Angela Hewitt in Teufen: Dieser Bach lebt, dieser Beethoven reisst mit

Ein Höhepunkt der Appenzeller Bach-Tage war die Interpretation des ersten Bandes von J. S. Bachs «Wohltemperiertem Klavier». Die kanadische Meisterpianistin Angela Hewitt beeindruckte in Teufen mit einer sehr persönlichen, fast unbändigen Wiedergabe.

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Die kanadische Pianistin Angela Hewitt signiert nach dem Konzert im Lindensaal Teufen ihre CDs. (Bild: Martin Preisser)

Die kanadische Pianistin Angela Hewitt signiert nach dem Konzert im Lindensaal Teufen ihre CDs. (Bild: Martin Preisser)

Bei diesem Bach ist nichts sakral aufgeladen oder geht in eine bloss meditative Richtung. Angela Hewitt begeistert vielmehr mit taufrischem, wagemutigem, direktem und sehr persönlichem Bach-Spiel. Welch enorme Bandbreite an Interpretationsmöglichkeiten der erste Band des «Wohltemperierten Klaviers», dieser riesige Zyklus von 24 Präludien und Fugen bietet, mögen diejenigen gespürt haben, die vor einer Woche die András Schiff in Ittingen gehört haben. Das spricht für die geheimnisvolle Offenheit dieser Musik, dass sie so verschiedene Sichtweisen erlaubt.

Angela Hewitt, eine absolute Meisterin ihres Fachs, hat mit Bachs «Wohltemperierten Klavier» bereits zum dritten Mal einen grossen Bach-Zyklus in der Ostschweiz präsentiert, einmal die «Kunst der Fuge» in St. Gallen und vor vier Jahren die «Goldberg-Variationen» in Teufen, ebenfalls an den Bach-Tagen. Jetzt also die Präludien und Fugen, die sie auf zwei Abende aufteilte und jeweils Musik von zwei Bach-Bewunderern gegenüberstellte, Chopin und Beethoven.

Am zweiten Abend merkte man der sympathischen kanadischen Künstlerin nach den Präludien und Fugen 13 bis 24 die Verausgabung an, die sie zulässt, um dem Publikum ein Höchstmass an Spannung, Unmittelbarkeit und interpretatorischem Abenteuer zu schenken.

Bach immer wieder mit Spontaneität gewürzt

Das gibt es einmal die Frische und Unmittelbarkeit, die Freiheit und quirlige Freude (etwa in Präludium und Fuge G-Dur). Oder die so spontan und freudig wirkende Arbeit mit Farbe und Schattierung im g-Moll-Duo. Angela Hewitt, die sich seit Jahrzehnten mit dem «Wohltemperierten Klavier» beschäftigt und es zweimal eingespielt hat, legt keine nur lang austarierte, kontrollierte Interpretation vor, sondern würzt ihr Wissen und ihre Intention mit viel Spontaneität, gestaltet im Moment. Wagt hier ein Rubato, nimmt sich einen überraschenden Moment, um etwas besonders Spannendem nachzulauschen.

5000 Besucher

Mit einem Festgottesdienst in der evangelischen Kirche Teufen endeten am Sonntag die dritten Appenzeller Bach-Tage. An 24 Konzerten und Veranstaltungen liessen sich rund 5000 Besucher vom Programmangebot begeistern. Die Veranstalter der Bach-Tage, die dieses Jahr unter dem Motto "Bach-Bilder" standen, sind stolz über das rege Interesse des Publikums, das vor allem auch die familiäre Atmosphäre und die Nähe zu den Weltklassekünstlern schätzte. (red)

Enorm genau spielt Angela Hewitt, die sich auch von der warmen Farbigkeit und der gesanglichen Transparenz des Fazioli-Flügels immer wieder inspirieren lässt. Enorm spielerisch, ja oft heiter und beschwingt, lässt sie diese komplexe Musik atmen und an vielen Stellen auch tanzen. Immer wieder holt sie diese anspruchsvollen Partituren aus der analytischen Ecke heraus und belohnt mit einem Kaleidoskop an Farben und Emotionen, oft fast überschwänglich gespielt. Das ist kein Bach für den Kopf, sondern einer, der den ganzen Menschen ergreift, auch körperlich.

Hewitts Beethoven-Spiel: Ein elementares Erlebnis

Kein Wunder also, dass Angela Hewitt am zweiten Abend im Lindensaal Teufen auch Beethovens Waldstein-Sonate op. 53 nicht einfach routiniert abliefert. Im Gegenteil: das ist Energie pur. Die Tremoli im Kopfsatz klingen da wie eine sprudelnd-spritzende, glasklare Quelle (von Kreativität). Hewitt spielt diese Sonate mit vollem Risiko, setzt alles auf eine Karte. Dieses Klavierwerk hat unter ihren kräftigen Händen etwas Elementares, sei es das der Natur, sei es das der Gefühle. Kraft und Weite, alles in einem rauschenden Guss - einfach eindrucksvoll.

Meditierend oder jubilierend

Sie gehören zu den grossen Bach-Interpreten. Beide sind jetzt mit dem «Wohltemperierten Klavier»zu hören: Angela Hewitt und Sir András Schiff garantieren in der Region zwei unterschiedliche Bachfeste der Premiumklasse.
Martin Preisser

Sir András Schiff in der Kartause Ittingen: Erdenfern und doch geerdet

Meisterpianist Sir András Schiff hat letzten Freitag die diesjährige Reihe der Ittinger Sonntagskonzerte eröffnet. Seine reife, umfassende Sicht von J. S. Bachs erstem Band des «Wohltemperierten Klaviers» nahm das Publikum auf eine lange, weite musikalische Meditation mit.
Martin Preisser