«Als Immigrantin war ich immer zwischen zwei Kulturen»: Der neue Film von Lulu Wang ist in den USA bereits ein Grosserfolg

«The Farewell» von Lulu Wang war in den USA ein Grosserfolg. Ob sich der in China wiederholen lässt, wird sich noch zeigen.

Regina Grüter
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Zusammen essen: Billi (Awkwafina, vorne Mitte) mit Eltern und Grosstante, Onkel und Cousin. Wobei die wichtigste Person, Nai Nai, fehlt.

Zusammen essen: Billi (Awkwafina, vorne Mitte) mit Eltern und Grosstante, Onkel und Cousin. Wobei die wichtigste Person, Nai Nai, fehlt.

Bild: Ascot Elite

Weil sie ihre Gefühle nicht im Zaum halten könne, darf Billi (Awkwafina) nicht mit nach China reisen. Eben hat sie erfahren, dass bei ihrer geliebten Nai Nai (Grossmutter) Krebs diagnostiziert wurde. Die Einzige, die davon nichts weiss, ist Nai Nai (Zhao Shuzhen) selber. Die Familie hat beschlossen, die Krankheit vor ihr geheim zu halten. Eine fiktive Hochzeit gibt den Grund vor, warum die Söhne aus den USA und Japan anreisen. Natürlich stösst auch Billi noch dazu. Mit hängenden Schultern: «Wir müssen es ihr sagen. Vielleicht will sie noch Dinge regeln, sich verabschieden.» Mit ihrer Forderung beisst sie auf Granit.

Die Geschichte ist aus dem Leben von Regisseurin und Drehbuchautorin Lulu Wang gegriffen und ereignete sich so oder ähnlich im Jahr 2013. «Als Immigrantin war ich immer zwischen zwei Kulturen», sagt sie. «Ich fragte meine amerikanischen Freunde: Ich bin nicht verrückt, oder? Denn meine Familie stellte mich als die Verrückte hin.» Wang inszeniert diesen höchst emotionalen Abschnitt ihres Lebens als warmherzige Culture-Clash-Tragikomödie.

Enge Beziehung zur Grossmutter

Kulturelle Eigenheiten und Rituale werden ironisch über- höht. Böse ist das nie. Das dezente und ergreifende musikalische Leitmotiv aus Gesang und Streichern betont die zu Grunde liegende Tragik, und das glänzende Ensemble ist mit grösster Empathie am Werk. Einzig am Schluss grenzt das hohe Mass an Emotion an Kitsch. Irgendwie auch verständlich. Aber das ist etwas, worüber wir hier schweigen müssen. Es geht Lulu Wang nicht darum, darüber zu urteilen, welcher Weg der richtige ist. «The Farewell» ist ein Film über familiären Zusammenhalt. Und darüber, dass sich diese Liebe kulturell unterschiedlich ausdrücken kann.

Awkwafina spielt ihr Alter Ego Billi. Sie machte sich einen Namen als Rapperin, bis ihre Filmkarriere im Sommer 2018 mit Rollen in «Ocean’s 8» und «Crazy Rich Asians» so richtig Fahrt aufnahm. In «The Farewell» spielt sie ihren ersten dramatischen Part und konnte dabei auf eigene Erfahrungen zurückgreifen. Sie hat früh ihre Mutter verloren und wurde von ihrer Grossmutter grossgezogen: «Kein anderes Familienmitglied kann dir dieses Gefühl von Liebe und Hoffnung vermitteln.»

In China hofft man auf viele Preise

Seit der Weltpremiere diesen Januar am Sundance Filmfestival mauserte sich «The Farewell» in den USA zum Überraschungshit: 17,7 Millionen von insgesamt bislang 19,6 Millionen Dollar spielte die amerikanisch-chinesische Koproduktion dort ein.

In China sollte «The Farewell» Ende November starten, zeitgleich mit «Frozen 2», der Release wurde aber bis auf weiteres aufgeschoben. Die chinesischen Verleiher wollten den Schub, der die nahende Hollywood-Award-Season dem Film nochmals geben könnte, für sich nutzen, schrieb das US-Branchenblatt «Variety» am 20. November. Sie zeigten sich anfänglich nur mässig begeistert und schoben den Film unter sich hin und her: Für ein chinesisches Publikum könne der Inhalt nicht gerade mit einem grossen Neuigkeitswert aufwarten. Am 22. November lief er dann doch an, aber nur in limitierter Auflage. Mal sehen, was das Unternehmen Maoyan, Ticketing-Agentur und Distributor mit ausgedehntem Werbebudget, damit noch vorhat.

In zwei Kategorien jedenfalls ist die Tragikomödie für einen Golden Globe nominiert: als bester fremdsprachiger Film und Awkwafina als beste Darstellerin in einer Komödie/einem Musical. Insgesamt sind es bisher 18 Preise und 87 Nominierungen – viele davon noch ausstehend, einige kommen im neuen Jahr sicher noch dazu. Doch die Konkurrenz ist gross. Bei den Golden Globes oder gar den Oscars werden sich Lulu Wang, Awkwafina und Zhao Shuzhen wohl kaum durchsetzen können.

«The Farewell» (USA/China 2019, 100 Min.) Regie: Lulu Wang. Jetzt im Kino.

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