Die Zeit umkreist alles

Das Theater Konstanz zeigt «Faust II» in einer Inszenierung von Johanna Wehner. Es ist eine stimmige Weiterführung des ersten Teils von Goethes Weltdichtung, der vor einem halben Jahr auf der Konstanzer Bühne zu sehen war.

Brigitte Elsner-Heller
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Farbige Inszenierung, vorzügliches Ensemble: Natalie Hünig, Julian Härtner, Peter Posniak, Johanna Link und Ingo Biermann in «Faust II». (Bild: Theater Konstanz/Ilja Mess)

Farbige Inszenierung, vorzügliches Ensemble: Natalie Hünig, Julian Härtner, Peter Posniak, Johanna Link und Ingo Biermann in «Faust II». (Bild: Theater Konstanz/Ilja Mess)

KONSTANZ. Sie nahen sich wieder, die schwankenden Gestalten, so, wie sie sich dem älteren Herrn von Goethe noch einmal genähert haben mögen – sollten sie ihn je verlassen haben. Faust, der die Konstanzer Bühne bereits vor einem halben Jahr besetzt hielt, ist zurück. Ein Mann, der alles vergessen hat und dennoch ein ungutes Gefühl mit sich trägt: «Ich harre, mich umkreist die Zeit», lässt Regisseurin Johanna Wehner den erweckten Faust sagen, den Ingo Biermann gibt.

Bei Goethe findet sich der Satz in der «Klassischen Walpurgisnacht», der Abhandlung des klassischen kulturellen Erbes, und es ist nicht Faust, der ihn sagt. Dennoch trifft es sich gut, dass die Rollen ähnlich wie in «Faust I» (ebenfalls in der Regie Johanna Wehners) verschwimmen. Schliesslich geht jeden alles an.

Geschichte weiter geschrieben

Im zweiten Teil seiner Tragödie, erst nach seinem Tod veröffentlicht, folgt Goethe im wesentlichen Überlegungen zur Menschheitsgeschichte. Die Regisseurin greift heraus, was sie in der Gegenwart wieder entdeckt: Sie zitiert die Antike und ergänzt, was sich original am Kaiserhof abspielt, um die Auswirkungen von Kapitalismus und Globalisierung. Plastikmüll wird über die Bühne geblasen, wo es eben noch Geldscheine geregnet hatte.

Von der Herangehensweise her schreibt Johanna Wehner ihre Faust-Geschichte einfach weiter. Wieder wird eine schiefe Ebene, durch gerüstartige Netzwerke gegliedert, die Grundbedingung aller möglichen Bewegungen (Bühne: Elisabeth Vogetseder). Dazu hat Miriam Draxl erneut Kostüme entworfen, die zusätzlich Farbe in die Inszenierung bringen.

Die Schauspieler, die man bereits bei «Faust I» auf der Bühne sah, sind auch jetzt diejenigen, die das Netzwerk aus Goethe-Text und Ausstattung zu einer Einheit verschmelzen lassen. Während im ersten Teil Ingo Biermann durchgehend als Faust auftrat, dem das Dreigespann Natalie Hünig, Andreas Haase und Peter Posniak als Mephisto gegenüberstand, sind Figuren und Text jetzt noch weiter aufgebrochen. Dem Gesamteindruck tut das gut, denn die Fülle von Figuren und Handlungsfragmenten wäre ohnehin nicht auf die Bühne zu bringen.

Johanna Wehner wählt eine moderne Form, indem sie die Geschichte nicht linear erzählt, sondern Erzählstränge locker aufgreift. Dieses Mal weniger ausufernd als im ersten Teil. Man sollte und kann sich dadurch die Freiheit nehmen, einfach hinzuschauen und die Dinge auf sich zukommen zu lassen.

Vorzügliches Ensemble

Das funktioniert freilich nur, weil sich Johanna Wehner auf ein vorzügliches Ensemble verlassen kann. Mit grosser Sicherheit wechseln alle Schauspielerinnen und Schauspieler zwischen klassischen Goethe-Sätzen und heutigen Kommunikationsstrukturen. Johanna Link, im ersten Teil das Gretchen, wird dabei zur Helena, angesichts deren Schönheit Fausts Drang nach dem Weibe wieder hervorbricht. Hier ist Ingo Biermann wieder ganz Faust, dem ein weibliches Pendant gegenübergestellt wird. Interessant, wie sich die übrigen Darstellenden abwechseln: Natalie Hünig, Andreas Haase, Julian Härtner und Peter Posniak treten in unterschiedlichen Rollen aus dem immer wieder chorisch agierenden Ensemble heraus – und auch Mephisto scheint längst in allem, was sich in diesem menschlichen Dasein abspielt, aufgegangen zu sein. Grosse Leistung der Schauspieler.

«Faust»-Marathon im Juni

Der Applaus für die Premiere fiel freilich eher verhalten aus. Gelegen haben dürfte dies an der Erzählform, die für manche gewöhnungsbedürftig gewesen sein mag.

Den Marathon wagt das Theater übrigens im Juni: Am 3., 4. und 11. Juni 2016 werden jeweils beide Teile der Tragödie nacheinander gespielt.

www.theaterkonstanz.de