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Ein Roman für die zornige Sehnsucht der Exilpolen in Berlin

Matthias Nawrat lässt den Erzähler seines neuen Romans durch Berlin flanieren und entdeckt lauter Gescheiterte. «Der traurige Gast» ist erschütternd und tragikomisch.
Hansruedi Kugler
Matthias Nawrat (Bild: Getty)

Matthias Nawrat (Bild: Getty)

Das Scheitern, das Exil, die Sehnsucht, die Albträume, die verlorene Liebe, der Hass, die eigene Schlechtigkeit: Wie soll man solche Lebenstragödien aushalten? «Wir plaudern ein bisschen, was soll man sonst machen.» Das sagt der verwahrloste polnische Schauspieler Eli, eine der vier Haupt­figuren, die dem ziellos durch Berlin flanierenden Erzähler in Matthias Nawrats neuem Roman ihr Leben berichten – in atemlosen Monologen. In diesem nur scheinbar banalen Satz über das Plaudern steckt sowohl die ganze Resignation von Elis Leben wie die Tragödie der Literatur überhaupt: Erzählen als trostloser Trost, als Beschwörung und Bewahrung der Herkunft – in der Form der Wutrede, Trauerrede, Ausrede. Man wird diesen Roman melancholisch gestimmt zu Ende lesen, aber reich gefüllt mit intensiven Lebensgeschichten. Und man kann einen Autor bewundern, der das Erzählen mal heiter, mal dunkel reflektiert.

Ein Meister grotesker Komik

Der 39-jährige Matthias Nawrat, in Polen geboren und seit seinem zehnten Lebensjahr in Deutschland lebend, hat Biologie und Literarisches Schreiben studiert. Er ist schon jetzt ein grosser Autor. Einer, der die Nazi- und Kommunismusvergangenheit in seinem Heimatland mit Wucht, aber auch mit erzählerischer Leichtigkeit in die Seelenlandschaften seiner heutigen Figuren, die allesamt im Westen leben, einschreibt. Sein letzter Roman «Die vielen Tode unseres Opas Jurek» war ein Schelmenroman: Jurek gerät alle paar Jahre unter die Räder der wechselnden Ideologien und der heissen und kalten Kriege des vergangenen Jahrhunderts. Nawrat meisterte diesen Riesenstoff mit hinreissend grotesker Komik.

Mit vagem Unbehagen vor Nostalgie und grosser Wut

Der Erzähler im neuen Roman «Der traurige Gast» ist ein knapp 40-jähriger, farbloser und untätiger polnischer Schriftsteller, der im Berliner Exil lebt. Ein höflicher Zuhörer. Ihn begleitet ein vages Unbehagen vor Nostalgie, allzu grossem Zorn und Aufdringlichkeit – dem Leser ist diese Gefühlslage als Schutz vor Zumutungen vertraut. Die Zufallsbekannten des Erzählers sind resignierte, aber auf anrührend tragikomische Weise sympathische Exilanten aus Polen und Rumänien. In kurzen Episoden kontrastiert Matthias Nawrat dieses Erzähler-Leichtgewicht mit der Schwermut seiner Bekanntschaften.

Erinnerung vor Gurkengläsern

Es sind allesamt Menschen, die von ihrer Herkunft geflüchtet sind, aber in der Fremde von dieser nicht loskommen. Da ist die alte Architektin Dorata, die aus Opole, derselben Stadt wie der Erzähler (und Nawrat selbst) stammt und sich in ihrer Berliner Wohnung verschanzt hat. Ihre Wutrede über die verlorene ­Geschichte der Juden und den ekelhaften Kommunismus ist ­beklemmend. Eine verkniffen-gescheitere Existenz ist der Molekularbiologe Karsten, der am Sinn seiner Proteinsynthese zweifelt. Schliesslich der verwahrloste Schauspieler Eli und der hinkende Chirurg Dariusz, der im Tankstellenshop seine Seelenruhe sucht – beide aus dem Osten nach Berlin geflüchtet, aus Leichtsinn oder Sehnsucht nach Freiheit. Erinnerung und Gegenwart überlagern sich auch beim Erzähler. Vor den Gurkengläsern im polnischen Lebensmittelladen in Berlin sieht er sich plötzlich mit seinen Jugendfreunden durch seine alte Siedlung in Opole streifen: «Die Zeit, so dachte ich in diesem Augenblick, ist zirkulär, faltet sich.» Ein grosser, traurig-komischer Roman.

Matthias Nawrat: Der traurige Gast, Roman. Rowohlt, 304 S., Fr. 34.–

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