Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Spass beim Lesen.

Diese Premiere in Weinfelden nimmt sich selber auf die Schippe: «Vergessen Sie das. Das gehört nicht zum Stück!»

Ludwig Tiecks «Der Kater» nimmt das Theagovia Theater als Steilvorlage für einen Als-ob-Theaterabend voller Ironie. An der Premiere im Theaterhaus Thurgau in Weinfelden mischt sich falsches Publikum unters echte - das muntere Spiel im Spiel beginnt schon im Foyer.
Bettina Kugler
Ein Als-ob-Theaterabend voller Ironie: Das Theagovia Theater spielt «Der Kater». Thematisch passend wurde dieses Bild von Regisseurin Michaela Bauer extra inszeniert, denn im Stück sieht man sonst nicht alle Spielerinnen und Spieler zugleich auf der Bühne. (Bild: Andrea Stalder)

Ein Als-ob-Theaterabend voller Ironie: Das Theagovia Theater spielt «Der Kater». Thematisch passend wurde dieses Bild von Regisseurin Michaela Bauer extra inszeniert, denn im Stück sieht man sonst nicht alle Spielerinnen und Spieler zugleich auf der Bühne. (Bild: Andrea Stalder)

Viele Frauenhände haben fleissig mitgestrickt an der wollenen Bühnenverkleidung. Und schon im Foyer des Theaterhauses Thurgau in Weinfelden hängen lange bunte Schleifen kreuz und quer, passend zur kühlen Jahreszeit.

Die Versuchung ist gross, die Komödie «Der Kater» für das Weihnachtsmärchen zu halten – auch das passend zur Jahreszeit, und weil das schwarze Samtpfötchen auf dem Flyer Kindheitserinnerungen an den gestiefelten Kater der Brüder Grimm weckt.

Tatsächlich ist der schnurrende, fein gekleidete Hochstapler aus dem Grimm-Märchen auch der Held in Ludwig Tiecks romantischem Bühnenvergnügen. 1844 irritierte «Der gestiefelte Kater» das Premierenpublikum: Die Zuschauer waren mit Figuren, die immer wieder ihre Rollen diskutieren, schlicht überfordert.

Foodwaste, Feminismus, Tierrechte – alles drin

Tiecks Stück wiederum dient der neuen Theagovia-Produktion «Der Kater» als Vorlage, man könnte sagen: als Steilvorlage für einen Als-ob-Theaterabend voller Ironie. Dieser ist so «handglismet» wie die erwähnte Dekoration, mit der Regisseurin und Ausstatterin Michaela Bauer die Konstruktion der beiden Bühnenetagen kaschiert – Eigenbau, «homemade», zudem in zeitgenössischem Gewand, eine heutige Version.

Die «Dichterin» dieses fiktiven Stücks wird es nicht lassen können und wiederholt im Rampenlicht um die Gunst des gespielten (und echten) Publikums buhlen. Sie wird ihren Mut, ihr engagiertes Schreiben beteuern, bei aller Lust an reiner Unterhaltung. Ist denn nicht alles drin, was Theater heute braucht? Foodwaste, Feminismus, Tierrechte? Na bitte.

Trotzdem muss ihr Stück misslingen. Jedenfalls das Stück im Stück – das wollte Tieck schon so. Gespielt wird lustvoll stümperhaft ein bekanntes Zaubermärchen, mit einer Wagenladung voll plüschiger Prunkgewänder, Requisiten und Perücken. Das war schon in der Frühromantik nicht gerade aktuell, weder aufklärerisch noch irgendwie politisch, andererseits aber geradezu revolutionär: Dass sich in einem Drama das Theater selbst auf die Schippe nimmt.

Die ­Kapelle (Gaby Wunderlich, Roy File, Markus Bauer) spielt herzhaft auf in «Der Kater». (Bild: Andrea Stalder)

Die ­Kapelle (Gaby Wunderlich, Roy File, Markus Bauer) spielt herzhaft auf in «Der Kater». (Bild: Andrea Stalder)

In einer Inszenierung mit Laiendarstellern erhält das Spiel im Spiel noch einen weiteren doppelten Boden; man kann sich fragen: Ist das Theäterlen bei Hof und im (gespielten) Publikum gerade echt? Oder machen sich Amateure einen Jux mit der übertriebenen Geste, mit dem Hang zum Pathos, kaum strahlt einem ein Scheinwerfer ins Gesicht?

Der Kritiker hat Zahnschmerzen

Weil es um Sinn und Unsinn des Theaters und seiner Gepflogenheiten geht, beginnt Michaela Bauers Inszenierung schon im Foyer und an der Kasse: Da mischen sich echtes und gespieltes Publikum, das gespielte macht sich wichtig, sucht in den Tiefen der Handtasche nach den Billetten. Das echte muss vorab erfahren, dass Boxchampion «Klaus, die Faust» spontan in der Hauptrolle einspringt, aber wahnsinnig Lampenfieber hat. Warum... nun ja, man wird es sehen.

Auch das gehört zum Stück. Selbst wenn das Gegenteil behauptet wird. Es fehlen weder Dramaturg noch Kritiker (Herr Bratfisch – der aber geht nach der Pause; sein Zahn tut weh), das Publikum meutert, mag der Kater auch noch so virtuos sprechen, blenden, hochstapeln. So sind sie, die Damen: lieber sehen sie Gottlieb, den armen Katerbesitzer, obwohl er doof wie Bohnenstroh ist (das jedoch allerliebst auf die Bühne bringt).

Dazu wird viel Musik gemacht, getanzt, gesungen. Ein 15-köpfiges Ensemble legt sich in wechselnden Rollen ins Zeug; die ­Kapelle (Gaby Wunderlich, Roy File, Markus Bauer) spielt herzhaft dazu, um das (echte) Publikum bei Laune zu halten. Denn manche Szene könnte noch mehr Tempo und mehr Biss vertragen. Herr Bratfisch wird es nicht erfahren. Ein dreifach Hoch auf seine Zahnschmerzen!

Weitere Vorstellungen bis 30.11.2019, Theaterhaus Thurgau, Weinfelden. Infos: www.theagovia.ch

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.