Die zentrale Frage bleibt unbeantwortet

Ein entgrenztes Medium in grenzenloser Präsentation: Im Fotomuseum Winterthur wird unter dem Titel «Situations» ein neues Ausstellungsformat erprobt. Das Publikum kann zwischen virtuellen und realen Räumen beliebig pendeln.

Christina Peege
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Aus der Serie «Stranger Visions» von Heather Dewe-Hagborg. (Bild: Heather Dewe-Hagborg)

Aus der Serie «Stranger Visions» von Heather Dewe-Hagborg. (Bild: Heather Dewe-Hagborg)

WINTERTHUR. Es ist ein Experiment mit etwas komplizierter Versuchsanlage, offenem Ausgang und unbefristetem Rahmen: Mit «Situations» wird im Fotomuseum an einem dynamischen Ausstellungsformat getüftelt, das über die realen Museumsräume hinaus in den virtuellen Raum wächst. Denn Fotografie, so der Co-Kurator Duncan Forbes, sei inzwischen ein Medium, «in dem herkömmliche Abgrenzungen nicht mehr gültig sind. Fast alles ist irgendwie Fotografie; vor allem sind Bilder im Alltag eines jeden omnipräsent, online und offline.» Das Museum will auf laufende Trends der Bilderproduktion nicht nur reagieren, sondern sie mitgestalten. Was aus der Fotografie in Zukunft wird, ist die zentrale Fragestellung.

Genprofil aus dem 3D-Printer

Vorgeführt wird die Bildproduktion einerseits physisch im Museum durch sechs sogenannte «Situations» von Kunstschaffenden, die zwar Fotografisches schaffen, deren Arbeiten aber Fotografie im herkömmlichen Sinn weit hinter sich lassen. Es sind 3D-Drucke, bewegte Bilder, Abbilder von Körperabformungen oder eine wenige Stunden dauernde Arbeit – beispielsweise wenn der Magnum-Fotograf Alec Soth an einem Abend sein Songbook signiert. Die spannendste «Situation» liefert Heather Dewe-Hagborg, die mit ihrer Arbeit auch gesellschaftliche Fragen aufwirft. Sie sammelt in ihrer Umgebung Genmaterial von ihr völlig unbekannten Menschen und konstruiert daraus ein wahrscheinliches Gesicht. Dieses Genprofil jagt sie durch einen 3D-Printer. Vor den ausgedruckt ausgestellten Hybrid-Köpfen stellt man sich die Frage, ob man nicht sofort das Recht auf biologische Privatsphäre stellen soll.

Im Labyrinth der Vernetzung

Der reale Ausstellungsraum kann durch ein fest installiertes Tablet verlassen werden; wer eins hat, kann auch sein Smartphone benutzen. Den WLAN-Anschluss erhält man kostenlos, und im Handumdrehen hat man situations.fotomuseum.ch aufgerufen. Unversehens steht man im virtuellen Ausstellungsraum, der die gezeigten Arbeiten inhaltlich erweitern will. Das Publikum findet sich in der Situation, dass es im Museum auf einen Bildschirm starrt und drüberwischt.

Im virtuellen Raum findet man die «Situations» mit Texten beschrieben und mit Tags, also Etiketten versehen, die es erlauben sollen, selber Kurator zu spielen und die «Situations» anhand der Tags für sich zu arrangieren. Dies ist irgendwo in der Welt möglich, die Arbeiten mutieren zu globalen Spielbällen, das Publikum zum Global Player, das sich ausserdem über Links auf den Homepages der Kunstschaffenden tummeln kann.

Klickt man die Tags an, wird einfach auf die anderen Künstler des realen Ausstellungsraums verwiesen. So dreht sich das Publikum immer schneller auf zappelig gestalteten Benutzeroberflächen im Kreis. Oder es taucht über die Links ins ganz normale Internet ab. Die Kunst mutiert zum sekundengetakteten Info-Häppchen, das man beliebig wegwischt oder heran- zoomt. Während dieser Pendlerei zwischen virtuellen und realen Räumen droht man vollends in die Irre zu gehen. Die vernetzte Präsentation ist für Besucher mit Erkenntnisinteresse und Vertiefungsbedürfnis unbefriedigend. Die Frage, wohin die Fotografie driftet, bleibt unbeantwortet.

25 «Situations» will Forbes übers Jahr inszenieren. Mit den aktuellen sechs hat man die Versuchsanordnung aber gesehen.