Literatur
Dieser Autor wagt den Blick in die Tiefe der Zeit

Raoul Schrott versuchte für sein neues Buch «Erste Erde. Epos» zu den Anfängen der Erde zu gelangen.

Ruth Renée Reif
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Isolde Ohlbaum/laif

Herr Schrott, mit Ihrem Buch wollten Sie für sich erfahren, was da draussen und in uns ist. Ist Ihnen das gelungen?

Raoul Schrott: Zumindest kann ich nun zum ersten Mal sagen, dass einen die Arbeit an einem Buch auch selbst verändert. Sonst schreibt man, weil man glaubt, einen originellen Blick auf etwas zu haben. Bei diesem Buch war das Gegenteil der Fall: Nicht meine Perspektive zählte, sondern die Welt. Ich hatte die ganze Zeit das Gefühl, ich
setze mich damit stellvertretend für uns alle auseinander und bringe dabei nur mein bisschen Sprachtalent ein, um etwas davon verständlich werden zu lassen.

Sie sind zu den Fundstellen früher Zeugnisse der Erdgeschichte gereist. Haben Sie da gefühlt, dass Sie den Beginn unserer Welt in der Hand halten?

Das älteste Stück Erde, das man in der Hand halten kann, ist ein über vier Milliarden Jahre alter Gneis in der arktischen Tundra Kanadas. Er stammt vom ersten Festland, das sich aus den vulkanischen Inseln in einem damals wahrscheinlich sechzig Grad heissen Ozean bildete. Den Stein in die Hand zu nehmen, hatte etwas Schwindelerregendes: Da kommt man aus der eigenen, scheinbar alles bestimmenden Gegenwart und steht plötzlich an einem Ort, der fast so alt ist wie die Entstehung des Sonnensystems und des Mondes.

Gneis gibt es aber auch in den
Alpen.

Es ist erstaunlich: Allein das Bewusstsein, dass dieser graue Felsbrocken da mit seinen weissen Bändern und schwarzen Einsprengseln ein Stück der ersten Erde darstellt, verändert die Wahrnehmung vollkommen. Aus dem scheinbar Gewöhnlichen wird so ein Blick in unheimliche zeitliche Tiefen.

Schon in Ihren früheren Werken erkundeten Sie unkartografierte Flecken. Sind Sie beständig auf der Suche nach dem Anfang?

Die Lektion aller Anfänge ist, dass es solche letztlich nicht gibt, weil sich immer eines aus dem anderen entwickelt. Der eine Anfang, von dem wir glauben, alles ableiten zu können – der Urknall –, bleibt deshalb eine rein theoretische Spekulation. Mich zu fragen, woher Gedichte kommen, war der Versuch, den Beginn der Literatur fassbar zu machen. Den Menschen über die Entstehung der Atome und Minerale, die ersten Mikroben oder dann die Lungenfische zu erklären, war ein weit umfassenderes Anliegen. Beides aber ist von dem Verlangen getragen, sich ein Sachwissen anzueignen, um sich zu fragen, welche menschliche Relevanz es für uns hat, im Hier und Jetzt.

Kann ich für mein Leben Sinn finden, wenn ich weiss, dass dieses oder jenes Tier in mir steckt?

Man gelangt damit zu anderen Definitionen dessen, was den Mensch ausmacht, als zu denjenigen, mit denen wir uns die letzten paar Jahrtausende beholfen haben. Lassen Sie mich ein Beispiel geben: Schwämme sind die ältesten mit uns verwandten vielzelligen Lebewesen. Sie stehen am Ursprung unserer Abstammungslinie. Das heisst, dass das 700 Millionen Jahre alte genetische Programm der Schwämme tief in uns steckt und uns aufbaut. Damit müssen wir den Menschen anders denken – gewissermassen verkehrt herum. Dafür sind Literatur und Kunst da. Sie vermögen so etwas einsichtig und anschaulich zu vermitteln.

Sie zitieren den Physiker Richard Feynman, der sich in den Fünfziger- jahren beklagte, «unsere Dichter» liessen sich nicht von der Wissenschaft inspirieren.

Das trifft im Grossen und Ganzen sicher weiterhin zu. Dennoch gibt es eine lange Tradition wechselseitiger Befruchtung von Literatur und Wissenschaft. Der Astronom Johannes Kepler hat mit der Mondfahrt seines «Somnium» die Science-Fiction-Literatur begründet, die über Jules Verne und H. G. Wells zu uns führt – während umgekehrt etwa Hermann Brochs Roman «Die Unbekannte Grösse» oder Dürrenmatts «Physiker» die Naturwissenschaft zum Protagonisten machte.

Kunst betrifft, wird aber von der Natur bereits hervorgebracht – das legen zumindest die Abbildungen in Ihrem Buch nahe.

In der Natur gibt es keine symbolischen Zeichen, in denen wir uns selber zu entziffern vermöchten. Die Natur verrät auf ihre Weise zwar Konstruktionsprinzipien der Welt – ohne dass wir jedoch in der Lage wären, sie endgültig zu begreifen. Die Fantasie der Natur ist weitaus grösser als unsere.

Beeindruckend, aber auch verstörend ist Ihre erzählerische Umsetzung der wissenschaftlichen Erkenntnisse. Sehen Sie da tatsächlich Verbindungen?

Relevant wird abstraktes Wissen immer nur über seinen Bezug zu uns. Durch die Masken literarischer Figuren zu sprechen, ermöglichte es, einzelne Aspekte der Weltgeschichte darzustellen – um zu zeigen, wie dieses Wissen sich in Menschen verkörpert.

Zum Beispiel?

Die Idee des Urknalls habe ich versucht, über drei Astronomen und ihre Lebensgeschichte vorzuführen. Die Geschichte der Pflanzen mit der Totgeburt eines Kindes in Verbindung zu bringen, erlaubte es, Gegenpole aufzustellen. Der Tod ist stets der grösste Kontrast zum Leben, vor ihm tritt das Leben am klarsten hervor. Und das Leben wiederum zeigt, was uns mit den Pflanzen verbindet, die gemeinhin als wenig lebendig erscheinen. In dieser Gegenüberstellung steckt so viel Trost wie Trotz. Trost, indem man beim Schreiben aufzeigen kann, was uns mit der Welt verbindet, Trotz in der Behauptung des Humanen gegenüber der Gleichgültigkeit der Welt.

Was hat Sie bewogen, für Ihre Darstellung die Form des Epos zu wählen?

Es ist die ideale Mischform: Prosa macht die Welt mittels Geschichten zugänglich, allein die Poesie besitzt jedoch die Kraft, die Entstehung von Atomen, der Erde oder des Lebens anschaulich zu machen. Als offene und zugleich strenge Form zwingt ein Epos dazu, ebenso präzise wie verständlich zu formulieren. So lässt sich das Buch gewissermassen wie 28 poetische Kurzromane lesen.