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Ensemble Corund: Diese Musik vertont den Schaffensrausch eines Besessenen

Das Ensemble Corund widmet sich in einer «Phantastischen Nacht» dem Wirken des Schweizer Künstlers Adolf Wölfli. Und findet dabei zu sich selbst. Heute Abend tritt es in der Matthäuskirche auf.
Simon Bordier
Obsessiv: Der Künstler Adolf Wölfli, dem das Ensemble Corund ein Konzert widmet. (Bild: Adolf Wölfli-Stiftung, Kunstmuseum Bern)

Obsessiv: Der Künstler Adolf Wölfli, dem das Ensemble Corund ein Konzert widmet. (Bild: Adolf Wölfli-Stiftung, Kunstmuseum Bern)

Einen ganzen Bleistift pro Tag soll er verbraucht haben: Adolf Wölfli (1864-1930) schrieb und zeichnete in der Irrenanstalt Walden in Bern, wo er einen Grossteil seines Lebens verbrachte, wie ein Besessener. Es sind Schriften und Bilder eines Menschen, der sein Leben als Verdingbub und verurteilter Straftäter hinter sich liess und nur noch der Fantasie vertraute.

Wie zum Beweis kritzelte er nicht nur Tausende Seiten voll, sondern schien sich das Papier mit seiner Fantasiegeschichte, der «Skt. Adolf-Riesen-Schöpfung», regelrecht anzueignen. Man glaubt zu spüren, wie da einer seinen Stift in die Seite hineingrub. Die Farben wirken intensiv wie Tattoos und in ihrer schlingpflanzenartigen Verbreitung gemahnen sie an HR Giger.

An die überbordende Einbildungskraft knüpft auch das Ensemble Corund an. Der Luzerner Profichor hat anlässlich seines 25-jährigen Jubiläums und in Zusammenarbeit mit dem Verein Wölfli&Musik zwei Komponisten beauftragt, das Werk des an Schizophrenie erkrankten Künstlers in Werken für Chor a-cappella zu verarbeiten. Die Stücke werden unter dem Titel «Phantastische Nacht» zusammen mit Musik von Brahms und Mahler präsentiert.

Vokale und Konsonanten driften auseinander

Und der Titel ist nicht zu hoch gegriffen: Das fein abgestimmte Programm, das unlängst in Zürich und Basel präsentiert wurde und heute Abend in Luzern zu hören ist, reisst den Hörer aus der Beobachterposition hinab in einen Strom aus Farben und Formen. Bei der Aufführung am Freitag im Basler Kulturzentrum Gare du Nord war das Erlebnis in dem Stück «Der Engel der Ewigkeit» von Konstantia Gourzi besonders intensiv. Die griechische Dirigentin und Komponistin, die im Sommer 2016 am Lucerne Festival präsent war, lässt in dem siebenteiligen Werk Vokale und Konsonanten auseinanderdriften. Bestimmend ist ein unberechenbar wogender Klang der Männerstimmen, der die Soprane in extrem hohe Lagen reibt. Die stimmliche Anstrengung ist wohl gewollt, bringt sie doch den Ausdrucksdrang Wölflis treffend zum Ausdruck. Das Ensemble Corund unter der Leitung seines Gründers Stephen Smith zieht den Ansatz durch: Die Silben des Wortes «Maria» scheinen auf einem offenen Ozean zu treiben, von Wölflis eigenem Namen bleiben bloss Vokale wie a, e o, i und ü übrig. Am Schluss scheinen die Worte förmlich überhitzt, und das Stück endet mit einem ebenso schlichten wie ergreifenden Ein- und Ausatmen der Sänger.

Imaginäre Seereise mit Tagebuch kombiniert

Auch Howard Arman lässt in «Über Land und Meer» die Silben tanzen. Der frühere Musikdirektor des Luzerner Theaters kombiniert eine imaginäre Seereise Wölflis mit Tagebucheinträgen seines Grossvaters, der Seefahrer bei der britischen Marine war. Die Singstimmen scheinen zunächst unisono zu fliessen, doch es kommt bald zu kleinen, schmerzhaften Verschiebungen. Ein Sänger im Arztkittel ruft zur Ordnung, doch umsonst: Theatralische Echo-Klänge holen ihn aus verschiedenen Richtungen ein.

Mit derselben Intensität präsentieren die 18 Sängerinnen und Sänger zwei «Rückert»-Lieder von Gustav Mahler und Brahms‘ Motette «Warum ist das Licht gegeben dem Mühseligen?». Das Ensemble Corund, das in der Jubiläumssaison mit so unterschiedlichen Orchestern wie dem argovia philharmonic oder dem Musikkollegium Winterthur aufgetreten ist, bildet in diesen A-cappella-Werken quasi sein eigenes Orchester: Die Palette an Klangfarben ist bemerkenswert breit, das Forte sinfonisch-gross, die Leidenschaft ansteckend. Smith strebt keinen verfeinerten Klang an, sondern macht es tatsächlich quasi so wie Wölfli: direkt, ungehemmt, aufschürfend.

«Phantastische Nacht»: Sonntag, 27. Mai, 19 Uhr, Matthäuskirche Luzern.

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