Diese scharfe Nilpferdpeitsche «Kamtschilama»

«Im Alter von acht Jahren war ich mit allen Bänden durch»: Unser Autor, Ostschweizer in Wien, erinnert sich an seine frühen Karl-May-Lektüren. Und fragt sich, ob Karl May zu den Guten gehört. Andreas Niedermann

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Andreas Niedermann Autor und Verleger (Bild: Quelle)

Andreas Niedermann Autor und Verleger (Bild: Quelle)

Noch heute behaupte ich, dass ich nur lesen gelernt habe, um die Bücher von Karl May zu verschlingen. Vielleicht ist es sogar wahr. Aber möglicherweise auch nur ein Fall von «Autor-Mayismus», eine unheilbare Krankheit, von der Karl May gezeichnet gewesen sein soll: die unlösbare Verschmelzung von Fiktion und Realität.

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Im Alter von acht Jahren war ich mit allen Bänden durch. Einige hatte ich zwei- oder dreimal gelesen. All diese exotischen Ausdrücke: Hatatitla. Iltschi. Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawudh al Gossarah. Kara Ben Nemsi, Skipetaren, Bagdad und Stambul, und dann diese scharfe Nilpferdpeitsche «Kamtschilama», die eigentlich «Sjambok» heisst, ein Instrument, dessen Gebrauch ich immer wieder mal halluziniere. Vor allem, wenn ich an bestimmte Zeitgenossen denke. Nicht sehr demokratisch, ich weiss, aber Hadschi-Halef-mässig korrekt. Und dann natürlich Piaster, Bakschisch, Effendi, Siddhi. Was der Mann alles wusste!

Unsinn. Aber nett

Und was wussten wir Jungleser über ihn? Er war im Gefängnis gewesen. Wegen einer gestohlenen Taschenuhr. Oder so. Kleine Betrügereien, nach denen heute kein Hahn krähen würde, brachten den Sachsen, den musikalisch und dichterisch begabten, für Jahre hinter Gitter. Es kursierte das Gerücht, dass er im Gefängnis zu schreiben begonnen hatte. Ach, was. Unsinn. Aber nett. Der berühmte Schriftsteller als gescheiterter Kleinkrimineller. Das hatte was.

War er denn kein Guter? Kein Edler, wie die Alte Schmetterhand oder gar Winnetou, der langhaarige Hippie-Apachen-Häuptling? Musste man denn selbst kein Guter sein, um die Guten am Ende siegen zu lassen? Offenbar nicht. Eine Figur nach dem wirklichen Ebenbild des Autors hätte in Mays Büchern keinen Platz gefunden. Ein Kleinkrimineller, der entwendete Pelzmäntel im Pfandhaus versetzte? Aber nicht doch. Das Gute war edel und grossherzig. Das Böse gemein und abgründig. Und das Böse starb unter Qualen am Pfahl. Auch nett.

Dann kamen die Winnetou-Filme und machten alles kaputt. Nun war man nicht mehr selber Old Shatterhand, sondern Lex Barker schnappte einem die Rolle weg. Und Winnetou hiess nicht mehr Christian Kunz, sondern Pierre Brice.

Lob der Kleingaunerexistenz

In den siebziger Jahren wurde Karl May schwul. Ein Wiener Intellektueller verpasste mir auf der Fahrt von Athen nach Belgrad eine nächtliche Zusammenfassung von Arno Schmidts Buch «Sitara und der Weg dorthin». Laut Schmidt war May latent homosexuell. Dies soll aus den Schilderungen von Gewehren, Landschaften und sadistischen Gewaltszenen hervorgehen. Meine Güte. Waren wir nicht alle latent homosexuell? Zumindest im letzten Jahrhundert?

Erstaunlich, dieses Interesse der Intellektuellen. Hatten die ein Problem? Dass einer wie May so erfolgreich und berühmt werden konnte? Weltberühmt in Radebeul, wo er mit siebzig Jahren starb.

Manchmal denke ich beim Schreiben an ihn. Ein Kollege, der seine schmähliche Kleingaunerexistenz schreibend überhöhen musste, um dieses wilhelminische Pickelhaubendeutschland zu ertragen. Das erinnert mich etwas.

Seine Bücher möchte ich nicht mehr lesen.

Karl May in der Rolle des Old Shatterhand: ein Fall von Autor-Mayismus – die unlösbare Verschmelzung von Fiktion und Realität. (Bild: Karl May Verlag)

Karl May in der Rolle des Old Shatterhand: ein Fall von Autor-Mayismus – die unlösbare Verschmelzung von Fiktion und Realität. (Bild: Karl May Verlag)