Die wundersame Wirkung von Jules Verne

In schwierigen Zeiten werden Kinder schneller erwachsen. Das gilt auch für den neunjährigen Nino, den Ich-Erzähler in Almudena Grandes eben erst auf Deutsch erschienenen Roman «Der Feind meines Vaters», der auf einer wahren Geschichte beruht.

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Almudena Grandes. (Bild: Ivan Giménez/Tusquets Editores, 2006)

Almudena Grandes. (Bild: Ivan Giménez/Tusquets Editores, 2006)

In schwierigen Zeiten werden Kinder schneller erwachsen. Das gilt auch für den neunjährigen Nino, den Ich-Erzähler in Almudena Grandes eben erst auf Deutsch erschienenen Roman «Der Feind meines Vaters», der auf einer wahren Geschichte beruht. Die spanische Autorin ist bekannt für ihr Talent, ihren Leserinnen und Lesern historische Themen anhand von persönlichen Schicksalen nahe zu bringen.

Guerillakrieg in den Bergen

Es ist das Jahr 1947 und offiziell ist der Spanische Bürgerkrieg seit acht Jahren zu Ende. Doch im Untergrund geht der Widerstand gegen General Franco weiter. Nino wächst in Fuensanta auf, einem Dorf in den Bergen der spanischen Provinz Jaén. Mit seinen Eltern und seinen Schwestern wohnt er in der Kaserne des Dorfes. Sein Vater ist Polizeibeamter der Guardia Civil, die unter dem Franco-Regime die Aufgabe hat, Andersdenkende zu verfolgen. Nino ist klug, macht sich seine eigenen Gedanken und eines weiss er ganz bestimmt – niemals wird er zur Guardia Civil gehen wie sein Vater: «Ich wollte weder anderen Menschen Angst einjagen noch wissen, dass sie auf den Boden spuckten, sobald ich ihnen den Rücken zudrehte.»

In den Bergen rund um Fuensanta wimmelt es vor Widerstandskämpfern. Die Guardia Civil jagt sie erbittert, besonders deren Anführer Cencerro, der Robin Hood der Berge der Sierra Sur. Niemand darf wissen, dass Nino insgeheim Cencerro, den Feind seines Vaters, bewundert.

Das Grauen durchdringt Wände

Um den Krieg gegen die Partisanen zu gewinnen, sind der Guardia Civil fast alle Mittel recht – Folter ist an der Tagesordnung. Nino hört alles mit an: «Denn die Wände der Kaserne konnten keine Geheimnisse für sich behalten.» Doch viel schlimmer als die Schreie der Gefolterten ist für den Jungen ein anderes Geräusch – das Tapsen nackter Füsse auf Kacheln. Der Lärm hat seine Schwester Pepa geweckt und die will wissen, was los ist. «Es ist nichts, Pepica, sie zeigen nur einen Film.» Nino lügt die Vierjährige an, so wie ihn wenige Jahre zuvor seine grosse Schwester Dulce belogen hatte.

Eine grosse Freundschaft

Almudena Grandes ist eine grossartige Erzählerin. In ihrem mitreissend geschriebenen Roman entwirft sie ein differenziertes Bild der verschiedenen Protagonisten. Gekonnt schildert sie die Zerrissenheit von Ninos Vater, der viel lieber den Beruf wechseln würde, als Polizist zu bleiben. Was man bei der Lektüre vermisst, ist ein Glossar. Denn wer weiss schon, was ein Caudillo ist und wer die Falangisten sind?

«Der Feind meines Vaters» enthält jedoch viel mehr als nur Episoden aus einem endlosen Krieg, wie es im Untertitel heisst. Das Buch ist vor allem die Geschichte einer grossen Freundschaft. Nino lernt Pepe kennen, der die Mühle am Rande des Dorfes gepachtet hat, und bald schon wird dieser sein bester Freund und die Mühle zu seinem Zufluchtsort. Der Junge ahnt, dass Pepe ein Geheimnis hat: «Mit der Zeit sollte ich herausfinden, dass er nicht nur die Gabe besass, andere reden zu lassen, ohne etwas von sich selbst preiszugeben, sondern auch jedem das sagte, was er hören wollte.»

Lesen wirkt Wunder

Von Pepe erhält Nino sein erstes Buch – «Die Kinder des Kapitän Grant» von Jules Verne. Es ist das erste von vielen Büchern, denn nicht nur die Freundschaft zu Pepe, sondern auch das Lesen hilft Nino, das Elend in der Kaserne von Fuensanta zu ertragen. Almudena Grandes Roman ist auch eine Liebeserklärung an das Lesen. Der Buchtitel lautet auf Spanisch «El lector de Julio Verne» – Der Leser von Jules Verne. «Der Feind meines Vaters» ist ein Buch übers Erwachsenwerden, über Freundschaft, Zivilcourage und Mut und darüber, dass es im Leben manchmal nicht einfach ist, Freund und Feind voneinander zu unterscheiden.

Immer wenn Nino ein Buch beendet hat, das ihm besonders gefallen hat, so fühlt er sich wie ein Waisenkind. Verwaist fühlt man sich auch nach der Lektüre von Almudena Grandes Roman, denn liebend gern würde man weiter und weiter lesen.

Christina Genova

Focus - Buch der Woche - Almudena Grandes

Focus - Buch der Woche - Almudena Grandes