Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vier Ostschweizer Künstler stellen im Bergell aus

Die St. Galler Kuratorin Céline Gaillard lud zum wiederholten Mal Ostschweizer Künstler ins Bergell ein, diesmal nach Castasegna. Dort sind ortsspezifische Kunstwerke entstanden, die sich mit der reichen Geschichte des Grenzdorfes auseinandersetzen.
Christina Genova
Karin K. Bühler versah einen leer stehenden Laden mit einer Installation aus Spiegelglas.

Karin K. Bühler versah einen leer stehenden Laden mit einer
Installation aus Spiegelglas.

Die Schrift «Negozio» an der Fassade ist verblasst. Die Zeiten, als der Laden am Eingang des Bergeller Bergdorfs Castasegna florierte, sind lange vorbei. 1992 wurde er geschlossen, Karin Karinna Bühler hat ihn wiederentdeckt: «Der Laden war wie im Dornröschenschlaf. Er ist eine Zeitkapsel», erzählt die Trogner Künstlerin. Im Rahmen des Kunstprojekts Arte Castasegna verhalf Bühler dem Verkaufslokal zu neuem Leben. Mitten in die Ladeneinrichtung aus den 1950er-Jahren hat die Künstlerin eine Installation platziert. Buchstaben aus Spiegelblech fügen sich zum Wort «Cambio», darin spiegelt sich die abblätternde Deckenfarbe.

Sie schmuggelten Kaffee und Zigaretten

«Cambio» heisst Wandel, Wechsel auf Italienisch, der Amtssprache im Bergell. Ein Hinweis auf die wechselvolle Geschichte dieses Ortes hart an der Grenze zu Italien. Die grosse Blüte der Geschäfte von Castasegna war die Zeit des Zweiten Weltkriegs bis zur Freigabe des Wechselkurses der italienischen Lira 1973. In der Folge verlor sie massiv an Wert, der blühende Grenzverkehr brach ein, ebenso der Schmuggel von Kaffee und Zigaretten nach Italien. Viele Geschäfte wurden geschlossen.

«Die Zeit hat hier einen anderen Takt. Das ist im ganzen Tal so.»

Seit einigen Jahren sind das Bergell und die Ostschweiz näher aneinandergerückt. 2010 begann der Churer Galerist Luciano Fasciati die abgelegene Region mit Kunst zu beleben: das Hotel Bregaglia, den Palazzo Castelmur und letztes Jahr die Region Albi­gna. Von Anfang an dabei war Céline Gaillard. Die Kuratorin am Kunstmuseum St. Gallen lud immer auch Künstler aus der Ostschweiz ein.«Castasegna ist die Peripherie der Peripherie. Die Zeit hat hier einen anderen Takt. Das ist im ganzen Tal so», sagt Céline Gaillard.

Michael Günzburger befestigte «Vermicelles» an einer Felsnase im nahen Italien.

Michael Günzburger befestigte «Vermicelles» an einer Felsnase im nahen Italien.

176 Einwohner hat das beschauliche Grenzdorf, das grösser und weltläufiger wirkt. Wohl weil das Bergell nicht immer abgelegene Randregion war, sondern einst eine wichtige Verbindung nach Italien darstellte. Bergeller Auswanderer entflohen der Armut und kamen als Zuckerbäcker in ganz Europa zu Wohlstand.

Daran erinnert die Installation «Melancholie» von Michael Günzburger. Sie befindet sich auf einer Felsnase im italienischen Nachbarort Villa di Chiavenna. Der Künstler liess daran meterlange weisse Feuerwehrschläuche befestigen. Sie wecken Assoziationen an Spaghetti oder Vermicelles. Die Basis für dieses Dessert bilden Marroni: Castasegna ist berühmt für seinen Edelkastanienwald.

Von Zilla Leutenegger stammt das Solar-Piano.

Von Zilla Leutenegger stammt das Solar-Piano.

Kehrten im Ausland reich gewordene Bergeller in ihre Heimat zurück, bauten sie sich repräsentative Häuser. Geradezu urban mutet die südliche Dorferweiterung aus dem 19. Jahrhundert mit klassizistischen Gebäuden an. Darunter ist auch die Villa Garbald – der einzige Bau des Architekten Gottfried Semper auf der Alpensüdseite. Auf der Terrasse mit Pergola steht ein Flügel. Bei Sonnenschein ertönen zarte Klänge. Die Toninstallation von Zilla Leutenegger funktioniert dank Solarzellen, die das me­chanisierte Piano zum Klingen bringen.

Der Strom fliesst von Castasegna nach Zürich

Die besondere Verbindung des Bergells zu Zürich rückt die St. Galler Künstlerin Valentina Stieger ins Bewusstsein. In je ein leeres Schaufenster in Castase­gna und in Zürich legte sie handelsübliche LED-Streifen. Die leuchtende Installation erinnert daran, dass die Wasserkraftwerke Bergell ab 1955 durch die Stadt Zürich gebaut wurden. Arbeitsplätze und Geld in Form vom Wasserzinsen kamen ins Tal.

Mit dem mit LED-Streifen beleuchtete Schaufenster in Castasegna thematisiert Valentina Stieger den 190 Kilometer langen Stromfluss nach Zürich.

Mit dem mit LED-Streifen beleuchtete Schaufenster in Castasegna thematisiert Valentina Stieger den 190 Kilometer langen Stromfluss nach Zürich.

Der Trogner Künstler H. R. Fricker hingegen sammelte in der Bevölkerung Berufsbezeichnungen. Damit beschriftete er Treppenstufen, die in den Nachbarort Soglio führen. «Schmuggler» und «Giacometti» sind darunter, hingegen fehlt «Söldner» – eine Tätigkeit, der einst viele Bergeller nachgingen.

H. R. Fricker beschriftete Treppenstufen mit Berufsbezeichnungen.

H. R. Fricker beschriftete Treppenstufen mit Berufsbezeichnungen.

Katalin Deér schliesslich setzt sich mit dem dominierenden Grün der Landschaft auseinander. Trotz seiner Lage auf 686 Metern herrscht in Castasegna ein Mittelmeerklima, in den Gärten wachsen Palmen und Feigenbäume. Die Künstlerin verwischt mit ihrer Installation aus emaillierten Kupferplatten, Spiegeln und Fotografien, die sie in einem alten Pavillon angebracht hat, die Grenze zwischen Innen und Aussen.

Katalin Deér richtete ihre Installation «Castasegna Verde Grün» in einem alten hölzernen Pavillon ein. (Bilder: Ralph Feiner, 2018 ProLitteris Zürich)

Katalin Deér richtete ihre Installation «Castasegna Verde Grün» in einem alten hölzernen Pavillon ein. (Bilder: Ralph Feiner, 2018 ProLitteris Zürich)

Künstlerbuch von Katalin Deér

Am 7. Juli 2018 präsentiert Katalin Deér ihr Künstlerbuch «Verde», das im jungen St.Galler Verlag Jungle Books erscheint. Treffpunkt um 15 Uhr im Pavillon neben dem Hotel Garni Post, Castasegna; Anmeldung bis 5. Juli.

Bis 21.10.18. Weitere beteiligte Künstler: Piero Del Bondio, Michele Ciacciofera, Gabriela Gerber & Lukas Bardill, Haus am Gern, San Keller, Carmen Müller.
Rahmenprogramm unter: https://arte-castasegna.ch/programm/

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.