Schweizer Literatur
Basler Jungschriftstellerin steigt mit ihrem Debütroman gleich in die erste Liga auf

Mit ihrem Erzähldébut «Die Aufdrängung» gelingt der Baslerin Ariane Koch der Sprung in den renommierten Suhrkamp Verlag.

Peter Henning
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Theaterautorin und nun auch Romanautorin: die Baslerin Ariane Koch.

Theaterautorin und nun auch Romanautorin: die Baslerin Ariane Koch.

Bild: Heike Steinweg

Es gibt sie glücklicherweise noch, jene Art von eigenständiger deutschsprachiger Gegenwartsliteratur, die nicht jedem gerade angesagten Trend hinterher schreibt, sondern sich selbstbewusst auf ihre eigenen Stärken und Möglichkeiten besinnt. Und wo wäre eine solche Literatur – zumal es sich wie im Fall der 1988 geborenen Baslerin Ariane Koch um ein Début handelt – besser aufgehoben, als in der ruhmreichen Edition des Berliner Suhrkamp Verlages?

So debütierte schon Gion Mathias Cavelty 1997 mit seinem Band «Quifezit oder Eine Reise im Geigenkoffer» ebenso erfolgreich in der «Edition» wie 2002 Lukas Bärfuss mit seiner Novelle «Die toten Männer».Überhaupt fand sich lange das meiste dessen, was an Schweizer Gegenwartsliteratur Bedeutung hat, bei Suhrkamp. Neben prominenten Schweizer Stimmen wie Max Frisch, Paul Nizon, Gertrud Leutenegger, Adolf Muschg oder Peter Bichsel erregten immer wieder Débuts wie jene von Peter Weber Aufsehen. Nun Ariane Koch.

Auf stromlinienförmiges Erzählen pfeift sie

«Die Aufdrängung ist im besten Sinne eigensinnig erzählt», erläutert Suhrkamp-Lektor Jacob Teich:

Ein Roman, dessen Lust am Fabulieren und Fantasieren sofort mitreisst und dessen Szenen wie hervorragend komponierte, groteske Miniaturen erscheinen.

«Es geht darin um das Bekannte und Unbekannte, Herkunft und Heimat, Assimilation und Integration, Privatsphäre und Gastfreundlichkeit. Mit ihrer Offenheit für neue Formen und dem Interesse an aktuellen Beobachtungen ist die Edition Suhrkamp dafür die ideale Reihe.» Tatsächlich pfeift Ariane Koch, die Bildende Kunst und Interdisziplinarität studierte und Hörspiele und Theatertexte schreibt, auf stromlinienförmiges Erzählen.

Vielmehr reiht ihr formal kühnes Début auf engstem Raum schnappschussartige Sequenzen aus dem Alltag einer alleine in einem für sie viel zu grossen Haus am Berg lebenden Frau aneinander, in deren still stehendes Dasein Bewegung kommt, als sie einen Unbekannten bei sich aufnimmt – und es bereits im nächsten Moment bereut. «Ich hatte überhaupt nicht vor, ihn aufzunehmen. Es war nie meine Absicht gewesen, aus meiner Einzigartigkeit eine Zweisamkeit zu machen.»

Die Figuren sind wie zwei argwöhnische Spezies

So umkreisen die beiden einander im Folgenden wie zwei sich argwöhnisch gegenüberstehende Spezies – geleitet von den starren Regeln, an welche die Frau den Aufenthalt ihres Besuchers knüpft. Das Resultat sind Szenen wie aus Pirandellos oder Ionescos «Absurdem Theater» – fremdartig und verzaubernd zugleich. So etwa, wenn die Frau «in der Nacht, als der Gast in seinen albtraumigen Schlaf gefallen ist», den Umfang seines Gebisses misst. Entsprechend bewegen die beiden sich vor der starren Kulisse der namenlosen Kleinstadt samt Berg und Rondellbar wie zwei über eine Eisfläche gleitende Schemen, ohne dass dabei eine erkennbare Nähe zwischen ihnen entstünde.

Ihr gelingen eisig schöne Bilder und Assoziationen

Das erinnert in seiner hermetischen Atmosphäre mal an Kafkas Roman «Das Schloss», in welchem zwischen den einzelnen Figuren eine ähnlich unauflösliche Fremdheit herrscht, mal an Thomas Bernhards frühe, monomanisch in sich kreisende Beschwörungen wie etwa «Das Kalkwerk», in welchen die Sprache der eigentliche Protagonist ist. Darüber gelingen Ariane Koch in ihrer Bizarrerie mitunter eisig schöne Bilder und Assoziationen; so etwa, wenn es über die zwischen den beiden herrschende Atmosphäre heisst: «Die Dinge schwanken wie ein Kleinflugzeug über den sibirischen Wäldern.»

So erweist sich Ariane Kochs Début als in ihrer surrealen Grundstimmung faszinierende Versuchsanordnung, die als Fluchttraum der Erzählerin ausgleitet – und über die Suhrkamp-Lektor Teich abschliessend bemerkt: «Der Sprachfluss erinnert an Peter Handke, das Setting an Michael Endes Lummerland, die Stimmung und Ausstattung an ‹Der Steppenwolf› von Hermann Hesse. All das kommt am Ende zusammen, zu diesem ganz eigenen Ton.»

Ariane Koch: «Die Aufdrängung.» Roman. Suhrkamp, 178 S.

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