Interview

«Diese Erfahrung, hier jetzt festzustecken, hat mich tief getroffen»: St.Galler Künstlerin Lika Nüssli bleibt trotz Corona in Belgrad

Die St.Galler Künstlerin Lika Nüssli verbringt trotz Ausgangssperre ihr Atelierstipendium in der serbischen Hauptstadt. Sie sei dort nicht nur extrem produktiv, sondern entdecke auch Schönes in der Krise.

Julia Nehmiz
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Lika Nüssli zu Beginn ihres Stipendiums bei der Arbeit in ihrem Belgrader Atelier.

Lika Nüssli zu Beginn ihres Stipendiums bei der Arbeit in ihrem Belgrader Atelier.

Bild: Daniel Sutter

Seit Anfang Februar ist die St.Galler Künstlerin Lika Nüssli in der serbischen Hauptstadt Belgrad. Sie wurde für den Atelieraufenthalt der Kulturstiftung Thurgau ausgewählt. Kaum hatte sie ihr sechsmonatiges Kunststipendium dort begonnen, legte Corona das öffentliche Leben komplett lahm. Nüssli blieb trotzdem.

Aus aller Welt werden gestrandete Schweizerinnen und Schweizer heimgeflogen, Sie bleiben in Belgrad. Warum?

Lika Nüssli: Ich hätte ja nicht mehr hierher zurückkommen können, die Grenzen sind immer noch zu. Ich hätte hier alles abbrechen müssen, dabei hatte ich mich gerade eingelebt, war in einen Schaffensmodus gekommen. Das wäre daheim verflogen.

Hat niemand von Bund, Botschaft oder Kanton gesagt: Komm zurück?

Nein. Aber als in den Nachrichten kam, dass alle Schweizer sich nach Hause begeben sollten, bin ich ein bisschen nervös geworden. Ich wusste nicht, ob es illegal ist, wenn ich bleibe. Und mir wurde klar: Ich kann nicht einfach mal heim. Diese Erfahrung, hier jetzt festzustecken, hat mich tief getroffen.

Wie ist die Situation aktuell für Sie in Belgrad?

Der prägendste Aspekt ist, einen autoritären Staat zu erleben. Wir haben Ausgangssperre, am Wochenende darf man gar nicht raus: Von Freitag 17 Uhr bis Montag 5 Uhr muss man zu Hause bleiben. Unter der Woche darf man von 5 bis 17 Uhr zur Arbeit gehen oder einkaufen, um 17 Uhr muss man aber wieder daheim sein. Dieses repressive System zu erleben, das fährt schon ein. Ich empfinde es als existenzieller, die Krise hier zu erleben. Zum Beispiel kann man im Supermarkt kaum Gemüse kaufen, da es in jedem Quartier fantastische Gemüsemärkte gibt. Und die wurden mit der Zeit geschlossen, ziemlich schlimm für jemanden, der vegan isst. Irgendwann auf meinen wöchentlichen Streifzügen habe ich auf einem Parkplatz Marktfrauen gefunden, die ihre Waren anbieten. Und es ist auch wichtig, immer einen Wasservorrat zu Hause zu haben, zum Trinken und um das Nötigste zu waschen. Weil manchmal gibt es plötzlich kein fliessend Wasser mehr – das können wir uns ja in der Schweiz kaum vorstellen.

Erleben Sie auch Schönes in der Krise?

Jeden Abend um acht wird aus den Fenstern, von den Balkonen geklatscht für die Ärztinnen und Pfleger. Ab fünf nach acht übernimmt die Opposition, alle machen riesigen Lärm auf Pfannen, Töpfen, mit Pfeifen gegen das System. Diese Aufbruchstimmung zu spüren, ist toll. Durch die Sperre sind keine Demonstrationen mehr möglich, Wahlen wurden verschoben.

Noch vor der Ausgangssperre: Lika Nüssli fischt Müll aus der Sava in Belgrad und benutzt ihn für ein Kunstwerk. Das Projekt haben zwei Studentinnen mit der Kamera dokumentiert.

Noch vor der Ausgangssperre: Lika Nüssli fischt Müll aus der Sava in Belgrad und benutzt ihn für ein Kunstwerk. Das Projekt haben zwei Studentinnen mit der Kamera dokumentiert.

Bild: Tamara Milosevic/Hana Piscevic

Wie informieren Sie sich über die Situation vor Ort?

Ich habe leider nur ein bisschen Alltags-Serbisch gelernt, das reicht nicht für eine wirkliche Kommunikation. Aber ein unabhängiges Nachrichtenportal veröffentlicht gekürzte Beiträge auf Englisch.

Sieben Wochen Ausgangssperre, das macht einsam.

Ja, seit sieben Wochen bin ich immer allein. Ich skype ab und zu mit meiner Tochter, meiner Schwester und mit meinem Freund in St.Gallen. Zum Glück waren die ersten sechs Wochen, die ich hier verbrachte, noch normal. Da habe ich eine gute Freundin kennen gelernt, wir chatten jeden Tag. Es ist schön zu wissen, dass es auch hier jemanden gibt, der sich um einen sorgt. Was jetzt leider wegfällt oder nur bedingt geht: Ich hätte gerne die hiesige Kulturszene erkundet, es gibt eine aktive Subkultur.

Was macht das dauernde Alleinsein mit einem?

Einsamkeit bin ich gewöhnt, schon als Kind, und als Künstlerin sowieso. Aber so gar niemanden zu haben, wie jetzt hier, da bin ich schon an einen depressiven Punkt gekommen. Ich habe mich dann voll ins Schaffen gestürzt und neue Objekte, Bilder und Performances entwickelt. Das gibt Befriedigung, Glück. Das ist nahrhaft für meine Seele, und das macht die Zeit hier zu einem Geschenk. Ich habe ja nur meine Arbeit, alle Gefühle fliessen da hinein.

Das heisst, das Stipendium lohnt sich für Sie?

Auf jeden Fall. Ich arbeite viel, bin sehr produktiv. Alle Arbeiten haben total viel mit dem zu tun, was ich hier erlebe. Das Atelier ist ein lässiger Ort, auch wenn ich zuletzt nicht mehr hingegangen bin wegen der Ausgangssperre. Aber ich habe hier eine tolle Wohnung mit Balkon, mitten im Zentrum, hier kann ich gut arbeiten.

Lika Nüssli im Postauto: Zufall, Sonne, Regen, Kunst

Ihr Atelier: ein umgebautes Postauto. Die St. Galler Künstlerin Lika Nüssli tourt damit zwei Wochen durch die Schweiz. Der Auftakt in St. Gallen war zuerst beschaulich. Dann brach ein Gewitter über der Künstlerin herein.
Julia Nehmiz