Lucerne Festival: Das wunderbare heimatliche Comeback von Edith Mathis

Die grosse Schweizer Sopranistin kehrte – passend zum Festival-Thema – an den Ort ihrer Kindheit zurück. Ihre Heine-Vorträge ergaben mit den Heine-Liedern von Robert Schumanns «Dichterliebe» ein überraschendes Gesamtkunstwerk.

Fritz Schaub
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Präzise Gedichtvorträge: Edth Mathis bot alle Nuancen zwischen Emotion und feiner Ironie. (Bilder: Peter Fischli / Lucerne Festival, 18. August 2018)

Präzise Gedichtvorträge: Edth Mathis bot alle Nuancen zwischen Emotion und feiner Ironie. (Bilder: Peter Fischli / Lucerne Festival, 18. August 2018)

Sieben Heine-Lieder des durch Robert Schumann in echt romantischem Geist vertonten Lieder-Zyklus «Dichterliebe» sang der junge österreichische Bariton Rafael Fingerlos zunächst, während Edith Mathis vorerst stumm danebensass und man gespannt auf ihren Einsatz wartete.

Dann hub sie an mit dem ersten Heine-Gedicht «Es stehen unbeweglich die Sterne in der Höh’», und man vernahm Verse, die wie verführerische Melodien klangen. Mit derselben Natürlichkeit, mit der die Luzerner Klassikikone auf den grossen Bühnen der Welt und an den bedeutendsten Festivals (Salzburg, Glyndebourne oder natürlich Luzern) Lieder und Oper sang, trug sie Heines Verse am Samstag in der Luzerner Lukaskirche vor. Da war nichts von Wehmut oder Nostalgie.

Die gegenüber früher kaum veränderte Künstlerin war einfach gegenwärtig wie eh und je. War sie früher eine wissende Sängerin, die genau verstand, was sie sang, so war sie jetzt mit ihren 80 Jahren eine Rezitatorin, die den Sinn des Gesprochenen mit einer Ruhe, Präzision und Selbstverständlichkeit vermittelte, dass man ganz Ohr war und gespannt an ihren Lippen hing. Spätestens beim Gedicht «Die Lotosblume» erkannte man, dass die rezitierten Heine-Gedichte (meistens aus dem «Lyrischen Intermezzo») sich sinnvoll auf die entsprechenden Lieder oder Liedgruppen des Zyklus bezogen, in denen es meist um unglückliche Liebe geht.

Die ironische Seite von Heinrich Heine

Zwar wurde der Charakterzyklus der «Dichterliebe» damit durchbrochen, dafür kam eine andere Seite Heines, nämlich die ironische, zum Vorschein. Während Schumann die Lieder als überzeugter Romantiker als Gefühlsregungen zum Nennwert nahm, gebrauchte Heine das Vokabular der Romantik nicht selten als Worthülse oder relativierte ihren romantischen Sinn oder Zauber durch Ironie.

In den Versen, die Mathis auswählte, schlug diese Ironie indes nicht in Zynismus aus, sondern es war alles Scherz und Ernst zugleich. In der Vortragsweise von Edith Mathis hielten sich diese Gegensätze die Waage, mit einem Augenaufschlag, einer kaum merklichen Senkung oder Erhöhung der Stimme, einem schelmischen Lächeln vermochte sie den verborgenen Sinn, den Witz oder ganz einfach die hier herrschende Ambivalenz anzudeuten. Da konnte man verschmerzen, dass man keinen Text vor sich hatte.

Jugendlich kraftvoller Liedinterpret

Anders beim Sänger: Da war man im Gegenteil froh, dass man den Text im Programmheft mitlesen konnte. Rafael Fingerlos besitzt fraglos einen kraftvollen, dunkel gefärbten Bariton, und er scheute sich nicht, sein sängerisches Potenzial abzurufen. Aber die Forte-Töne und die leisen Stellen klafften zu oft auseinander. Das Piano wirkte dann dünn, und mit ihm sank auch der Wortinhalt ab.

Rafael Fingerlos (Bariton) und Saschaa El Mouissi (Klavier).

Rafael Fingerlos (Bariton) und Saschaa El Mouissi (Klavier).

Eindrücklich gelangen ihm Gesänge wie «Ich grolle nicht» oder «Die alten bösen Lieder», wo er seine Stimme voll aufdrehen und durchgehend einen grimmigen Rhythmus anschlagen kann. Da kommt es im halligen Raum der Lukaskirche zu fast opernhaftem Aufschwung.

Dabei wirkte der Gefühlsausdruck echt, so in «Ich hab’ im Traum geweinet», wo die Stimme in der Tränenflut am Ende fast erstickte. Wo auch Schumann Ironie aufnimmt, wie in «Ein Jüngling liebt ein Mädchen», kam diese zum Tragen. Und das desillusionierte «Es ist eine alte Geschichte» wurde auch gestisch verstärkt. Die Begleitung von Sascha El Mouissi am Klavier untermauerte den romantischen Charakter, ja brachte ihn in Vor- und Nachspielen erst richtig zur Entfaltung. Alle drei nahmen den mehr als verdienten Beifall entgegen.

Die Deutsche Grammophon hat zum 80. Geburtstag der Sängerin eine sieben CDs umfassende Box mit Einspielungen aus den Jahren 1960 bis 1984 herausgegeben.

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