Die wuchernden Fantasiegestalten, die der Herisauer Architekt Reinhard Waldburger während langer Sitzungen kritzelte, sind als Buch erschienen

Seine farbenfrohen Zeichnungen bezeichnet der 75-Jährige nicht als Kunst, sondern als Zeitvertreib.

Rolf App
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Der Herisauer Architekt Reinhard Waldburger nimmt sich nicht so bierernst.

Der Herisauer Architekt Reinhard Waldburger nimmt sich nicht so bierernst.

(Bild: PD)

Vor wenigen Tagen ist Reinhard Waldburger vom Roten Meer zurückgekehrt, jetzt sitzt er in seinem Haus in der Rüti und schaut hinab auf Herisau – und auf einige der vielen Häuser, die der 75-Jährige Architekt im Ausserrhoder Hauptort gebaut hat. Vor allem das Zentrum hat er stark geprägt, mit dem «Treffpunkt» und dem «Gutenberg». Es ist, sagt er mit dem ihm eigenen trockenen Humor, «der Tolggen, den ich hinterlasse».

Sein Sohn führt das Architekturbüro weiter, da und dort arbeitet der Vater noch mit – und würde auch in einem nächsten Leben wieder Architekt werden, trotz all der Vorschriften, die man dabei zu beachten hat, und trotz mancher Auseinandersetzung, von der er erzählt. Ein lebhaftes Hin und Her mit den Behörden hat etwa ein kühn ins Tal hinaus ragendes, von Stützen getragenes Haus ganz in der Nähe ausgelöst. Die Leute nennen es die «Schublade».

Wenn Waldburger solche Geschichten erzählt, spürt man etwas Eigenwillig-Verspieltes in seinem Wesen. Eine Lust am Erkunden und Experimentieren. Und eine mit Humor gewürzte Leichtfüssigkeit. Schon immer ist er viel gereist, mit Neunzehn per Autostopp ums Mittelmeer und später im VW-Bus rund um den Globus. Und schon immer hat er die Bewegung geliebt. Bis vor wenigen Jahren ist er mit dem Gleitschirm geflogen, und noch immer geht er gerne tauchen. Obschon im Roten Meer, das er seit Jahrzehnten kennt, mittlerweile fast mehr Taucher als Fische anzutreffen sind – und rechts und links der Landstrasse jede Menge Plastik.

Nicht Kunst, sondern Zeitvertreib

Verspielt klingt auch, wie er sein neuestes Projekt umschreibt: Nein, er erhebe nicht den Anspruch, dass das Kunst sei, lautet seine Erklärung zu all den farbenfrohen Zeichnungen, die ihn umgeben. Sondern es sei Zeitvertreib, Hobby, was auch immer. Oder eben «Chriblete», wie er sagt: «Andere lösen Kreuzworträtsel oder machen Sudoku.»

Ein Teil hat Eingang gefunden in ein Buch: «Scribble Art», eine kleine, allerdings höchst unvollständige Werkschau. Denn es geht weiter. Waldburger ist gerade dabei, eine Scheune zum Atelier umzubauen. Hier wird er Platz haben für Grossformatiges, für Experimente. «Ich bin ja Autodidakt und habe keine Vorbilder», sagt er. «Vieles ist neu für mich. Und darauf freue ich mich.»

«Ich bin eben nicht so ­tierisch ernst»

Gezeichnet hat Reinhard Waldburger schon immer. Bei langen Sitzungen, beim Telefonieren, im Hotel: Stets hat er genutzt, was gerade so in Reichweite lag. Post-it-Zettel, Rechnungen, Zeitungsseiten, Stimmzettel, Kuverts, Telefonnotizen sind mit oft sehr farbigen Skizzen ausgeschmückt worden – Hervorbringungen eines ausufernden Unbewussten. «Ich denke nicht viel dabei», sagt Waldburger. «Es entsteht einfach.»

Seine einstige Sekretärin hat gesammelt, was er selber oft achtlos in den Papierkorb geworfen hat: bunte Skizzen, wild wuchernde Fantasiegestalten, üppige Frauenfiguren und rätselhaft-geometrische Gebilde. «Was mich da wohl geritten hat?», fragt er sich selbst mehr als einmal während unseres Gesprächs.

Einiges erinnert in seiner karikaturistisch-humorvollen Zuspitzung an Tomi Ungerer. «Waldburgers patentiertes Universal-Anteilnahme-Formular» etwa, auf dem man ankreuzen kann, ob man sich für das nette Geschenk bedankt – oder «für die Überlassung Ihrer Gattin». «Ja», sagt Reinhard Waldburger: «Ich bin eben nicht so tierisch ernst.»

Reinhard Waldburger: Scribble Art – Eine Werkschau. Werd & Weber, Fr.49.–

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