehrliches, offenes Bekenntnisdokument», eine «Absage der Jugend an das durch den Krieg lebensunwert gewordene bürgerliche Dasein». Er stellt Lore Berger in die Tradition der Verweigerung neben Frisch, Hohl, Steiger, Hermann Schneider, Annemarie Schwarzenbach.

«Eine Leere ohne Ziel »

Minutiös vergleicht Lins­mayer den Roman mit dem journal intime aus dem Nachlass, das Lore Berger zwischen 1938 und 1940 verfasst hat und das, in Auszügen, erstmals auch dem Leser tiefere Einsicht ermöglicht. «Der barmherzige Hügel» ist trotz ­Parallelen zwischen Esther und Lore Berger nicht autobiografisch, vielmehr liest er sich, das Tagebuch vor Augen, «ganz neu und anders».

In den Hintergrund rücken dabei Aspekte, die 1944 und 1981 in den Feuilletons dominierten: die Magersucht als Selbstmord in Raten, die Rebellion einer jungen Frau gegen die Abhängigkeit von ihrer Familie, die Satire auf den Basler «Daig».

Alles überragt der einsame Kampf einer jungen Frau um eine verlorene Liebe, ein «Liebeskummer von vorsintflutlicher Tiefe», wie es Lore Berger formuliert hat, ein Lebensüberdruss, eine «Leere ohne Ziel», ein «tiefes Gelangweiltsein». Esther sagt an einer Stelle: «Ich selbst habe mich doch zu töten versucht und ich weiss wohl, dass ich das nur deshalb tat, weil ich mich vergeblich nach dem Leben gesehnt hatte.»

Tagebuch und Roman bilden eine bewusste Einheit

Lore Berger: Der barmherzige Hügel, REpridet by Huber, Th.-Gut-Verlag, 320 S., Fr. 28.-

Lore Berger: Der barmherzige Hügel, REpridet by Huber,
Th.-Gut-Verlag, 320 S., Fr. 28.-

Die Einträge und Romanentwürfe in Lore Bergers Tagebuch zeigen laut Linsmayer klar, dass sie ihr Buch von Beginn so geplant hat, wie es vorliegt, «dass die komplizierte Verknüpfung von Tagebuchtext und Rahmenbericht absichtsvoll kalkuliert ist». Die Autorin wollte so ihre Fiktion glaubwürdiger machen und die Hauptfiguren psychologisch glaubhaft ausgestalten. Der Untertitel hiess in der ersten handschriftlichen Skizze «Meine Geschichte für Thomas».

Wie ich erneut durchs reich bebilderte Nachwort blättere, wird mir bewusst, wie sehr Lore Berger und meine Mutter einander gleichen. Sie warf sich, tief traurig über den Tod ihrer Tochter, 1957 vor einen Zug. Ihr Tagebuch existiert nicht mehr.

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