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Die zupackende Melancholikerin

Khatia Buniatishvili spielt gern Chopin. In dessen tiefgründiger Leichtigkeit spiegelt sich ihre Seele. In wenigen Jahren hat sich die junge Frau aus Georgien einen Platz in der Spitzengruppe einer neuen Pianistengeneration erspielt.
Rolf App
Pendelt gerade zwischen Rheinfelden, Paris und Bejing: Khatia Buniatishvili, junge Pianistin aus Georgien. (Bild: Esther Haase)

Pendelt gerade zwischen Rheinfelden, Paris und Bejing: Khatia Buniatishvili, junge Pianistin aus Georgien. (Bild: Esther Haase)

Khatia Buniatishvili hat ihre Schwester mitgebracht zum Interview. Gvantsa ist ein Jahr älter, hat ein schmaleres Gesicht, aber die Ähnlichkeit fällt ins Auge. Ob sie sich auch musikalisch gleichen? Immerhin sind beide Pianistinnen geworden. «Nein», sagt Khatia Buniatishvili. «Gvantsa ist Erde, ich bin Luft. Aber wir spüren einander.»

Luft und Erde am Klavier

Am Abend zuvor sind sie in Rheinfelden aufgetreten. Khatia sagt: «Ich spiele mit einigen anderen Musikern zusammen, aber mit Gvantsa fühlt es sich so ausserordentlich organisch an. Wir spielen immer interessantere Programme. Und weil sie Erde ist, kann ich mich auf dieser Grundlage entfalten.»

Auf YouTube ist das enge musikalische Zusammenspiel dokumentiert. Wenn Khatia und Gvantsa Buniatishvili Astor Piazzollas «Libertango» interpretieren, dann springt der Rhythmus, dann springt der Schwung von einer zur andern. Dann wird auch möglich, wovor viele Pianisten zurückschrecken: Dass sie improvisieren. «Wenn wir zusammen am Klavier sitzen, verändern wir vieles. Denn beide sind wir ziemlich spontan», erzählt Khatia Buniatishvili. «Dabei geht aber nie die Balance verloren.»

Den eigenen Ausdruck finden

Wieder benutzt sie ein Bild, um die Einheit im Gegensätzlichen zu beschreiben: «Mal ist Gvantsa der Schatten und ich das Licht, mal ist es umgekehrt. Vielleicht klappt das so gut, weil wir Schwestern sind.» Trotzdem verfolgen sie beide getrennt ihre Karrieren, und man darf Khatia, die jüngere, die diesen Juni ihren 29. Geburtstag feiert, mittlerweile zur Spitzengruppe einer kommenden Pianistengeneration zählen – selbst wenn solche Rangierungen ihre Problematik haben. Weil ja die besondere Leistung einer Künstlerin in ihrer Unverwechselbarkeit liegt. Gut spielen können viele. Aber so spielen, dass man sie nicht mehr vergisst, das schaffen nur die besonderen Begabungen.

Khatia Buniatishvili ist ebenso ehrgeizig wie fleissig. Sie hört auf ihre innere Stimme. Wenn sie ein neues Stück erarbeite, studiere sie zuerst den Notentext, erzählt sie. Die Aufnahmen anderer Pianisten hört sie sich nicht an. Denn: «Ich will meinen eigenen Ausdruck finden.» So spürt man bei aller Unbekümmertheit, die sie im Gespräch ausstrahlt, die Kraft und Energie, die sie in ihre Kunst investiert.

Warum das Klavier?

1987 in Tiflis geboren, hat Khatia Buniatishvili schon früh die Liebe zum Klavier erfasst. «Die Georgier sind ein sehr warmherziges Volk», erzählt sie, «und sie singen bei jeder sich bietenden Gelegenheit.» Trotzdem ist sie nicht Sängerin geworden, sondern Pianistin. «Ich brauchte ein Instrument, das dem Orchester möglichst nah kommt, denn ich will so vieles ausdrücken können.» All dies unterstreicht sie mit lebhaften Bewegungen ihrer Hände, man spürt das südländische Temperament, das ihr und ihrem Volk eigen ist.

Mit einer Liszt-CD (siehe Kasten) hat nach dem Studium bei Oleg Maisenberg in Wien die Karriere begonnen. 2012 hat Khatia Buniatishvili dafür gleich den Echo-Klassik-Preis in der Sparte «Nachwuchskünstlerin» bekommen. Chopin ist gefolgt, ein Komponist, über den sie mit grosser Liebe spricht. «Chopin hatte es nie leicht», sagt sie, «im Leben nicht und in der Liebe nicht. Das hört man in seiner Musik.»

Inmitten von Schmetterlingen

«Motherland» war 2014 dann die dritte CD überschrieben, die der Mutter Natalie Buniatishvili gewidmet war. Ihr Cover zeigt eine träumende Interpretin, umgeben von Schmetterlingen und Blumen. Aus tiefem Schwarz tritt sie uns bei «Kaleidoscope» entgegen, der neuesten, Anfang Februar erschienenen CD. Auf dieser CD folgen dem Klavierzyklus «Bilder einer Ausstellung» von Modest Mussorgsky drei Stücke aus Igor Strawinskys «Petruschka». Im einen wie im andern manifestieren sich unterschiedliche Seiten ihres künstlerischen Temperaments. «Bilder einer Ausstellung» besticht vorab durch jene poetischen Zwischenstücke, die Mussorgsky «Promenade» nennt, und in denen ein Grundthema in immer neuen Schattierungen erscheint.

Mussorgsky vermag zwar auch geradezu orchestral zu glänzen – Maurice Ravel hat denn auch eine oft gespielte Orchesterfassung geschaffen. Aber im Zentrum stehen doch Stücke voller untergründiger Traurigkeit, die Khatia Buniatishvili mit leichter, aber sehr klar zeichnender Hand vorüberziehen lässt. «Das alte Schloss» zum Beispiel mit sanft pochendem Bass und einer darüber gelegten, umschatteten Melodie.

Die Liebe zu Chopin

Es sind Stimmungen, die sie gut nachvollziehen kann. Auf die Frage, ob sie nicht oft einsam sei auf ihren vielen Reisen, antwortet sie: «Sind wir nicht immer allein in unserem Leben?» Deshalb die Liebe zu Chopin, oder auch zu Robert Schumann, diesem Hin- und Hergerissenen. Deshalb auch die Meisterschaft, zu der sie gerade im Falle Chopins findet, den sie wunderbar leicht spielt, nach innen gekehrt und mit stets spürbarer, untergründiger Melancholie.

Es ist auch keineswegs Zufall, dass sie die ihm gewidmete CD nicht mit dem Klavierkonzert No. 2 f-Moll beendet, sondern mit der ungleich intimeren Mazurka a-Moll op. 17/4 ausklingen lässt. Ans Ende von «Motherland» stellt sie Georg Friedrich Händels filigranes Menuett in g-Moll (für Klavier arrangiert von Wilhelm Kempff) und «Für Alina» von Arvo Pärt, ein Stück voller intensiver Stille, die sich zwischen glockenähnlichen Akkorden ausbreitet. «Die Stille ist ganz wichtig», sagt Khatia Buniatishvili. «Musik entsteht aus der Stille, und die Stille klingt in der Musik mit.»

Die temperamentvolle Seite

Man spürt, dass man da an eine wichtige Seite ihres Wesens rührt. Aber es gibt noch eine ganz andere: Die temperamentvolle, lebenslustige Khatia Buniatishvili, die sich zum Beispiel in Strawinskys «Petruschka» austobt. Diese Khatia Buniatishvili geniesst ihr betriebsames Leben. Angesprochen auf all die Orte, in denen sie nur schon im März auftreten wird – von Rheinfelden geht es nach Wien, dann nach Paris, Peking, Taiwan, Shanghai, Sevilla –, sagt sie überaus munter: «Nein, das wird mir nicht zu viel. Ich habe so viel Energie, ich muss irgendwo hin damit.»

So viel Energie, und so viel Phantasie. Deshalb ist sie auch eine leidenschaftliche Leserin. Früh hat sie Tschechow verschlungen, hat Dostojewski gelesen. Jetzt gerade vertieft sie sich in Mo Yans «Der Berg der Seele», auch um etwas über China zu erfahren. «Mir ist dieses eine Leben nicht genug», sagt sie, «und in den Büchern kann ich in andere Leben schlüpfen.»

«Ich telefoniere viel»

Und sollte Khatia Buniatishvili sich wirklich einmal einsam fühlen auf ihren Konzertreisen, dann gibt es da noch die Familie. Die Schwester, die Eltern, die in Georgien wohnen, sie aber oft in Paris besuchen, und Freunde, an denen sie hängt. «Wenn ich unterwegs bin, telefoniere ich viel», sagt sie. «Manchmal stundenlang.»

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